Die Lust an der Schuld

Warum moralische Belehrung die Völkerkundemuseen heute so ungenießbar macht
Um ein Thema, über das seit Jahren heftig gestritten wurde, ist es auffällig ruhig geworden: um die Rückgabe ethnologischer Museumsbestände an die Herkunftsgesellschaften – oder wie man sich angewöhnt hatte zu sagen: um die Restitution kolonialer Raubkunst, die sich die europäischen Kolonialherren gewaltsam oder zumindest unrechtmäßig angeeignet hätten. Der renommierte Berliner Afrikahistoriker Andreas Eckart schlug bereits Alarm und vermutet hinter dem Abflauen der Debatte ein schleichendes politisches Rollback. Aber die Gründe dürften viel einfachere sein. Denn allmählich werden die Schäden sichtbar, die der postkoloniale Aktivismus auf diesem Feld angerichtet hat.
Nicht nur, dass sich die großen ethnologischen Sammlungen mittlerweile allesamt auf der Ankla-gebank sehen und seit Jahren mehr mit Buß- und Reueübungen beschäftigt sind als mit ihrer eigentlichen Aufgabe – der Vermittlung und Präsentation fremder Kulturen. Aber auch die Verwirrung wird immer deutlicher, die gut gemeinte, aber erschreckend ahnungslose Restitutionen in den Herkunftsländern angerichtet haben. Denn es ist eben nicht so einfach, herauszufinden, welche Adressaten einen berechtigten Anspruch erheben können und welche nicht. Politisches Eiferertum hilft da nicht weiter, wo es um schlichte Kenntnis der ethnografischen Zusammenhänge geht.
Das zeigte sich bei der Rückgabe des persönlichen Nachlasses von Hendrik Witbooi, des großen Führers der südwestafrikanischen Nama, ebenso wie bei der berühmten Säule von Cape Cross, die im Deutschen Historischen Museum in Berlin gelandet war und mit den frühen portugiesischen Seefahrern mehr zu tun hat als mit den traditionellen Stammesgesellschaften am Kap von Afrika.
Was in früheren Restitutionsdebatten die berühmten Elgin Marbles für die Griechen waren oder die Nofretete für Ägypten, sind heute die berühmten Benin-Bronzen für Nigeria, Kunstwerke, die eine britische Strafexpedition einst nach London verschleppte.
Die Fachwelt duckt sich weg
Deren Rückkehr nach Benin City war längst schon beschlossene Sache, als sich herausstellte, dass auch diese Restitution nicht völlig konfliktfrei war. Denn anstatt in einem mit deutscher Hilfe neu gebauten Nationalmuseum zu landen, wo sie im Kontrast zu moderner afrikanischer Kunst gezeigt werden sollten, erhob der Oba von Benin und damit das alte Herrscherhaus seinen Anspruch auf die Bronzen. Der Staat Nigeria gab ihm gegen alle Absprachen dann auch noch recht. Was in etwa mit einer Entscheidung der deutschen Behörden vergleichbar gewesen wäre, die Berliner Museumsbestände wieder dem Haus Hohenzollern als den Nachfahren des deutschen Kaisers zu übereignen. Bei der Eröffnung stürmten jedenfalls militante Demonstranten das neu erbaute Museum of West African Art, und den Verantwortlichen dort blieb nichts anderes übrig, als die Veranstaltung mit internationalen Gästen abzubrechen. Der Oba Ewuare II., ein Nachfahre der alten Königsfamilie, hatte gesiegt.
Erst nachdem die postkoloniale Hybris. ihren Höhepunkt überschritten hat, kann. man das Ausmaß der Schäden erkennen,. die sie vielerorts angerichtet hat
Nun hätte man mit Fug und Recht erwarten können, dass wenigstens die Museumsleitungen jener Häuser, die an der Spitze der Restitutionskampagne standen, etwas zerknirscht auf diese Entwicklung reagiert hätten. Aber dort herrscht eher betretenes Schweigen.
Zu diesem verdrucksten Eindruck passt auch, dass inzwischen ein Fachfremder die Bilanz dieser Art von Museumspolitik fällen muss. Sie fällt entsprechend verheerend aus. Denn was der frühere mecklenburgische Finanzminister und heutige Publizist Mathias Brodkorb in seiner Streitschrift über jene Postkolonialen Mythen zusammengetragen hat, die derzeit wie Vogelgrippe in deutschen Museen grassieren, hätte allemal ausgereicht, um ein öffentliches Scherbengericht zu veranstalten. Ideologisch verblendeter Umgang mit den ihnen anvertrauten Museumsobjekten wäre noch der geringste Vorwurf gewesen. Aber da die entsprechende Kulturpolitik von Hamburg über Leipzig bis nach Berlin mitten in diesem Schlamassel steckt, kann man nur noch mit Bitterkeit feststellen: Wo kein Kläger ist, gibt es auch keinen Richter.
Im Gegenteil. Der Umstand, dass es zunächst eher „rechte Kreise“ waren, die das Buch rezensierten, während die Fachwelt lange darüber schwieg, war ein willkommener Anlass gewesen, sich hinter der eigenen Empörung erst einmal zu verstecken. Rollback ist schon das passende Kampfwort dafür.
Umdeutung der Geschichte
Dabei kann man an Brodkorbs Buch durchaus einige Kritik üben, ohne deshalb seine haarsträubenden Beispiele ignorieren zu müssen, die er mit großer Akribie und dem richtigen Blick zusammengestellt hat. Man sollte sich nur das Kapitel über das Leipziger Grassi Museum anschauen, wo eine wild gewordene Museumsdirektorin, die es längst nicht mehr gibt, eine Spur der Verwüstung hinterlassen hat, die ihr sanftmütiger Nachfolger jetzt wieder verwischen muss. Nicht einmal das Fernbleiben der Besucher in diesem einst so beliebten Haus, hatte die verantwortliche Kulturpolitik rechtzeitig aus ihrem Behördenschlaf wachrütteln können.
Erst nachdem die postkoloniale Hybris ihren Höhepunkt überschritten hat, kann man das Ausmaß der Schäden sehen, die sie vielerorts angerichtet hat. Die Sturmflut ebbt ab, und man kann jetzt die Ruinen erkennen.
Mathias Brodkorb Postkoloniale Mythen. Auf den Spuren eines modischen Narrativs
Zu Klampen Verlag 2025, 272 Seiten, 28 Euro

Dazu gehören nicht nur die Museen selbst, denen ihr Selbstvertrauen darüber verloren ging und die bis heute nicht wissen, wie sie ihre leer geräumten Vitrinen wieder füllen können. Dazu gehört auch die ernsthafte Neubestimmung unseres immer noch auf Europa zentrierten Geschichtsbildes, eine Debatte, die schon lange an unseren herkömmlichen Vorstellungen nagt. So wird derzeit nicht nur unser Bild von der Antike umgeschrieben; auch die Verflechtungsgeschichte des Mittelalters sieht plötzlich sehr viel differenzierter aus. Und was für Europas Beziehungen zur übrigen Welt gilt, macht vor der Geschichte Afrikas eben nicht halt. Auch die Bronzen aus Benin waren Teil eines transatlantischen, auf dem Sklavenhandel basierenden Wirtschaftsraums, für den sich die Metapher vom „Black Atlantic“ einzubürgern beginnt.
Das alles hat mit der klappernden Rhetorik postkolonialer Debatten zum Glück nichts zu tun. Aber ein Buch wie das von Mathias Brodkorb muss erst einmal die ideologische Enttrümmerungsarbeit leisten, bevor wir überhaupt wieder ernsthaft darüber reden können, wie sehr unsere globale Gegenwart auf unserer globalen Vergangenheit beruht.
Johann Michael Möller
RC Berlin-Brandenburger Tor, ist Publizist und Herausgeber des Rotary Magazins.Unseren Autor erreichen Sie unter moeller@rotary-verlag.de
Foto: privat


























