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von Thomas Speckmann |
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Willige oder unwillige Vollstrecker Hitlers?

„Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ forderte das NS-Regime von den Deutschen – diese antworteten mit Missfallen gegen das „Dritte Reich“ und kämpften dennoch bis zu seinem „Endsieg“: Götz Aly und Peter Longerich auf der Suche nach den Gründen

Die Deutschen kämpften 1945 bekanntlich bis zum – nicht zuletzt für sie selbst bitteren – Ende. Der Historiker Götz Aly führt den aus heutiger Sicht vollkommen wahnsinnig wirkenden Todeskampf der nationalsozialistischen Diktatur noch einmal vor Augen. Die Gefallenenzahlen sprechen für sich: Ardennenoffensive – Mitte Dezember 1944 bis Mitte Januar 1945: 80.000 deutsche und westalliierte Soldaten; Panzerschlacht am Plattensee – 6. bis 16. März 1945: 50.000 Soldaten der Wehrmacht und der Roten Armee; Schlacht um die Seelower Höhen – Mitte April 1945: 45.000 auf beiden Seiten; Kesselschlacht im Unteren Spreewald, 60 Kilometer südlich von Berlin nahe dem Dorf Halbe – Ende April 1945: 30.000 deutsche und 20.000 sowjetische Soldaten sowie etwa 10.000 Zivilisten; Endkampf um Berlin – 16. April bis 2. Mai 1945: 92.000 deutsche und 81.000 sowjetische Soldaten, zudem mehrere Zehntausend Zivilisten – Zwangsarbeiter, Flüchtlinge, Deserteure, bereits befreite KZ-Insassen, Greise, Frauen und Kinder.

Diesem konkreten Grauen auf den Schlachtfeldern stellt Aly ein größeres, abstrakter wirkendes Bild der Zahlen zur Seite – eine Statistik des Todes und der Zerstörung: 30 Prozent der deutschen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg starben, fanden den Tod in den letzten vier Kriegsmonaten des Jahres 1945 – insgesamt 1,5 Millionen. Ein Jahr zuvor waren es 1,8 Millionen, was 34 Prozent der insgesamt 5,3 Millionen Gefallenen entsprach. Damit waren zwei Drittel aller Verluste in den letzten 16 Kriegsmonaten zu beklagen – in zunehmend aussichtsloser Lage.

Im Hinblick auf den gescheiterten Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 gewinnt die Todesstatistik in den Augen von Aly noch schärfere Konturen: In den darauffolgenden 260 Kriegstagen seien mehr als 2,3 Millionen deutsche Soldaten gefallen – täglich 9300. Alys These dazu: Wäre der Umsturz gelungen, hätten nicht nur die meisten dieser 2,3 Millionen überlebt, sondern Deutschland seien auch mehr als 70 Prozent aller Bomben, die es im Krieg trafen, erspart geblieben.

Aber es kam bekanntlich anders. Warum? Dieser zentralen Frage geht Aly in seinem neuen Opus mag­num nach. Seine Antwort: Von der Mitwisserschaft, dem Mitprofitieren, der Mitschuld oder direkter Mittäterschaft an den deutschen Verbrechen geplagt und getrieben, hätten Millionen von Wehrmachtssoldaten blindlings bis zum Ende gekämpft.

Peter Longerichs Gegenthese

Was kaum dazu passen mag, bezeichnet Aly als „jähen Energieabriss“, den der Zusammenbruch bewirkt habe, als die Deutschen die Waffen streckten: Die Alliierten hätten mit Guerillaaktionen, Sabotage, Heckenschützen und Widerstand gerechnet. Fast nichts davon sei geschehen. Aly zitiert Joseph Goebbels, der im Oktober 1944 verkündet hatte: „Jedes Haus eine Festung!“ In der SS-Zeitung Das Schwarze Korps war dann Anfang 1945 zum Partisanenkrieg aufgerufen worden. Davor hätten die Engländer riesige Angst, redete sich Goebbels nach Alys Schilderung ein. Noch im März 1945 habe er versucht, Jugendliche und junge Männer für die Organisation „Werwolf“ zu gewinnen – vergeblich. Goebbels selbst musste eingestehen, es fehle am „richtigen Druck dahinter“. Statt „systematischer Tätigkeit“ konnte er nur „geringe Aktivität“ erkennen. In Alys Darstellung fand er niemanden mehr, der die „Werwolf-Arbeit (…) außerordentlich radikalisiert“ vorantreiben wollte.

Wie passt all das mit dem befohlenen und weitgehend befolgten Kampf bis zum nationalsozialistisch propagierten „Endsieg“ zusammen? Bei Alys Kollegen Peter Longerich kann man eine Antwort darauf finden. Der Historiker bezeichnet die Deutschen in der NS-Zeit als „unwillige Volksgenossen“ und hat ihnen sein gleichnamiges neues Buch gewidmet. In ihm stellt er die Vorstellung einer „Zustimmungsdiktatur“ infrage, nach der die Mehrheit der Deutschen 1933 von einer Aufbruchstimmung ergriffen worden sei und sich überraschend schnell den neuen Machthabern angeschlossen habe. Grundlage seiner Argumentation ist die Auswertung von Stimmungsberichten aus der damaligen Zeit – sowohl von Dienststellen der nationalsozialistischen Diktatur als auch aus dem sozialistischen Exil.

Kaum persönliche Opferbereitschaft

Nach Longerichs Analyse dieser Berichte spiegelt sich in ihnen für den gesamten Zeitraum 1933 bis 1945 übereinstimmend in allen Teilen des Reiches ein erheblicher und breit gestreuter Unwille in der Bevölkerung über die Verhältnisse im „Dritten Reich“, der sich sowohl auf die sozialen Großgruppen Arbeiter, Landwirte, Mittelstand und Bürgertum erstreckte, als auch beim überwiegenden Teil der katholischen kirchentreuen Bevölkerung sowie bei den Anhängern der protestantischen „Bekenntnisfront“ festzustellen war. Dieser Unwille habe sich auch gegen die lokale Herrschaft der Partei gerichtet, während bei aller Anerkennung der außenpolitischen Erfolge des Regimes vor 1939 immer wieder Kriegsangst ausgebrochen sei und im Verlauf des Krieges die Hoffnung auf ein baldiges Ende desselben vorgeherrscht habe.

Aufgefallen ist Longerich vor allem, dass die Mehrheit der Bevölkerung die zentralen ideologischen Ziele des Nationalsozialismus nicht aus innerer Überzeugung und im Konsens mit dem Regime mittrug. Im Kern hätten Adolf Hitler und die nationalsozialistische Führung ja das Ziel verfolgt, das deutsche Volk in eine durch ihren „Führer“ geeinte, rassisch homogene „Volksgemeinschaft“ zu verwandeln, in der die sozialen Unterschiede und Gruppeninteressen sowie die konfessionellen Differenzen zurücktreten sollten zugunsten einer Konzentration auf Aufrüstung und entschlossene kollektive Kriegsbereitschaft, letztlich mit dem Ziel der Eroberung von „Lebensraum“. Unter der Parole „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ seien im Zuge dieses Transformationsprozesses vom einzelnen Bürger erhebliche Opfer erwartet worden.

Götz Aly Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945

S. Fischer Verlag 2025, 762 Seiten, 34 Euro

Foto: PR

Longerich hat anhand der Stimmungsberichte überprüft, inwieweit der Katalog von nationalsozialistischen Zielsetzungen auf Zustimmung in der Bevölkerung stieß. Für ihn ergibt die Auswertung ein eindeutiges Bild: Zunächst zeige sich, dass die unterschiedlichen sozialen Großgruppen keineswegs bereit gewesen seien, ihre Eigeninteressen im Sinne des „Gemeinnutzes“ aufzugeben, sondern diese konsequent weiterverfolgt hätten. Das gelte für die Arbeiter, die zum einen keine besondere Dankbarkeit gegenüber dem Regime für die Beseitigung der Arbeitslosigkeit gezeigt hätten, zum anderen aber nicht hätten einsehen wollen, dass sie sich, um die Aufrüstung zu sichern, mit kargen Löhnen zufriedengeben sollten.

Das Gleiche gilt nach Longerich für die Landwirte, die durch ihre erzwungene Eingliederung in ein System der Marktregelung und Preisregulierung ihre Selbstständigkeit gefährdet gesehen und dagegen aufgemurrt hätten, aber auch für die Landarbeiter, die die heimische Scholle verlassen und besser bezahlte Arbeit in der Industrie gesucht hätten, ohne Rücksicht auf die Sicherung der Volksernährung zu nehmen, sowie für den gewerblichen Mittelstand, der unter den Druck der Rüstungskonjunktur geraten sei und zum Teil um seine Existenz oder doch zumindest um seine Geschäftsumsätze gebangt habe, und nicht zuletzt für das Bürgertum, das angesichts nationalsozialistischer „Gleichmacherei“ und „Kulturlosigkeit“ besonders auf die Einhaltung seines privilegierten Status geachtet und sich wegen seines, wie es ein Berichterstatter ausgedrückt habe, „Bürgerdünkels“ Angriffen ausgesetzt gesehen habe.

Peter Longerich Unwillige Volksgenossen. Wie die Deutschen zum NS-Regime standen. Eine Stimmungsgeschichte

Siedler Verlag 2025, 637 Seiten, 34 Euro

Foto: PR

Kontrolle der Öffentlichkeit

Hinzu kommt für Longerich, dass die nationalsozialistische Kirchenpolitik – anstatt die konfessionelle Spaltung in Deutschland zu überwinden – zum erbittert ausgetragenen protestantischen „Kirchenstreit“ geführt und die kirchentreue katholische Bevölkerung zum Teil in eine Oppositionsrolle getrieben habe. Auch die rassistische Ideologie und Politik des Regimes sind nach Longerichs Untersuchung von der breiten Bevölkerung nicht proaktiv mitgetragen worden. Das gelte sowohl für die „Euthanasie“ als auch für die Verfolgung und Ermordung der Juden.

Für Longerich macht die Analyse der amtlichen Stimmungsberichterstattung des „Dritten Reiches“ im Kern deutlich, dass Diktaturen vor allen Dingen „top-down“ funktionieren und den sie angeblich tragenden Konsens durch die Kombination von Medienmonopol, Kontrolle der Öffentlichkeit und Repression künstlich herstellen können. Die Vorstellung, dass das NS-System nur deshalb lange Bestand haben konnte, weil es von breiter Zustimmung getragen wurde, verkennt seiner Ansicht nach die weitgehende Handlungsautonomie, die eine diktatorische Führung mit der Beherrschung aller ihr zur Verfügung stehenden Machtmittel erreichen kann. So könnte sich wiederum erklären, warum die Deutschen 1945 bekanntlich bis zum – nicht zuletzt für sie selbst bitteren – Ende kämpften.

Dr. Thomas Speckmann

ist Historiker und Politikwissenschaftler und hat Lehraufträge an den Universitäten Bonn, Münster, Potsdam und der FU Berlin wahrgenommen.

Foto: privat
Thomas Speckmann

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