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von Franz Bairlein |
| Lesezeit: 6 Minuten

Das Wunder des Vogelzugs

Zweimal im Jahr begeben sich Millionen von Zugvögeln auf eine faszinierende Reise in ihre Sommer- oder Winterquartiere 

Die alljährlichen Wanderungen der Zugvögel gehören zu den faszinierendsten Schauspielen der Natur. Jedes Jahr legen Millionen von Vögeln weite Strecken zwischen ihren Brutgebieten und den Überwinterungsgebieten zurück. Dabei überwinden sie Ozeane, Wüsten und Gebirge. Diese erstaunliche Leistung hat die ­Menschen seit Jahrhunderten beschäftigt und ist bis heute Gegenstand intensiver Forschung.

Schon Aristoteles (384–322 v. Chr.) und Kaiser Friedrich II. (1194–1250) beschäftigten sich mit dem jahreszeitlichen Erscheinen von Vögeln, doch woher die Vögel kamen oder wohin sie gingen, blieb ein Mysterium. Dies änderte sich erst mit der institutionellen Einführung der wissenschaftlichen Vogelberingung zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die deutschen Vogelwarten Rossitten (heute: Vogelwarte Radolfzell am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell) und Helgoland (heute: Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven). Bei der Beringung werden Vögel mit kleinen nummerierten Metallringen an den Beinen markiert, auf denen auch eine Adresse eingeprägt ist, an die ein nachfolgender Fund gemeldet wird. Viele weitere sogenannter Beringungszentralen folgten. Seither wurden Millionen von Vögeln beringt, die zahlreiche Wiederfunde erbrachten, mit denen sich die Zugwege und Wintergebiete vieler Arten beschreiben lassen. Heute ermöglichen moderne Trackingmethoden wie GPS-Sender, Satellitentechnik und Fahrtenschreiber deutlich präzisere Einblicke. Sie zeigen nicht nur den exakten Verlauf des Zuges des einzelnen Vogels, sondern auch Fluggeschwin-digkeit, Zughöhe und sogar das Verhalten während des Fluges.

Innerer Antrieb

Junge Gänse, Kraniche oder Störche folgen ihren Eltern. Junge Rotkehlchen dagegen ziehen, wie die meisten Zugvögel, alleine und nachts. Woher weiß ein junges Rotkehlchen oder gar ein junger Kuckuck, der seine Eltern nicht einmal kennt, wann es Zeit ist, zum Zug aufzubrechen, woher, wo sein Winterquartier ist und auf welchen Zugwegen er dieses erreicht, und wie findet er seinen Weg?

Lange Zeit herrschte die Annahme, dass Vogelzug unmittelbar durch Umweltfaktoren ausgelöst wird. Oft beschrieben ist so die Winterflucht: Massenzug von beispielsweise Buchfinken beim Auftreten von Kaltfronten oder nach Schneefall.

Ganz anders ist dies jedoch bei den langstreckenziehenden Zugvögeln, die in den Tropen überwintern. Sie verlassen ihre Brutgebiete bereits mitten im Sommer, wenn noch ausgezeichnete Umweltbedingungen herrschen.

Grundlage hierfür ist, dass diese Vögel über ihren eigenen, einen angeborenen Kalender verfügen, der ihnen den Zeitpunkt zum Aufbruch bestimmt. Dieser Entdeckung kam zugute, dass sich bei entsprechender Erfahrung junge Zugvögel per Hand mit der Pinzette aufziehen und anschließend unter kontrollierten Bedingungen im Käfig halten lassen. Hier zeigen sie ihr dem Freilandverhalten entsprechendes Zugverhalten. Sie sind im Käfig nur dann nachts aktiv, als Ausdruck ihres nächtlichen Zuges, wenn sie auch im Freiland ziehen würden.

Vögel sind im Käfig nur dann nachts aktiv, als Ausdruck ihres nächtlichen Zuges, wenn sie auch im Freiland ziehen würden

Franz Bairlein

Die Menge an nächtlicher Zugunruhe, die vom Vogel in einer Zugsaison produziert wird, bestimmt auch die Entfernung, die er zurückzulegen hat. Arten, die nur sehr kurze Strecken ziehen, zeigen wenig Zugunruhe, die von uns nach Westafrika ziehenden Arten dagegen sehr viel.

Hält man sie dabei in Rundkäfigen, versuchen sie in der Richtung den Käfig zu verlassen, in die sie im Freiland ziehen würden. Auch die Zugrichtung ist also angeboren. Mit diesem angeborenen Programm können erstmals ziehende unerfahrene Jungvögel gleichsam automatisch ihre Winterquartiere erreichen: Sie brauchen nur so lange in die angeborene Richtung zu fliegen, wie ihnen über ihr inneres Zugzeitprogramm vorgegeben ist, und erreichen so exakt ihr Ziel. Ihre Richtung finden sie im realen Zug mithilfe sogenannter biologischer Kompasse. Bei Tag ziehende Vögel orientieren sich an Landmarken wie Küsten, Flüssen und Gebirgen oder nutzen den Sonnenstand. Nachts ziehende Arten dagegen nutzen die Gestirne und das Magnetfeld der Erde. Die Wahrnehmung des Magnetfeldes geschieht im Auge mittels magnetsensitiver Moleküle.

Fett als Treibstoff

Die energetischen Kosten für den Zug sind immens. Insbesondere solche Arten, die große ökologische Barrieren wie Meere und Wüsten überwinden, benötigen enorme Energiereserven. Energie (Treibstoff) für den aktiven Flug ist hauptsächlich Fett. Ohne entsprechende Fettreserven sind lange Flüge nicht möglich. Eine der auffälligsten Anpassungen an das Zugverhalten vieler Arten ist deshalb ein ausgeprägtes zugzeitliches Fettwerden, die sogenannte zugzeitliche Fettdeposition. Insbesondere Arten, die große ökologische Barrieren wie Meere und Wüsten überwinden müssen, speichern dabei gewaltige Mengen an Fett. Manche Arten verdoppeln ihr Körpergewicht, wie Steinschmätzer, die aus ihrem Brutgebiet in Nordost-Kanada in einem einzigen Nonstop-Flug über den Atlantik nach Westeuropa ziehen und von hier weiter nach Westafrika.

Grundlage für die zugzeitliche Fettdeposition ist eine angeborene Disposition. Auch im Käfig werden solche Zugvögel nur dann fett, wenn sie im Freiland ziehen würden.

Unverzichtbare Rastgebiete

Ein erfolgreicher Zug hängt davon ab, dass diese Nahrung in Rastgebieten zur Verfügung steht. Dabei ist entscheidend zu wissen, wo sich die Rastgebiete befinden, wie viel Fett die einzelne Art für ihre Zugetappen benötigt und in welchem Abstand Rastplätze vorhanden sein müssen. Dies ist gerade deshalb so wichtig, weil in einer zunehmend veränderten Landschaft auch geeignete Rastplätze knapp werden.

Viele arktische Watvögel verbringen den nördlichen Winter in Afrika. Für sie ist das Wattenmeer der südlichen Nordsee eine einzigartige und unverzichtbare Drehscheibe ihres Zuges; etwa 15 Millionen Vögel nutzen diese alljährlich auf ihren Wanderungen, um sich hier im Herbst auf den Zug nach Afrika oder im Frühjahr auf den Rückzug in die arktischen Brutgebiete vorzubereiten.

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Ähnlich ist es mit Rastgebieten für die vielen Arten, die aus Europa nach Westafrika südlich der Sahara ziehen. Die für sie entscheidenden Rastgebiete liegen in Nordwest-Afrika, im Maghreb. Dort erfolgt für sie die hauptsächliche Fettdeposition im Herbst, unmittelbar vor Aufbruch zur Durchquerung der Sahara, aber auch das „Nachtanken“ nach Überquerung der Sahara im Frühjahr, ohne das für viele Arten ein sicheres Erreichen der Brutgebiete nicht möglich ist. Allerdings sind die dortigen Rastgebiete derzeit massiven ökologischen Veränderungen ausgesetzt, insbesondere durch Landverbrauch und Intensivierung der Landwirtschaft, wodurch Rastmöglichkeiten für die Zugvögel verloren gehen – eine maßgebliche Ursache für den Rückgang gerade vieler Zugvogelarten. Auch in den afrikanischen Überwinterungsgebieten sind Zugvögel durch massiven Landverbrauch und Intensivierung der Landwirtschaft gefährdet.

Gefährliche Reise

Noch immer werden Zugvögel während ihrer Wanderung massenhaft getötet. Eine Studie von Bird Life International schätzt, dass im Mittelmeergebiet jährlich bis zu 36 Millionen Zugvögel durch illegale Verfolgung zu Tode kommen, davon allein etwa 25 Millionen im östlichen Mittelmeerraum. Daneben werden viele Zugvogelarten aber nach wie vor auch legal bejagt. So beispielsweise allein 1,4 Millionen Turteltauben – wichtigste Ursache für ihren derzeit so starken Rückgang. Dennoch ist diese menschliche Verfolgung für die Mehrzahl der bei uns in ihren Beständen abnehmenden Zugvögel nicht die primäre Ursache für die Rückgänge. Denn die Mehrzahl von ihnen zieht nicht durch die Region der Massenverfolgung im östlichen Mittelmeer, sondern gelangt in ihre westafrikanischen Überwinterungsgebiete über das westliche Mittelmeer, wo die Verfolgung heutzutage weniger intensiv ist.

Auch Kollisionen mit Glasfassaden, Stromleitungen, Windkraftanlagen oder beleuchteten Hochhäusern führen jedes Jahr zu vielen Todesfällen, und nachtaktive Zugvögel werden durch künstliche Beleuchtung irritiert. Auch der Rückgang von Insekten wirkt sich unmittelbar auf Zugvögel aus.

Klimawandel als Herausforderung

Ein zunehmend bedeutender Faktor ist der Klimawandel. Viele Arten kehren im Frühjahr früher aus ihren Wintergebieten zurück, Arten, die ziehen, aber innerhalb Europas überwintern, ziehen nicht mehr so weit, und nicht wenige Arten ziehen nicht mehr weg, sondern verbleiben zunehmend ganzjährig im Brutgebiet. Teilweise als Folge der früheren Rückkehr brüten viele Arten heute früher. Da vielfach aber die für erfolgreiche Aufzucht der Jungvögel erforderliche Nahrung, vor allem Insekten, klimabedingt noch mehr verfrüht ist, kommt es bei vielen Arten zu einer Entkopplung des Brutgeschäfts vom Nahrungsangebot mit negativen Auswirkungen auf den Bruterfolg und die Bestände. Regionale Unterschiede im Klimawandel beeinträchtigen den Zugablauf, da Arten, die lange Strecken ziehen, auf eine Kette „verlässlicher“ Rastgebiete angewiesen sind.

Prof. Dr. Franz Bairlein (RC Wilhelmshaven-Friesland)

ist Direktor i. R. des Instituts für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“ in Wilhelmshaven und Professor für Zoologie an der Universität Oldenburg sowie an der Rajiv Gandhi University, Itanagar/Indien. Er ist Herausgeber des „Journal of Ornithology“.

Foto: Christoph Unger
Franz Bairlein

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