Seismograf des Lebens

Viele Menschen, ob abergläubisch oder nicht, tragen einen Glücksbringer bei sich. Warum nur? Eine kleine Geschichte des Talismans
Vermutlich hat jede und jeder einen Glücksbringer: das diskrete persönliche Ich-Ding. Das kann der coole Anzug sein. Oder das Kostüm. Das Armband. Das schicke Paar Turnschuhe. Die Armbanduhr. Ich-Dinge können offensichtlich problemlos die Eigenschaften ihrer Besitzer annehmen und buchstäblich verkörpern. Denn Dinge sind nicht stumm und passiv. Wenn das Ding sich gut anfühlt, dann werden die feinen Fäden immer mehr, die es mit seiner Besitzerin oder seinem Besitzer verbinden, man ist ein bisschen verzaubert davon und nennt es: Magie. Das Ich-Ding ist ein Versprechen auf etwas, was man ohne dieses Ding nicht könnte – oder nur mit sehr viel mehr Mühe. „Sympathetic magic“ nennen das die Ethnologen, Verwandlungszauber.
Dieses hochpersönliche Vergnügen am Glücksbringer und magischen Ich-Ding gibt es seit langer Zeit. Und die Kritik daran auch. Die Gier nach Luxusartikeln sei eine extrem bedrohliche neue Entwicklung, meinte der Zürcher Reformator Huldrich Zwingli, der vor genau 500 Jahren erfolgreiche Traktate gegen Luxuskonsum und schöne Kleider aus italienischen Designerstoffen schrieb. Die ehrwürdigen alten Vorfahren, predigte er, seien genügsam, tugendhaft und fromm gewesen. Jetzt seien alle von der Gier nach schönen Dingen verdorben. Materieller Konsum war nie einfach das Gegenteil religiöser Kultur. Debatten über Konsum – das hat Frank Trentmann in seiner großen Geschichte des Konsums, Herrschaft der Dinge von 2017, gezeigt – handeln von Verschwendung und Schuld.
Und das seit gut 800 Jahren. Denn Zwingli irrte sich: Neue Luxusgegenstände kamen ab dem 13. Jahrhundert in das christliche Europa, aus dem Nahen und Mittleren Osten. Die muslimischen Glaubensfeinde hatten in Europa unbekannte Textilien aus Baumwolle und Seide im Angebot, Gewürze, Zucker, Parfums, Seife, prunkvolle Trinkgefäße aus farblosem Glas und Edelsteine. Diesen Rubinen, Saphiren und Diamanten wurden magische Eigenschaften nachgesagt: Mit ihnen konnte man nämlich die Kräfte von Sternen und Planeten herunterladen, mithilfe der neuen Wissenschaft Astrologie – und all diesen Hightech wollten die christlichen Europäer unbedingt haben.
Die Zeit anhalten
Magie ist die Aufladung eines Gegenstands mit jener Macht, die sein Benutzer dann selbst wieder aus ihm hervorholt – als Amulett und Talisman mit magischer Wirkung. Es ist kein Zufall, dass diese beiden letzten Worte aus dem Arabischen kommen, genau wie alle frühen Handbücher der Magie. Das Ghayat al-hakim zum Beispiel, ein Handbuch zu Amuletten und Talismanen, ursprünglich hebräisch, dann arabisch, war unter dem Titel Picatrix ab dem 14. Jahrhundert in ganz Europa verbreitet.
Magie versprach Zugang zu Dingen als Schaltzentralen, mit denen man die Zukunft und die Reaktionen anderer kontrollieren könne – gut für die Karriere, für Liebeszauber, Verwandlung und Abwehr von Krankheit und Alter. Das alles wollen wir von unseren Glücksbringern. Bis heute erhalten ist das englische „Middleham Jewel“ aus dem 15. Jahrhundert, gemacht aus Gold aus Westafrika, mit dem Gekreuzigten darauf und hebräisch-griechischen Zauberformeln, plus einem Saphir aus Kaschmir: hergestellt als Amulett, das entweder dem König Richard III. oder einer seiner engen Verwandten gehört hat. Erhalten ist auch das Amulett des katholischen Feldherrn Wallenstein aus dem frühen 17. Jahrhundert, mit teuren exotischen Steinen und Zauberformeln darauf. Glück gebracht hat keines der beiden seinen Besitzern: Sie wurden am Ende ihrer politischen Karriere unter ziemlich unschönen Umständen umgebracht.
Leises Grummeln, Wetterleuchten: Während wir uns einen steilenFelsgrat hinaufmühten, schien die Luft immer mehr zu knistern
Niemand von uns glaubt an Magie. Aber wir glauben ohne Weiteres daran, dass Gegenstände die Essenz einer Person annehmen und nach ihrem Tod weiter bewahren können – würden wir sonst Familienerbstücke aufbewahren? Wir glauben, dass besondere Gegenstände den Ablauf der Zeit verlangsamen oder sogar anhalten und dass wir mit ihrer Hilfe unsere Erinnerungen sicher aufbewahren; ihr Verlust wird als bedrohlich empfunden, als ob mit ihnen auch ein Teil der eigenen Geschichte verschwinde.
Beschützen die Glücksbringer einen denn wirklich? Im ersten der großen Hitzesommer am Beginn des 21. Jahrhunderts stieg ich mit einem Freund aus Amerika auf zwei Viertausender, mit einem Schweizer Bergführer. Der war Mitte 20, Profikletterer, und hatte die Leidenschaft fürs Hochalpine von seinem Vater. „Von ihm“, sagte er, „habe ich auch den hier.“ Ein altmodischer geschmiedeter Eispickel mit hölzernem Stiel, sicher 50 Jahre alt. „Mein Talisman“, sagte er.
Gipfelsturm
Unsere Tour fing einfach an, wurde dann aber immer komplizierter, denn es war extrem heiß. Die sonst leuchtend blauweißen Walliser Berge glühten in Braungrau und sahen aus wie Tadschikistan. Unser erster Gipfel am ersten Tag war nur über einen furchterregend schmal zusammengeschmolzenen Eisgrat zugänglich, aber der Bergführer brachte uns fröhlich und unbeirrt hinauf und sicher wieder herunter. Beim Aufstieg zur Hütte für den zweiten Gipfel zogen dunkle Wolken auf. Wir waren noch im Dunkeln aufgebrochen, der Mor-genhimmel leuchtete in surrealem Purpur. Dann wurde es wieder finster. Leises Grummeln, Wetterleuchten, das von nirgendwoher zu kommen schien, und während wir uns einen steilen Felsgrat hinaufmühten, schien die Luft immer mehr zu knistern vor Elektrizität.
Wir waren fast oben, als der Bergführer stehen blieb. Er nahm seinen altmodischen Eispickel heraus und streckte ihn hoch über seinen Kopf. Der leuchtete auf, wie von einem Scheinwerfer getroffen, und schien blauweiße Strahlen auszusenden – Elmsfeuer. „Seckle!“, schrie er, Berndeutsch: rennen! Man kapierte es sofort. Wir galoppierten die letzten 100 Meter den Schneehang hinauf und – auf dem Gipfel atemlos – sofort auf der anderen Seite wieder herunter, während dichtes Schneetreiben einsetzte und um uns herum Donner grollte wie auf einer Theaterbühne. Blitze zuckten, und das Gewitter brach los. Wir wurden ziemlich nass, kamen aber wohlbehalten bei der nächsten Hütte unten an. „Ihr wart super“, sagte der Bergführer dort lachend.
Ein Talisman, weiß ich seither, ist ein Messgerät. Er zeigt einem nicht die Zukunft an. Er zeigt seinem Besitzer, wie es ihm geht – genau jetzt. Man muss ihm nur vertrauen. Und dann nicht mehr allzu lange herumtrödeln.
Valentin Groebner
ist Professor für Geschichte an der Universität Luzern und der Autor von „Aufheben, Wegwerfen. Vom Umgang mit schönen Dingen“ (2023).
Foto: Franca Pedrazetti




















