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Sprache der Hoffnung

von Karl-Markus Gauß | 
 |  Lesezeit: 4 Minuten

Das Esperanto ist die bekannteste aller Plansprachen. Was mit großer Vision startete, ist heute fast nur noch im Museum zu bestaunen – in Wien

Das barocke Stadtpalais Mollard, benannt nach einem aus Savoyen stammenden Adelsgeschlecht, beherbergt im 1. Wiener Bezirk drei bemerkenswerte Sammlungen: In den oberen drei Etagen hat die Musikaliensammlung der Nationalbibliothek ihren Platz, mit zahlreichen Original-Partituren Mozarts, Haydns, Beethovens und Nachlässen bedeutender Komponisten wie Anton Bruckner oder Alban Berg; im ersten Stock befindet sich das auch optisch reizvolle Globenmuseum, in dem kleine und große Erd- und Himmelskugeln vornehmlich aus der Zeit vor 1850 zu sehen sind. Und im Erdgeschoss ist das einzigartige Esperanto-Museum zu entdecken, dem eine Bibliothek und Forschungsstelle, die bedeutende „Sammlung für Plansprachen“, angeschlossen ist.

Völkerverständigung erleichtern

Das Esperanto ist die bekannteste von zahllosen Plansprachen, die seit dem 17. Jahrhundert erfunden wurden – und zu denen bis heute weitere hinzukommen. Schöpfer des Esperanto war der jüdische Augenarzt Ludwig Lejzer Zamenhof, der die Grundlagen dieser von ihm konstruierten Sprache 1887 unter dem Pseudonym Doktor Esperanto veröffentlichte, was wörtlich „Doktor Hoffender“ bedeutet. Worauf hoffte Zamenhof? Er stammte aus der Stadt Białystok, die damals zum russischen Zarenreich gehörte und heute mit fast 300.000 Bewohnern im Nordosten Polens nahe der Grenze zu Belarus liegt. Białystok war eine multinationale Stadt, in der Juden, Polen, Litauer, Weißrussen und Deutsche zusammenlebten, was erst durch den erwachenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts zu Konflikten führte. Zamenhof war überzeugt, dass dem friedlichen Zusammenleben vor allem eines entgegenstand – dass den verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen eine gemeinsame Sprache fehlte. Das Esperanto sollte nach dem Willen seines Schöpfers und dessen bald zahlreichen Anhängern zu einer Art von Welthilfssprache werden, in der alle Völker der Erde sich würden verständigen und einander friedlich begegnen können.

Die goldene Ära bildeten die 1920er Jahre, als sich viele Menschen der Sprache zuwandten, die Hoffnung hieß und Frieden versprach

Karl-Markus Gauß

Diese Hoffnung auf Verstehen und Verständigung hat in den konfliktträchtigen Jahren vor 1914, während des Ersten Weltkriegs und in den Jahren danach Millionen Menschen dazu veranlasst, Esperanto zu erlernen. Die Sprache ist einfach konstruiert, kennt keine grammatikalischen Geschlechter, kommt mit je einer Deklination bei Hauptwörtern und Konjugation bei Zeitwörtern aus und ist daher leichter zu erlernen als all die „natürlichen“, historisch entwickelten Muttersprachen mit ihren schönen und schwierigen Eigenheiten. Freilich ist der Wortschatz erheblich an den romanischen, ein wenig an den germanischen, aber kaum an den slawischen Sprachen orientiert. Dennoch fand das Esperanto gerade im Osten Europas viele Anhänger, vielleicht die größte Dichterin in Esperanto ist heute die 1949 geborene Kroatin Spomenka Štimec, in deren poetischem Werk übrigens der Krieg und die Sehnsucht nach Frieden eine zentrale Rolle spielen. Die frühe Bewegung der Esperantisten strahlte noch viel weiter in den Osten aus, bis nach China, wo übrigens noch heute auf Kurzwelle täglich eine Radiosendung auf Esperanto ausgestrahlt wird.

Kein Aufschwung nach dem Krieg

Die goldene Ära des Esperanto bildeten aber die 1920er Jahre, als sich viele Menschen, vom Krieg traumatisiert, der Sprache zuwandten, die Hoffnung hieß und Frieden versprach. Im Sommer 1924 tagte der Esperanto-Weltkongress in Wien, wo die Plansprache damals so populär war, dass es 60 Wiener Polizisten gab, die den mehreren Tausend Tagungsgästen aus aller Welt bei Orientierungsschwierigkeiten im Stadtgebiet auf Esperanto weiterhelfen konnten – und berühmte Schauspieler das Volksstück Der Verschwender des Klassikers Ferdinand Raimund in bestem Esperanto zur Theater-Aufführung brachten. Es war kein Zufall, dass drei Jahre danach das erste bedeutende Esperanto-Museum ausgerechnet in Wien eröffnet wurde. Wenige Jahre später war es damit vorbei, Esperanto wurde von den Nationalsozialisten als Sprache der Juden und Internationalisten, des Friedens und der Völkerverständigung verboten; unter den Millionen Opfern der Schoah befanden sich auch alle drei Kinder von Ludwig Lejzer Zamenhof.

Von alldem ist in den Schau- und Hörstücken des multimedial orientierten Esperanto-Museums einprägsam zu sehen, zu hören, zu lesen. Da wird auch auf die Vorläufer des Esperanto hingewiesen – etwa das Volapük des deutschen Priesters und Phi­lan­thro­pen Johann Martin Schleyer; Fotos und Tonaufnahmen dokumentieren die Begeisterung, die ganz verschiedene Berufs- und Freizeitgruppen, etwa Eisenbahner, Ärzte, Pfadfinder, für die erschaffene Sprache der Verständigung in allen Ländern ergriff. Nach 1945 hat es keinen großen Aufschwung der Bewegung mehr gegeben, wiewohl Österreich mit dem Sozialdemokraten Franz Jonas, von erlerntem Beruf Schriftsetzer, einen überzeugten Esperantisten als Bundespräsidenten hatte (der 1970 den 55. Universala Kongreso de Esperanto mit einer, wie man berichtete, in glänzendem Esperanto gehaltenen Rede eröffnete).

Klingonisch – nicht für jedermann

Ein Teil des Museums ist der faszinierenden Darstellung neuerer Plansprachen gewidmet, von denen das Klingonische eine der berühmtesten und originellsten ist. Es wurde 1984 für die Filmserie Star Trek vom ame­ri­kanischen Sprachwissenschaftler Marc Okrand erfunden. Doch während die Esperantisten hofften, eines Tages würde die ganze Welt über ihre gemein-same Sprache verbunden sein, hat der Filmkonzern Paramount/CBS sich das Copyright am Klingonischen gesichert, sodass man Klingonisch zwar in Internet-Kursen erlernen, aber in eigenständigen Werken, sei es der Literatur oder in anderen Filmen, nicht verwenden darf. Stand am Beginn der Plansprachen die Idee der allgemeinen Verbrüderung, droht an ihrem vorläufigen Ende die totale Kommerzialisierung.

Karl-Markus Gauß

ist Schriftsteller in Salzburg. Seine Reiseerzählungen wurden in viele Sprachen übersetzt und mit nam-haften Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung

Foto: Kurt Kaindl

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