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Ein Frühling in Bildern

von Johann Michael Möller | 
 |  Lesezeit: 5 Minuten

Salon Möller: Waldmüllers leuchtende Naturstudien im Unteren Belvedere zeigen, warum seine Malerei bis heute berührt – detailgetreu, lichtdurchflutet und von zeitloser Schönheit

Vögel singen, Blumen blühen, grün ist wieder Wald und Feld“, heißt es in einer bekannten Volksliedstrophe des Dichters Hoffmann von Fallersleben. Schöner und schlichter kann man Frühlingsgefühle kaum in Worte fassen. Mir ist dieser Liedertext wieder in den Sinn gekommen als ich die Bilder Ferdinand Georg Waldmüllers (1793–1865) sah, die noch bis Mitte Juni im Unteren Belvedere in Wien gezeigt werden. „Nach der Natur gemalt“, so der Titel der Ausstellung, ist für mich die Frühjahrsausstellung schlechthin, auch wenn sie schon eine Weile zu sehen ist. Wenn ich begründen sollte, warum ich Waldmüller vor allen anderen sehenswerten Ausstellungen zurzeit den Vorzug geben möchte, dann fällt mir kein besseres Argument ein, als dass diese Bilder atemberaubend schön sind.

In Österreich muss man die Bedeutung Waldmüllers für die Kunstgeschichte nicht eigens betonen. Dort gilt er als der wichtigste Vertreter der Malerei des Biedermeiers schlechthin, der sich mit zutraulichen Alltagsszenen und Porträts der feinen Wiener Gesellschaft einen Namen gemacht hatte. Waldmüller war aber zugleich auch ein grandioser Freilichtmaler, dessen knorrige Baumriesen oder wildromantische Felsschluchten der neuen Sehnsucht des Bürgertums nach der ungezähmten Natur Rechnung trugen. Die getreuliche Abbildung der „uns umgebenden realen Natur“ war sein künstlerisches Programm, und diese Aufforderung zur Wirklichkeitstreue verband ihn mit einer ganzen Generation progressiver Künstler und Künstlerinnen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die ihren Ateliers und den inszenierten Landschaftsdarstellungen den Rücken kehrten. Die vorzüglich kuratierte Ausstellung kontrastiert Waldmüller daher mit Arbeiten seiner berühmten Zeitgenossen wie John Constable oder Jean-Baptiste Camille Corot, einem der Vaterfiguren der später berühmt gewordenen Malerschule von Barbizon, die über ganz Europa ausstrahlte.

„Welche Kraft, welches Leben, welche Sonne!“

Viele der sogenannten Bilderbuchlandschaften sind zu jener Zeit entstanden, und dem neuen Sommerfrischetourismus entsprach die neue Naturmalerei. Der Katalog hat eine wunderbar spöttische Bemerkung Johann Nestroys dazu ausgegraben, wonach „um jeden steyrischen Felsen“ mittlerweile drei Maler herumsäßen und „drauflos bemseln“ würden. Das ganze Salzkammergut existiere inzwischen „in Öhl (sic!)“. Was selbst den zeitgenössischen Kunstkritikern zu viel wurde, die von einer „ermüdenden Eintönigkeit“ der österreichischen Landschaftsmalerei sprachen. Gleichwohl wird nach der endgültigen politischen Eingliederung Salzburgs in das Habsburgerreich 1816 „die Alpenlandschaft zum Gesicht des Kaisertums“, zum Inbild einer „vaterländischen Natur“, deren „Schönheit zugleich individuell erfahren und kollektiv erinnert werden kann“. Die Donaumonarchie hatte einen eigenen Klang, aber sie besaß auch ihre besondere vaterländische Physiognomie.

Waldmüller blieb seiner detailgetreuen und lichtdurchfluteten Malweise zeitlebens treu, musste sich in späteren Jahren aber an der aufkommenden Fotografie messen lassen, starb verarmt und wurde erst vom Kreis der Secessionisten um Gustav Klimt gegen Ende des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt. Da sei einer, „der alle anderen schlägt: der alte Ferdinand Georg Waldmüller“, rühmte der Schriftsteller Hermann Bahr 1900. „Welche Kraft, welches Leben, welche Sonne!“ Waldmüller habe „damals schon gewusst, was Licht“ und „was Luft ist“. Unser heutiges, empathisches Verständnis von Natur verdankt sich bis heute solchen Malern.

Noch bis zum 14. Juni 2026. Der Katalog ist im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König in Köln erschienen.

Ausstellung: Ferdinand Georg Waldmüller –Nach der Natur gemalt

Bis zum 14. Juni 2026. Unteres Belvedere, Rennweg 6, 1030 Wien

Foto: PR

Gibt es einen naheliegenden Zusammenhang zwischen Landschaft und Malerei, so existiert auch eine Verbindung der Landschaft zur Literatur. Dabei fallen einem sofort die bekannten Beispiele ein, wie Theodor Fontane und die Mark Brandenburg oder Ernst Wiechert und Ostpreußen. Aber gemeint sind nicht nur das Sujet, die Motive oder die Geschichten, die über bestimmte Gegenden erzählt werden, sondern der Umstand, dass eine Landschaft überhaupt erst durch ihre Beschreibung entsteht und aus einem sprachlosen Stück Umwelt identifizierbare Orte werden; ja, dass die Natur selbst ihre Stimme erhebt und vermeintlich direkt zu uns sprechen will. Mutter Natur erzählt hieß ein populäres Buch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.

Nature Writing, das sich auf den großen Ahnherrn Henry David Thoreau beruft, ist mittlerweile eine der populärsten Literaturformen unserer Zeit geworden. Judith Schalanskys Naturkunden im Verlag Matthes & Seitz haben die Maßstäbe gesetzt; aber auch die neue Buchreihe European Essays on Nature and Landscape macht wahrlich „Lust auf deutsche und europäische Naturlandschaften, wie die Süddeutsche Zeitung zu Recht lobt.

Auch der Wald bricht in dieser Begegnung sein Schweigen und lässt – wie Doris Feil beschreibt – mit sich reden

 

Ich habe mir einen der allerersten Bände wieder zur Hand genommen, der vom Hochschwarzwald handelt. Eine Gegend freilich, die einem nicht sofort einfällt, wenn von berühmten Literaturlandschaften die Rede ist. Der berühmteste Waldgänger dieser Landschaft war der Philosoph Martin Heidegger, der im Südschwarzwald seine Seelenheimat fand und seit den frühen 1920er Jahren in seiner abgelegenen Hütte im Todtnauer Land immer wieder Zuflucht suchte vor dem Lärm der modernen Welt. Seine ganze Arbeit sei „von der Welt dieser Berge und Bauern getragen und geführt“ bekennt er in einem Vortrag über die „Schöpferische Landschaft“.

Doris Feil: Hochschwarzwald

European Essays on Nature and Landscape, KJM Buchverlag 2024, 139 Seiten, 22 Euro

Foto: PR

In dieser Waldeinsamkeit besucht ihn im Sommer 1967 der Dichter Paul Celan, der, wie dieser an Ingeborg Bachmann schreibt, „den Makel nicht kaschiert, der an ihm haftet“. Beide so gegensätzliche Männer unternehmen einen Ausflug nach St. Blasien, wo an der „Hauptstraße Kaffee getrunken“ wird. Und nach anfänglichem Schweigen beginnt Heidegger über sein Verhalten während des Dritten Reiches zu sprechen. Und Celan? Der fühlt sich im Gegenzug an seine Heimat, die Bukowina, erinnert.

Celans Besuch, Heideggers Denken und die sich in ihren weit geschwungenen Höhenrücken verlierende Landschaft des Hochschwarzwalds in einen nicht kontingenten, bedeutsamen Zusammenhang zu bringen, ist ein riskantes Vorhaben, das der Autorin Doris Feil nicht restlos, aber doch über weite Strecken ihres Buches überzeugend gelingt. Sprache zeige sich als ein „Hindurchgehen durch das Schweigen“ zitiert die Autorin den Germanisten Gerhard Neumann, der die berühmte Kaffeefahrt als Fahrer begleitet. Auch der Wald bricht in dieser Begegnung sein Schweigen und lässt – wie Doris Feil beschreibt – mit sich reden.

Johann Michael Möller

RC Berlin-Brandenburger Tor, ist Publizist und Herausgeber des Rotary Magazins. Unseren Autor erreichen Sie unter

Foto: privat

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