„Vergessenes“ benennen

Hoffmeisters Fundstücke: Wer es besser weiß, wird abgestraft, Expertise wahlweise als Arroganz oder elitäre Besserwisserei desavouiert, zumeist im Namen eines Zeitgeistes, der dafür sorgt, eher subkomplexe Botschaften aufzublasen
Als Folge feiert die rundum nivellierte Fratze ihre kleinen Siege, und es gilt mehr denn je, „Vergessenes“ aus Kunst, Literatur und Musik zu benennen.
Ilse Frapan: Zwischen Nacht und Morgen. Hamburger Novellen
Wachholtz Verlag, 220 S., 25 Euro
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Als Protagonistin der Hamburger Literaturgeschichte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und Verfasserin zahlloser „Hamburger Novellen“, Dramen, Romane und Märchen erfährt die zu Lebzeiten hochpopuläre Autorin Ilse Frapan erst seit den zurückliegenden Jahren die angemessene Rezeption. Als Pazifistin, Frauenrechtlerin, Kinderschützerin und Freiheitskämpferin hatte sie die Stadtoberen gründlich gegen sich aufgebracht, zumal ihr literarisches Werk sich weniger fokussierte auf den Glanz bürgerlicher Welten als auf die „einfachen Leute“ und damit auch auf Elend, Krankheiten, Armut, Alkoholismus, Gewalt und Prostitution. Zehn von Frapans „Hamburger Novellen“ liegen jetzt neu ediert und kommentiert vor. In nuce ausgefaltet präsentiert sich entlang des kraftvollen poetischen Realismus der Autorin ein Panorama menschlicher Schicksale und Abgründe.
Ausstellung: „Künstlerinnen! Von Monje bis Münter“
Kunstpalast Düsseldorf, noch bis zum 1.2.26, kunstpalast.de
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Seit dem 19. Jahrhundert zählt die nordrhein-westfälische Metropole Düsseldorf zu den Hotspots der internationalen Kunstszene. Künstlerinnen allerdings hatten es einst schwer, mit ihrer Expertise und ihren Arbeiten in die Akademie und an die Öffentlichkeit zu gelangen. Entlang von 100 Jahren Kunstschaffen (1819–1919) gewährt die Schau im Kunstpalast Einblicke in das Werk von über 30 europäischen Künstlerinnen, deren Namen bis heute weitgehend vergessen sind. Der Sonderausstellung vorausgegangen war ein mehrjähriges Forschungsprojekt.
Die Überlesenen: Vergessene Autorinnen wiederentdecken
Radio:Beitragsreihe (online), rbb Kultur
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Kennen Sie Jean Stafford, Tillie Olsen, Flannery O’Connor, Elisabeth Bowen oder Carson McCullers? Nein? Kein Grund zu Selbstzweifeln: Selbst vielen Literaturwissenschaftlerinnen sind die Namen heute kaum mehr ein Begriff. Was befremdet, denn die Werke dieser Autorinnen gelten als stilbildend und fungieren entsprechend als künstlerischer Maßstab, als gewichtige Richtschnur nicht zuletzt zur Beurteilung aktueller Texte. Vor diesem Hintergrund ist die Relevanz der rbb-Sendereihe „Die Überlesenen“ von Literaturexpertin Manuela Reichart kaum hoch genug anzusetzen. Ihre kurzweiligen, dramaturgisch suggestiven, fokussierten und mit Zitaten und O-Tönen versehenen Porträts erinnern an vergessene Autorinnen-Legenden, deren Werke manches zeitgenössische Elaborat qualitativ deutlich auf Abstand halten.
CD: Hans Winterberg –Complete Piano Sonatas
Jonathan Powell, EDA Records 054
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Der 1991 verstorbene tschechisch-deutsche Komponist Hans Winterberg entstammt einer jüdischen Familie in Prag. Sein vielgesichtiges Werk umfasst vornehmlich Instrumentalmusik, seine Klangsprache reflektiert die einschlägigen Vorlagen Wagners, Debussys, Schönbergs, Strawinskis und Bartóks. Die zwischen 1936 und 1950 entstandenen fünf Klaviersonaten changieren zwischen ausdrucksstarker Atonalität, pulsierender Verve, rhythmischen Zuspitzungen und kontemplativer Einlassung. Pianist Jonathan Powells Lesart vermag die subtil-abgeschatteten Fährten Winterbergs idealtypisch nachzuzeichnen. Plädoyers für einen Vergessenen.
Martin Hoffmeister
ist Chefredakteur des Gewandhausradios. Er fungierte zuvor als leitender Redakteur und Moderator bei diversen Kultur- und Klassikwellen des privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Im Rotary Magazin empfiehlt er Neuerscheinungen aus dem Kulturleben und interessante Ziele für Reisende
Foto: Jessine Hein/Illustratoren


























