Peters LebensartForum
von Peter Peter |
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Dry January

Peters Lebensart: Ein Fläschchen Spätburgunder zur Festtagsgans, Schnapsrunden bei den Schwiegereltern, und zu Silvester floss der Schampus? Da tut es Körper und Seele gut, im neuen Jahr eine Alkoholpause einzulegen

Das muss kein tristes Brot-und-Wasser-Fasten werden. Alkoholfrei klingt immer zeitgeistkonformer, und dementsprechend haben sich Getränkebranche und Rezeptratgeber einiges an Alternativen einfallen lassen. Gründe für die Abkehr vom Rausch gibt es genug: Mittlerweile ist Gott sei Dank in der Breite der Gesellschaft angekommen, dass betrunken zu Auto fahren kein Kavaliersdelikt ist. Viele Millennials greifen nie zur Flasche, was auch mit Druck zur Selbstoptimierung zusammenhängt. Permanente digitale Fitnesskontrolle ahndet selbst kleinere Exzesse in Echtzeit. Und schließlich fordert die Arbeitswelt Nüchternheit, wie man bei Businesslunches beobachten kann, wo sich allenfalls nach gelungenem Abschluss die Manager ein Glas Wein statt der spartanischen Mineralwasserflasche genehmigen. Artikel schreiben kann man meist auch im halbtrunkenen Zustand, viele andere Arbeitsprozesse fordern hellwache Konzentration.

Fade Süßlichkeit muss nicht sein, aber …

Alkoholfreie Biere sind schon länger auf dem Markt. Ursprünglich eher Nährtrunk für Kinder und Kranke, erregt Null-Prozent-Weißbier selbst unter bajuwarischen Trachtlern keinen Anstoß mehr. Markanter Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung war 2024 der Run auf das nach 700 Jahren erstmals auch alkoholfrei gebraute Helle der Münchner Augustinerbrauerei, das monatelang ausverkauft war. Seine gekonnte Hopfendosierung lässt die fade Süßlichkeit mancher Konkurrenzprodukte vergessen. Promillefreier Kult sind Schaumweine der Kelterei Geiger in der Schwäbischen Alb, die aus moussierenden Säften der Champagnerbratbirne Köstlichkeiten zaubert, die preislich mit manchem Champagner mithalten können.

Der ideale Trinkspruch dazu lautet „Ariston men hydor“– das Beste ist doch Wasser!

Pindar, 5. Jh. v. Chr.

… alkoholfrei kommt mitunter teuer

Was Kennern vorbehalten war, wächst sich zu einem breiten Angebot aus. Inspirationen kann man sich aus Italien holen, das mit herben „analcolici“ wie Crodino zeigt, wie langweilig süße Limonade schmeckt. Die Spitzengastronomie experimentiert mit Essenzen, Tinkturen und Fermentierungseffekten, alkoholfreie Menübegleitung steht selbstverständlich zur Auswahl. Bausteine sind sortenreine Bio-Säfte etwa vom raren Südtiroler Calville-Apfel oder der Wachauer Marille sowie Anleihen aus Japan, wo zum Essen gerne erdig steiniger Hōjicha oder halbfermentierter Oolong geschlürft wird. Bitteraromen liefern Schalen grüner Walnüsse, Artischockenauszüge oder Pomeranzen-Zesten. Der Mixology hat man Flavouring mit Mandarinenblüten oder Rosenölen abgelauscht. Furore machen alkoholfreie Cocktailbars – so was gibt es im islamisch geprägten Ahmedabad im indischen Bundesstaat Gujarat schon seit Jahrzehnten, aber ohne die ausgeklügelte Finesse von Drinks wie Verjus-Brennnessel-Spritz.

Alkoholfrei kann teuer kommen. Ein bei Foodies und arabischen Potentaten hochgeschätztes Elixier sind edelste Essige aus dem Doktorenhof im pfälzischen Venningen. Eisweinessig mag dekadent klingen, aber ein Tropfen davon ist ein absoluter Höhepunkt deutscher Rebenkultur. Nach dem kon­zen­trier­ten Traubenbalsam lechzt die Zunge nach einem Glas Wasser. Der ideale Trinkspruch dazu stammt vom griechischen Dichter Pindar (ca. 522–446 v. Chr.): „Ariston men hydor“– das Beste ist doch Wasser!

Peter Peter

ist Gastrosoph, Restaurantkritiker und Dozent für kulinarischen Tourismus. Der Münchner publizierte „Kulturgeschichten der Küche“ und lehrte Gastrosophie an der Universität Salzburg. Zuletzt erschien sein Buch „Blutorangen – Eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens“. Im Rotary Magazin schreibt er monatlich über aktuelle Themen rund um das gute Essen und die feine Küche. Er ist außerdem Autor des Podcasts „macht Hunger“ (derpragmaticus.com) und bloggt unter pietropietro.de.

Foto: Jessine Hein/Illustratoren
Peter Peter

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