Die Ausrottung von Polio ist eine Entscheidung

In Hamburg wurden erstmals wieder Polio-Wildviren im Abwasser gefunden: Ein Weckruf für unser gemeinsames Handeln
Seit vier Jahrzehnten führt Rotary gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation, Unicef und vielen weiteren Partnern eine der größten humanitären Gesundheitsinitiativen der Geschichte an: den weltweiten Kampf zur Ausrottung der Kinderlähmung. Das Ergebnis dieses Engagements ist beispiellos.
Seit 1988 wurden die Polio-Fälle weltweit um über 99 Prozent reduziert – von rund 350.000 gelähmten Kindern pro Jahr auf heute weniger als 50 Fälle des endemischen Wild-Polio-Virus weltweit. Eine ganze Generation ist bereits ohne die Angst vor Polio aufgewachsen. Doch der Nachweis von Wild-Polio-Virus Typ 1 im Abwasser von Hamburg Anfang November zeigt uns eindringlich: Solange Polio irgendwo existiert, ist jedes Land gefährdet. Krankheiten kennen keine Grenzen, keine Nationalitäten, keine Religionen. Das Virus interessiert sich nicht dafür, wo ein Mensch geboren wurde – es sucht lediglich jene, die nicht ausreichend geschützt sind.
Polio ist eine der wenigen Krankheiten, die wir ausrotten können
Viele schwere Krankheiten lassen sich aus biologischen Gründen nie vollständig von der Erde entfernen. Polio ist eine der seltenen Ausnahmen. Wir haben alle medizinischen Werkzeuge: hochwirksame Impfstoffe, eine weltweit vernetzte Überwachung und jahrzehntelange Erfahrung. Die verbleibenden Hindernisse sind nicht medizinischer, sondern geopolitischer Natur: Zugang, Stabilität, Priorisierung – und die finanzielle Unterstützung, um die letzten Schritte zu gehen.
Die Welt steht an einem Scheideweg
Weltweit beobachten wir einen gefährlichen Trend: Die Entwicklungszusammenarbeit – auch im Gesundheitsbereich – geht zurück. Wenn diese Lücke nicht gefüllt wird, fehlen genau jene Ressourcen, die für die letzten Meter notwendig sind. Und die Folgen würden uns alle betreffen. Fachleute rechnen vor: Wenn wir Polio jetzt nicht besiegen, könnten in zehn Jahren jährlich wieder bis zu 200.000 Kinder weltweit gelähmt werden.
Auch hier in Europa. Auch hier in Deutschland
Der Fund in Hamburg zeigt, wie eng vernetzt unsere Welt ist – und wie schnell Polio zurückkehren kann, wenn wir nicht handeln. Wer glaubt, Polio sei weit weg, irrt. Gerade das Beispiel Hamburg zeigt: Wir haben das Virus entdeckt, bevor es ein Kind lähmen konnte. Das ist ein Erfolg der starken deutschen Gesundheitsstrukturen. Aber es ist auch ein Warnsignal. Denn das Virus hätte nie die Chance haben dürfen, so weit zu reisen.

Erfolgsbeispiel Gaza: Was möglich ist, wenn politische Entscheidungen stimmen
Im vergangenen Jahr wurde im Gazastreifen ein Polio-Ausbruch entdeckt. Medizinisch war alles bereit – Impfstoffe, Teams, Infrastruktur. Was fehlte, war der Zugang. Erst als beide Konfliktparteien einer humanitären Pause zustimmten, konnten die Impfkampagnen beginnen. Das Ergebnis: Der Ausbruch wurde gestoppt. Die Lektion daraus ist klar: Wenn die richtigen Entscheidungen getroffen werden, kann Polio überall gestoppt werden. Wenn nicht, wird Polio zurückkommen.
Deutschland hat eine Schlüsselrolle
Deutschland ist ein Land mit einer starken humanitären Tradition. Rotary erlebt täglich, wie engagiert Bürgerinnen und Bürger, Gemeinden, Ärztinnen und Ärzte sich für Kinder weltweit einsetzen. Viele der Rotary-Mitglieder hier stehen seit Jahrzehnten an der Spitze dieses Kampfes. Jetzt aber geht es um eine Frage, die über Einzelaktionen hinausgeht: Wird die Welt – und wird Deutschland – die richtigen Entscheidungen treffen, um Polio ein für alle Mal zu besiegen? Das bedeutet nicht, mehr Schuldige zu suchen, sondern mehr Verantwortung zu übernehmen. Es bedeutet, kurzsichtige Sparmaßnahmen zu hinterfragen, die langfristig unermesslichen Schaden anrichten könnten.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, was auf dem Spiel steht
Die bis jetzt einzige Krankheit, die der Mensch ausgerottet hat, waren die Pocken. Bevor der letzte Fall 1977 in Somalia registriert wurde, tötete die Krankheit allein im 20. Jahrhundert über 500 Millionen Menschen – mehr als alle Kriege der Geschichte zusammen. Seit der Ausrottung hat kein Mensch mehr an Pocken gelitten oder ist daran gestorben. Das ist der Wert einer Entscheidung, die die Welt gemeinsam getroffen hat.
Jetzt haben wir dieselbe Chance erneut
Polio könnte die zweite Krankheit werden, die die Menschheit für immer besiegt. Die Chance ist da – und das Risiko auch. Der Polio-Fund in Hamburg ist kein Grund zur Panik. Aber er ist ein Grund zur Entschlossenheit. Dies ist der Moment, in dem Deutschland und Europa zeigen müssen, dass sie verstanden haben, worum es geht. Nicht nur, um Kinder in fernen Ländern zu schützen, sondern auch unsere eigenen. Die Ausrottung von Polio ist eine Entscheidung. Und sie ist unsere Entscheidung.
Christian Schleuss (RC Hagen)
ist End-Polio-Now-Koordinator von Rotary International für Deutschland, die Schweiz und Liechtenstein
Foto: Privat
Polio und Peace
Vom 13. bis 15. Februar 2026 findet die Münchner Sicherheitskonferenz MSC statt. Erstmals ist Rotary International eingeladen, dort zu sprechen. Der Vorsitzende der Rotary Foundation Trustees, Past-RI-Präsident Holger Knaack, wird uns als Stimme der zivilen Friedensarbeit vertreten. Im Anschluss laden die Münchner Rotary Clubs am 15. Februar in das Jüdische Gemeindezentrum ein.„Partnering for Peace“ wird ein dreiteiliges Event mit kurzen, spannenden Impulsen zum Thema Frieden, darunter Holger Knaacks Bericht seiner Erfahrungen in der MSC, Musik und einem Get-together. Die Organisatoren Nikolai Ehlers und Governor Ulrich Kersting hoffen, eine möglichst hohe Summe Polio-Spenden der deutschen Distrikte pressewirksam zu übergeben und natürlich mit dem Event selbst weitere Gelder zu generieren.
Tickets: partnering-for-peace.de/

























