„Das Ausland sieht uns besser als wir selbst“

Interview: Martin Blessing sucht als Investitionsbeauftragter und Berater des Bundeskanzlers Investoren für den Standort Deutschland
Herr Blessing, Deutschland hat den Wandel verschlafen, beim Wachstum sind wir Schlusslicht, die Stimmung ist im Keller, die Leute sind oft krank und zu unproduktiv. Das waren Ihre Worte in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ im Herbst 2024. Für einen derart heruntergekommenen Standort müssen Sie Investoren suchen: eine Herkulesaufgabe?
So schlimm ist es nicht. Zugegeben: Wir haben 20 Jahre lang in Infrastruktur und Verteidigung unterinvestiert und haben noch einige Baustellen. Aber was interessant ist: Ich habe in den vergangenen zwei, drei Monaten viel mit internationalen Investoren gesprochen – im Mittleren Osten, in den USA, auch mit kanadischen, australischen und asiatischen Investoren. Und bei allen gibt es eine Tendenz, Europa und Deutschland durchaus positiv zu sehen.
Die haben doch bessere Alternativen in Europa als gerade Deutschland?
Sagen Sie das nicht. Deutschland ist im europäischen Vergleich aus Sicht vieler Investoren eher attraktiver als andere Länder. Gleichzeitig gibt es eine Umschichtung von Geld aus den USA nach Europa – und eben auch nach Deutschland. Die wirtschaftliche Dynamik in den USA ist zwar höher. Aber die Währung schwächt sich ab, wiewohl der US-Markt immer noch höher bewertet ist als Europa. Da beginnen Investoren umzuschichten. Die Grund-stimmung gegenüber Deutschland ist also besser, als wir selbst glauben. Das Ausland sieht uns besser als wir selbst. Die Herkulesaufgabe ist kleiner, als sie aussieht.
Ich kenne noch keinen, der glaubt, dass die nächste Bundesregierung eine AfD-geführte Regierung sein wird. Das wäre wirtschaftlicher Selbstmord
Die Zahlen geben das nicht her: jahrelang kein Wachstum, 2025 gerade mal 0,2 Prozent. Wenn es dieses Jahr etwas mehr wird, ist es auf Pump gebaut. Der „Herbst der Reformen“ ist ausgefallen. Was können Sie den Investoren bieten?
Wir können darüber streiten, ob es richtig war, die Schuldenbremse zu lockern. Internationale Investoren finden es mehrheitlich gut. Sie sehen: Deutschland ist das einzige europäische Land, das trotz höherer Schulden noch mit Triple A geratet ist. Hinzu kommt die im internationalen Vergleich hohe rechtsstaatliche Sicherheit. Da ist Deutschland immer noch gut aufgestellt. Unser eigener Blick auf das Land ist deutlich kritischer als der internationale.
Dann ist ja alles prima?
Natürlich nicht. Es gibt vier Punkte, die Investoren Sorgen machen: Erstens die Geschwindigkeit von Genehmigungsverfahren – viel zu langsam. Zweitens die Bürokratie – viel zu viel. Drittens die Energiepreise – zu hoch. Viertens der Arbeitsmarkt – mangelnde Flexibilität, schwache Produktivität. Diese vier Themen sind Investoren wichtiger als die hohen Steuern.
Deutschland ist so lange politisch relativ stabil, bis die AfD irgendwo mitregiert.
Ich kenne noch keinen, der glaubt, dass die nächste Bundesregierung eine AfD-geführte Regierung sein wird. Das wäre wirtschaftlicher Selbstmord. Dabei rede ich gar nicht über Moral oder Zuwanderung. Es reicht, sich das Wirtschaftsprogramm der AfD anzuschauen. Ein Rentenniveau von 70 Prozent wäre völlig unfinanzierbar und geradezu ruinös. Und übrigens: Wer hat denn das Freihandelsabkommen Mercosur abgelehnt? Jetzt regen sich alle über die Grünen und die geschleifte Brandmauer auf. Aber es war die AfD, die Mercosur abgelehnt hat.
Beschreiben Sie bitte Ihre Arbeit als Investitionsbeauftragter konkret. So etwas gab es vor Ihnen noch nicht.
Ich rede mit Unternehmen, die investieren wollen. Es gibt viele Finanzinvestoren, die nach Infrastrukturthemen suchen. Da helfe ich. Und ich will eine positive Grundstimmung unserem Land gegenüber erzeugen: kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren. Friedrich Merz nennt mich den Chief Investment Officer Deutschlands. Ich finde: Noch mehr bin ich der Chief Investor Relations Officer.

Wie lautet denn in nuce Ihre Equity-Story?
Wir haben verstanden, dass wir in der Infrastruktur unterinvestiert sind – und ändern das jetzt. In Infrastruktur und Verteidigung wird deutlich mehr investiert. Die Regierung hat begriffen, dass sie dafür Wachstum braucht und neben staatlichen auch private Investitionen nötig sind. Und wir verstehen, dass Investoren dafür eine Rendite erwarten.
Die Ampel hat Investoren mit Subventionen gelockt. Das war teuer und wenig erfolgreich. Hören auch Sie die Frage: „Was kriegen wir, wenn wir kommen?“
Klar fragen alle: Was kriegen wir? Das muss nicht immer Geld sein.
Sondern was?
Ein Beispiel: In Alzey baut der US-Pharmakonzern Eli Lilly ein Werk für zweieinhalb Milliarden Euro – ein Abfüllwerk für die begehrten Abnehmspritzen. Warum ausgerechnet Alzey? Weil es ein erschlossenes Grundstück gab. Weil die Landesregierung superhilfreich war. Weil die Kommune zusätzliche Flächen für Baucontainer und Gerät bereitstellte. Und weil ein Autobahnanschluss gebaut wurde. Das alles war wichtiger als direkte Subventionen. Entscheidend ist, dass alles schnell geht und Genehmigungen zügig erteilt werden. Das hilft mehr, als mit Geld zu winken und dann den Bau jahrelang zu verzögern.
Was ist Investoren noch wichtig?
Sehr wichtig ist das Bildungssystem – nicht nur die Universitäten, sondern auch die Forschungseinrichtungen von Fraunhofer bis Max Planck. Die deutsche Grundlagen-forschung hat international einen sehr guten Ruf. Junge Leute aus Europa denken heute ernsthaft darüber nach, nicht in die USA zu gehen, sondern nach Deutschland.
Es war immer von einer großen Investorenkonferenz die Rede. Kommt die?
Ja, im Herbst, voraussichtlich in Berlin. Teilnehmen werden große Kapitalsammelstellen und große Unternehmen, aber auch einige Start-ups und Scale-ups.
Und am Ende verkünden Sie, wie viel Geld Sie eingesammelt haben?
So läuft das nicht. Wenn etwas verkündet wird, ist das lange vorbereitet. Dass ein Investor morgens noch völlig offen ist und abends eine hohe Summe zusagt, ist eine realitätsferne Vorstellung.
Zur Person: Martin Blessing (RC München-Hofgarten)
ist seit September 2025 „Persönlicher Beauftragter des Bundeskanzlers für Investitionen“. Von 2008 bis 2016 war er Vorstandsvorsitzender der Commerzbank. Seit 2022 ist er Verwaltungsratspräsident der größten dänischen Bank Danske Bank. Ende Januar 2026 übernahm er zudem den Aufsichtsratsvorsitz der staatlichen German Trade and Invest (GTAI). Sein Amt als Investitionsbeauftragter ist als „One-Euro-Job“ ein Ehrenamt.
Was verbirgt sich hinter der „German Trade and Invest“, die Sie beaufsichtigen? Wenn wir den Kanzler richtig verstanden haben, ist das eine etwas verschlafene Truppe mit 400 Beschäftigten.
Das ist weder fair, noch stimmt das so. German Trade and Invest ist die zentrale Wirtschaftsförderungsagentur des Bundes. „Trade“ heißt: Wir helfen deutschen Mittelständlern beim Export und beim Aufbau von Standorten im Ausland. „Invest“ heißt: Wir holen Investoren aus dem Ausland nach Deutschland und helfen ihnen hier.
Fassen wir grob zusammen: Deutschland ist selbst dann nicht verloren, wenn Union und SPD keine Strukturreformen hinkriegen?
So würde ich es nicht sagen. Natürlich wäre es wichtig und richtig, wenn wir den Standort jetzt ordentlich reformieren würden. Aber wenn das nicht gelingt, verschwindet Deutschland nicht von der Landkarte. Klar ist aber auch: Je länger wir warten, desto härter und steiniger wird der Weg danach.
Sie sind Mitglied im RC München-Hofgarten. Welche Rolle spielt Rotary für Sie?
Ich treffe dort viele interessante Leute aus allen möglichen Branchen. Wir leben alle ein bisschen in unseren Berufs-Bubbles. Bei Rotary komme ich da raus und treffe die unterschiedlichsten Menschen. Mich mit denen auszutauschen, ist mir persönlich wichtig.
Das Gespräch führte Rainer Hank.




















