Die Kunst der Gelaterie

Peters Lebensart: Noch immer setzen vor allem italienische Eis-Handwerker aktuelle Schleck-Trends. Mit Rezepten von aufwendig-raffiniert bis Nachkriegszeit-simpel
Lavanda verde“, angeröstete grüne Ätna-Pistazien mit provenzalischem Lavendel. Oder „Il giardino di Babilonia“ getaufte Safranmilch, geeist mit ligurischem Orangenblütenwasser und kandierter Bergamotte. Mit solch sublimen Kreationen warteten im November 2025 die Gelaterie des Sherbeth Festivals in Palermo auf. Die hochkarätige Veranstaltung, die vor dem gigantischen Opernhaus Teatro Massimo stattfindet, hat es sich zum Ziel gesetzt, die tausendjährige sizilianische Sorbettradition mit innovativen Eismachern aus Italien und der Welt zu verknüpfen. Den Jury-Preis gewann denn auch ein taiwanesisches raffiniert bitteres Oolong-Eis. Szenenwechsel nach Thüringen, genauer nach Erfurt, wo im März der Gelato Grand Prix stattfand. Hier zeigen Deutschlands Eismacher – und das sind immer noch zur guten Hälfte Italiener mit familiären Wurzeln in den Dolomitentälern –, was sie können. Angesagt sind bei den Ausstellern bunte Verzierung und Crunch, instagramable Präsentation, exotische Fruchtpasten – das Auge isst mit. Den ausgelobten Siegerpreis, einen schwarzen Ferrari, gewann nicht etwa ein Sanddorn- oder Rhabarbereis, sondern ein Mango-Gelato aus der Nibelungenstadt Alzey.
Peter Peter: Gelato – Italienische Eiszeiten
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Der Renner für Kenner …
Die Geschmacksfacetten haben sich gewaltig geändert in den letzten Jahren. Vorbei die Zeiten, als Generationen mit Capri-Eis am Stiel oder Nogger zufrieden waren, als man beim Eismacher des Vertrauens die probate Auswahl von Vanille, Schokolade, Erdbeer hin und wieder keck um Haselnuss oder Banane ergänzte. Nicht nur Italiens Eiskünstler fahnden unermüdlich nach neuen, verfeinerten Reizen. Gelatomania-Virtuosen wie Paolo Coletto von der Gelateria Avalon in Bozen experimentieren mit unterschiedlichsten Vanilleschoten, ein Gewinner in Palermo verwendete nur edelsten Morogoro-Kakao aus Tansania. Seltene Obstsorten, oft für wenige Wochen erhältlich, wie rosa Weinbergpfirsiche oder piemontesische Damaszenerzwetschgen sind der Renner der Kenner. Der Wiener Platzhirsch Molin-Pradel am Schwedenplatz kühlt Walderdbeereneis aus teuren Südtiroler Früchten. Meist ist es mittags schon ausverkauft.
… piemontesische Damaszenerzwetschgen
Bei allen unterschiedlichen Ansätzen, der Triumph des „gelato artigianale“, des frisch hergestellten Speiseeises, und kleinerer Eisdielen ist unübersehbar. Während man nördlich der Alpen gern auf üppig dekorierte Schlemmercoupes setzt, kehren viele Gelaterie der Apenninenhalbinsel zu einem historischen Zitat zurück: Der Pozzetto, die Energie sparende, mit metallenem Deckel verschlossene Eistonne statt offener Vitrine lässt Designerherzen höherschlagen und gilt als Indiz handwerklicher Exzellenz.
Kunden kehren gern zurück zu Klassikern wie Malaga, Zabaione oder einfach Milcheis
Generell geht der Trend zum Dialog mit der Sterneküche, zum Nachdenken über Tinkturen und Texturen, zu radikalem Zutatenregionalismus und exotischer Tee- und Gewürzrecherche, zu Aromenkompositionen, die denen der Cocktail-Mixology gleichen. Trotz aller Ausritte wie meist zu süßem Thunfisch-, Parmesan- oder Artischockeneis kehren die Kunden gern zurück zu Klassikern wie Salzkaramell, Malaga, Zabaione oder einfach Milcheis. Kult unter Kennern ist die winzige Gelateria La crema di Berenice in Picinisco in Südlatium. Denn hier gibt es nur eine einzige Sorte: Crema aus Rohmilch von frei weidenden Abruzzenkühen nach dem Originalrezept von 1946.
- 5 GELATO-FAVORITEN
- Officina del Gelo Avalon
- Vivoli
- Giolitti
- Da Cesare
- Al San Domenico
Peter Peter
ist Gastrosoph, Restaurantkritiker und Dozent für kulinarischen Tourismus. Der Münchner publizierte „Kulturgeschichten der Küche“ und lehrte Gastrosophie an der Universität Salzburg. Zuletzt erschien sein Buch „Blutorangen – Eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens“. Im Rotary Magazin schreibt er monatlich über aktuelle Themen rund um das gute Essen und die feine Küche. Er ist außerdem Autor des Podcasts „macht Hunger“ (derpragmaticus.com) und bloggt unter pietropietro.de.
Foto: Jessine Hein/Illustratoren






















