Ruhestand erfolgreich gestalten

Länger leben bedeutet auch: länger aktiv sein. Wie gelingt der Übergang in den Ruhestand? Erfahrungen und Interviews zeigen, warum Vorbereitung hilft – und warum es nie nur einen richtigen Weg gibt
Klaus Dörner, nachdem er ein erfolgreiches Berufsleben hinter sich hatte, beschrieb seinen Übergang so: „Ich fand mich im sozialen Niemandsland des sozialen Lebensabschnitts ohne Rollenerwartungen wieder und brauchte zwei Jahre Versuch und Irrtum, um einen zu mir passenden Rhythmus zu finden.“
Ich will erläutern, warum Dörner von fremdem Terrain spricht und warum man sich, Dörner widersprechend, vorbereiten kann. Neu ist die durchschnittliche Lebenserwartung hierzulande. Sie ist höher als je zuvor. Damit ist die Lebensstrecke deutlich länger und dies bei zunächst guter, später gedeihlicher und schließlich in Maßen erträglicher Gesundheit.
Es gibt nicht mehr „das“ Alter
Die Sicht auf die durchschnittliche Gesundheitsentwicklung lässt mich von der zumeist vertretenden Zweiteilung des Alters zu einer Dreiteilung kommen: Erstens das fitte Alter, am besten illustriert durch den Spruch „75 ist das neue 60“. Allerdings gibt es eine Klippe, die unterschiedlich hoch ist: Der Übergang von der Vollbeschäftigung in die Zeit danach kann schwierig sein. Zwischen 75 und 85 folgt das mittlere Alter, und die dritte Phase nennt man am besten das hohe Alter. Die Generation der 68er und der Babyboomer (international eine Generation, die Jahrgänge 1944–1964) sind die ersten, die diese Phasen durchlaufen. Die frühen Babyboomer befinden sich aktuell am Ende von Phase eins und müssen sich fragen, ob sie die historisch neue Chance, ein gutes erfülltes Leben im fitten Alter zu führen, genutzt haben oder ob sie die Jahre verläppert haben.
Was den Übergang noch zusätzlich erschwert, ist die Tatsache, dass in nicht wenigen Fällen die letzten Jahre oder Monate im Job durch Attacken von Vorgesetzten verleidet wurden. Die Absicht war zumeist, den Betreffenden vorzeitig zum Aufgeben zu bringen. Erst wenn man sich von der quälenden Frage „warum ich?“ gelöst hat, ist der Weg frei für den Neuanfang. Da ist es hilfreich, wenn man es macht wie jener Manager, der aufgrund von Umstrukturierungen vorzeitig gehen musste. „Ich habe mich an einen imaginären Fluss gesetzt und beobachtet, wer alles vorbeitrieb. Da habe ich gesehen, ich bin kein Einzelfall. Das hat mich ungemein getröstet und mir Kraft gegeben für den Neuanfang.“ Jemand anders ist bis Santiago de Compostela gewandert und hat nach vielen Selbstgesprächen auf dem langen Weg sich vom Schatten des vermeintlichen Scheiterns in seiner Berufskarriere gelöst.
Der Autor dieser Zeilen hat Generationsgenossen ausgiebig interviewt. Und nach zwölf Jahren erneut. Ergebnis: Auch wer keine Pläne hatte, kam für sich zufriedenstellend bis überaus glücklich zurecht. Allerdings ist hier eine Relativierung dieser Aussage notwendig. Die von mir Befragten hatten keine oder keine ernsthaften finanziellen Probleme. Nahezu niemand folgte dem Vorbild früherer Generationen und trat in den vollständigen Ruhestand ein. Und es gab mindestens eine Negativabgrenzung bei allen Männern: Lohse vermeiden.
Also den Direktor Heinrich Lohse aus Loriots Film „Pappa ante Portas“, mittlerweile seit 35 Jahren auf dem Markt. Insoweit hat Loriot mit seinem klugen amüsanten Film mehr erreicht als alle Ratgeberbücher. Man beobachtet sich, man beobachtet Nachbarn. Und die Kinder guckten ebenfalls durch die Loriot-Brille auf den Altvorderen „Du bist jetzt gerade wie Loriot“, heißt es dann.
Bei manchen Geschichten, die bei den Interviews erzählt wurden, konnte man auch gar nicht anders als an Loriot zu denken. Ein Beispiel: Jemand hat einen Nachbarn beobachtet: „Ich habe einen ehemaligen Kollegen, der geht viermal am Tag mit dem Hund raus. Ansonsten hilft er seiner Frau, er beriet sie beim Einkaufen, beim Umgang mit dem Haushaltsgeld. Die beiden liegen sich nur in der Wolle, seit er den ganzen Tag zu Hause ist. Das passiert, wenn man nichts anderes zu tun hat.“ Das Leben ist Loriot und Loriot ist das Leben. Wie lange der Lohse noch die Diskussionen von Menschen im Übergang prägen wird, sei dahingestellt. Bei den Babyboomern, den frühen und den späten, ist er voll präsent.
Was 75-Jährige raten
Ich habe Generationsgenossen am Ende von Phase eins ihrer Alterszeit gefragt, ob sie einen Plan beim Übergang von der Vollbeschäftigung in die Phase danach hatten. Aus den Antworten lassen sich drei unterschiedliche Wege benennen, die eingeschlagen wurden.
Weg 1: „Es gab einen einfachen Plan, nämlich Abstand zum bisherigen Berufsleben zu halten.“ Das gilt für einen Chefarzt, dem alle, die ihn kannten, prognostizierten, der könne nie loslassen. Er konnte, indem er einen Faden aus dem früheren Leben aufnahm. Bevor er sein Medizinstudium begonnen hatte, hatte er ernsthaft überlegt, Maler zu werden. Nun konnte er Maler sein.
Weg 2: Die Gegenposition lautet „Weiter so, vielleicht mit etwas weniger Zeitaufwand.“ Bei manchen Berufen bietet sich das geradezu an, zum Beispiel bei Hochschullehrern, Journalisten, Rechtsanwälten, Psychotherapeuten. Sie gleiten in dem von Ihnen gewünschten Tempo aus dem Beruf. Was auch häufig gewählt wird, ist der Berater-Beruf. Allerdings geben einige diese Tätigkeit doch bald wieder auf, weil ihnen die Anforderung, Dienstleister zu sein und keinen Anspruch auf Berücksichtigung ihrer Empfehlung zu haben, doch zu schaffen macht.
Weg 3: Eine dritte Position heißt: „Ich hatte keinen Plan, aber eine Idee“. Man wollte aktiv bleiben, aber nicht mehr im alten Beruf. Die meisten Befragten hatten offenbar ihren Weg gefunden.
Bei aller Zurückhaltung Ratschlägen gegenüber, lassen sich doch folgende fünf Empfehlungen herausziehen:
1. Es ist vorteilhaft, sich während der Berufszeit außerberuflich in Themen zu engagieren, die einem wichtig sind. Das erleichtert den Übergang.
2. Auch wenn man noch nicht weiß, mit was man sich beschäftigen will, ist eine Übersicht über die Finanzsituation empfehlenswert.
3. Man kann Pläne haben, aber man sollte offenbleiben, sie zu ändern. Besser ist es, bereit zu sein, sich auf einen Prozess einzulassen.
4. Wenn man mit dem beruflich Erlernten weitermachen möchte, sollte man rechtzeitig daran denken, die Kontakte zu „privatisieren“ und sich über Formate, in denen man tätig bleiben möchte, zu informieren.
5. Auch bürgerschaftliches Engagement fällt nicht vom Himmel. Gut ist es, an interessierenden Aufgaben schon während des Berufslebens teilzunehmen. Dann lässt sich draufsatteln. Das gilt auch für Rotary. Wer ein Vorbild sucht, dem kann geholfen werden: Hinrich Eylers, 90, vom RC Eschborn: Ein Daueraktiver, der aus Altersgründen in seinem jungen Club nicht Präsident werden wollte. Sein Club hat ihn kürzlich zum Ehrenpräsidenten ernannt, eine wunderbare Idee.
Fazit
Beim Rückblick auf die erste Phase der Altersfreizeit lässt sich ein hohes Maß an Kontinuität beobachten. Auch der scheinbar völlige Neuanfang ist bei näherer Betrachtung ein altes Thema. Oder wie es einer der befragten Theologen formulierte: „Alle Aktivitäten, die nach dem Beruf eines Lebens ausfüllende Rollen spielen, waren vorher Grund gelegt: Musik, Schiff, schriftstellerische Aktivitäten“. Natürlich fällt nicht jeder Rückblick euphorisch aus. Auch hierzu eine Stimme aus den Interviews: „Die Gedanken, ob das alles so seine Richtigkeit habe, ob ich denn genug aus meinen Möglichkeiten, aus meinen Fähigkeiten herausgeholt habe, ob ich nicht gegenüber der Gesellschaft eine Bringschuld habe (Ehrenamt), diese Gedanken umkreisen mich erst jetzt wirklich, am Ende meiner 70er-Jahre.“ Ein dritter erinnert sich an seinen Übergang. Mit seinen Erfahrungen schließt sich der Kreis zu den zwei Jahren Versuch und Irrtum des Klaus Dörner: „Der Leib scheint langsamer und verwirrter auf den Ausstieg zu reagieren als die freudig erwartungsvolle Seele“. Man sollte sich also Zeit lassen, um Abstand zu gewinnen zum Bisherigen und Klarheit über das Zukünftige zu erlangen.
Buchtipp:
Henning von Vieregge
Beneidenswert: Wenn Babyboomer 65 und Achtundsechziger 80 werden
Edition Neue Ufer
Wiesbaden 2025


















