Warum wir kurz vor dem Ziel nicht aufgeben dürfen

Die weltweite Ausrottung von Polio gleicht einer schwierigen Bergbesteigung: Der Gipfel ist zum Greifen nah, doch die letzten Meter verlangen noch einmal alle Kräfte. Mit diesem Bild beschreibt WHO-Direktor für Polio Chris Wolff die aktuelle Situation. Die Welt habe enorm viel erreicht. Doch solange das Ziel nicht vollständig erreicht sei, bleibe der bisherige Erfolg gefährdet.
Wolffs Warnung ist deutlich: Werden die Anstrengungen jetzt eingestellt, würde das Virus nicht auf dem heutigen Niveau verharren. Es könnte sich erneut stark ausbreiten und wäre nicht auf Pakistan und Afghanistan begrenzt. Nach seiner Einschätzung könnte Polio wieder nach Indien gelangen, sich erneut in Afrika verbreiten und möglicherweise auch Nordamerika und Europa erreichen.
Dass auch poliofreie Regionen weiterhin betroffen sein können, verdeutlicht Wolff mit dem Hinweis auf Virusnachweise in Abwassersystemen. Solche Nachweise gebe es in Nordamerika und Europa, auch Deutschland nennt er als Beispiel. Für ihn sind sie ein Warnsignal: Das Virus kann weiterhin Grenzen überwinden.
Gerade darin liegt das Paradox dieser entscheidenden Phase: Weil Polio so weit zurückgedrängt wurde, erscheint die Krankheit vielen kaum noch als Problem. Andere Herausforderungen rücken in den Vordergrund und konkurrieren um Aufmerksamkeit und Ressourcen. Doch wer jetzt nachlässt, riskiert, dass die Krankheit zurückkehrt und mühsam erkämpfte Fortschritte verloren gehen.
Wolff betont deshalb den Unterschied zwischen dauerhafter Kontrolle und vollständiger Ausrottung: Kontrolle erfordert fortlaufende Arbeit, Tag für Tag. Erst die Ausrottung bietet die Chance, diese Bedrohung endgültig zu beseitigen. Seine Botschaft: Wenn wir Polio dauerhaft hinter uns lassen wollen, müssen wir die letzten Meter bis zum Gipfel schaffen.





















