Distrikt 1800

"Wie der Herrgott im Himmel"

| Lesezeit: 3 Minuten

Am 99. Geburtstag auf den Sitz des Co-Piloten klettern, um sich hoch über den Harz fliegen zu lassen? Genau das war der Plan von Rolf Alsleben, Gründungspräsident des RC Hildesheim-Rosenstock

Vorsichtig stellt Helge Hilgert die kleine Trittleiter zum Flugzeug. Sicher soll ihr Lebensgefährte Rolf Alsleben in die zweisitzige Diamond Aircraft klettern können. Schnell sind Fotos gemacht, Gurte festgezurrt, Kopfhörer angepasst. Aufmerksam, aber gelassen beobachtet Rolf die Startvorbereitungen von Pilot Hartmut Reichardt. "Wir zwei hier im Flugzeug, das ist schön!", stellt der Jubilar fest und fügt an: "Ich Gründungspräsident, du Mitglied im Club, der uns charterte, richtig rotarisch." Dass das fast 50 Jahre her ist und er bald 100 wird, erwähnt er nicht, sondern drängt: "Fliegen wir jetzt los?"

Abheben und Steigen des Flugzeugs verfolgt er ohne Worte, großen Worten misstraut er ohnehin. Viele seiner Reden, etwa zum 25. Charter-Jubiläum, zeigen seine prinzipielle Nüchternheit: "Routine führt zum Absterben jeden Club-Lebens."

 

 

 

In Ruhe schweben

 

 

 

Doch im Cockpit schwindet diese Bodenständigkeit mit jedem Höhenmeter. Selbst große Windräder schrumpfen unten zu Streichhölzern. Oben angekommen, scheint für Rolf die Maschine schier zu schweben. Mit dieser Ruhe hat er nicht gerechnet. Vielflieger sei er gewesen, über das Great Barrier Reef ging es ebenso wie per Hubschrauber in der Schweiz oder zur Convention 1996 ins kanadische Calgary. Aber im Kleinflugzeug zu sitzen, gesteuert vom rotarischen Freund, mit dem er einfach so reden kann? Rolf beginnt sich in der neuen Umgebung hoch über dem Harzer Vorland wirklich wohl zu fühlen.

"Sag mir immer, wo wir sind", bittet das Geburtstagskind interessiert. Plötzlich erkennt er die Höhenlinie voraus als die, die der Brocken in den Horizont zeichnet. "Das ist ja wie der Herrgott im Himmel", schwärmt er nun doch. Und den rechten Vollkreis um des Harzes höchste Erhebung genießt er wie eine Ehrenrunde, nicht ohne festzustellen, dass die Wälder von oben recht erbärmlich aussehen.

Der ruhige Rückflug bietet Zeit zum Erzählen. Dass er im Berlin der 20er Jahre aufwuchs, dass sein Vater von der Berliner Firma, in der er arbeitete, wegen der Weltwirtschaftskrise in den Landkreis Hildesheim versetzt wurde, wo das soziale Klima für den Zehnjährigen sehr ruppig gewesen sei. Dann fing die Nazizeit an mit all den Heilserwartungen: "Ich sah mich als glühenden Hitlerjungen, bis sich herausstellte, dass meine Mutter Halbjüdin war." Wieder brachen Hoffnungen weg, mit 18 musste er in den Krieg. "Kradmelder in der Ukraine, nichts zum alt werden", sagt er. Da war sie wieder, diese Nüchternheit.

 

 

 

Wiederholung zum 100.?

 

 

 

Die Landung verfolgt er still, aber aufmerksam, seine Helge wartet mit der Leiter. Als die Haube des Cockpits hochklappt, fragt er sie unvermittelt, ohne dass es keck klingt: "Wiederholen wir das beim Hundertsten?"

Hartmut Reichardt
(RC Hildesheim)

Aus dem Magazin

Die da oben
02 / 2026
Geduld
01 / 2026
Die Kraft des Singens
12 / 2025
Unter die Haut: Tattoos
11 / 2025
Die Rente ist sicher
10 / 2025
Als Gott auszog – Gedanken zur Umwidmung von Kirchen
09 / 2025
Österreich - Erinnerungen an die Zukunft
08 / 2025
Comeback des Sportvereins
07 / 2025
Man muss Menschen mögen
06 / 2025
Alles auf Anfang
05 / 2025
Cool Japan
04 / 2025
Mut zum Bruch: Deutschland nach der Wahl
03 / 2025
Gehasst oder geliebt?
02 / 2025
Wettrüsten im All: Wie Europa abghängt wird
01 / 2025