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Porträt

Der Mutmacher

Porträt - Der Mutmacher
Stephan Reimers vor dem Antiquariat in der Hamburger Rathauspassage © Henning Bode

In den 1990er Jahren initiierte Stephan Reimers sechs Projekte in Hamburg, die bis heute einen entscheidenden Beitrag zum lebendigen sozialen Leben der Hansestadt leisten – allen voran das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“

Insa Fölster01.02.2019

Bis heute kauft er mehr Exemplare, als das eine, das er lesen will. Wenn Stephan Reimers in der Stadt auf einen „Hinz&Kunzt“-Verkäufer trifft, kommt er oft mit ihm ins Gespräch, berichtet, dass er mitgewirkt hat beim Start des Magazins. Und lässt an den Vertrieb und die Redaktion Grüße ausrichten, von Stephan.

Der Start des Straßenmagazins hat seine Wurzeln Anfang der 1990er Jahre. Zehn Jahre lang war Stephan Reimers Direktor der Evangelischen Akademie Nordelbien gewesen, als er 1992 Leiter des Diakonischen Werkes Hamburg wurde. Gleich am Abend seines ersten Arbeitstages auf dem Weg nach Hause fielen ihm die vielen Schlafplätze in den Hauseingängen auf. Etwa zeitgleich erfuhr er durch eine Meldung der Evangelischen Presseagentur von „Big Issue“, einer neuen Straßenzeitung in London. Obdachlose könnten das Magazin zum Selbstkostenpreis erstehen. Die Differenz zum Verkaufspreis wäre ihr Verdienst. Die Idee für „Hinz & Kunzt“ war geboren. Am 6.November 1993 wurde die Erstausgabe in der Hamburger Innenstadt verkauft.

Neue informelle Gemeinschaft
Heute hat die Mutter aller Projekte, die noch folgen sollten, eine Auflage von 70.000 Exemplaren und erscheint einmal im Monat. „Es entstand eine Verbindung zu einer großen Zahl gleichgesinnter Leser, eine neue informelle Gemeinschaft“, so Stephan Reimers. Neben den Obdachlosen hatte er bei der Entwicklung des Projektes an die Bettler der Stadt gedacht, mit denen er schon immer viele Gespräche führte. Meistens, um herauszufinden, ob sich vielleicht eine neue Perspektive für sie finden ließe. Das Straßenmagazin bot eine solche Perspektive. Mit den Worten „Deine Papiere interessieren uns nicht. Komm mit, du kannst bei uns anfangen“, können die Obdachlosen bis heute animiert werden, mitzuarbeiten. Das Konzept fand Nachahmer weit über die Stadtgrenzen hinaus. In wenigen Jahren entstanden seinerzeit über 50 Straßenmagazine in ganz Deutschland.

Als jüngstes von vier Kindern versuchte Stephan Reimers schon immer, als ausgleichendes Wesen zu wirken. Die diplomatische Rolle hatte er früh eingeübt. Hinzu kommt sein Mut, Zustände stets zum Guten wenden zu wollen. „Ich habe das Gefühl, dass für den Menschen eine Wende zum Besseren bevorsteht. Daran will ich mitwirken“, sagt der 75-Jährige und erklärt damit sein jahrzehntelanges Engagement für seine Hamburger Mutmacher-Projekte.

Spendenparlament
Da die Gründung von „Hinz&Kunzt“ beinahe an Geldmangel scheiterte, entwickelte Stephan Reimers den zweiten großen Motor, der entscheidend dazu beiträgt, dass „die Kultur freiwilligen Helfens in Hamburg auf festen Füßen steht“. Er gründete das Hamburger Spendenparlament. Das hat inzwischen 3400 Mitglieder, die einen Mitgliedsbeitrag von mindestens 60 Euro jährlich zahlen. Dreimal im Jahr entscheiden die Mitglieder in öffentlichen Parlamentssitzungen über die Verteilung der Mitgliedsbeiträge und weiterer Zuwendungen. So wurden seit der ersten Sitzung im Februar 1996 bereits 12 Millionen Euro für mehr als 1300 Projektanträge verteilt. Stephan Reimers versucht auch heute noch, bei jeder Sitzung dabei zu sein.


Zur Person

Stephan Reimers (RC Hamburg-Wandsbek) leitete von 1992-1999 das Diakonische Werk Hamburg. Danach war der Theologe von 1999-2009 Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesrepublik und der Europäischen Union. Seitdem ist er ehrenamtlich u.a. bei den „Hoffnungsorten Hamburg – Stadtmission“ aktiv. Der 75-Jährige ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.


 Zurzeit kümmert er sich gerade unter anderem um das Einwerben von Spenden für den Ausbau der Hamburger Rathauspassage, auch eins seiner Mutmacher-Projekte von damals, das bis heute aktuell ist. Ab Mitte dieses Jahres schließt die Passage für ein Jahr und ein Café an der Alster entsteht, um sie noch attraktiver für die Bürger und Gäste der Stadt zu gestalten. Aus einer verwahrlosten Verkehrszone unter dem Hamburger Rathausmarkt entwickelte Stephan Reimers 1997 eine attraktive Ladenzone. 30 Menschen, darunter 22 ehemalige Langzeitarbeitslose und Obdachlose haben hier heute eine Stelle gefunden und präsentieren ihre Dienstleistungen.

Ehrenamt mit Sinn und Freude
„Ein Teil der heutigen Willkommenskultur “, ist sich Stephan Reimers sicher, „steht in Beziehung zu all dieser Arbeit. Die Mutmacher-Projekte haben die Zivilgesellschaft sehr angeregt zu schauen, was sich noch machen lässt in diesem Bereich.“ Damals, sagt er, habe man für Kultur und Kinder gespendet. Durch die Projekte sei es gelungen, die „hässliche Armut“ interessant zu machen.

Kurz nach seinem 75. Geburtstag blickt Stephan Reimers heute zufrieden und mit einer großen Gelassenheit auf sein bisheriges Leben zurück. Die Zeit der Gremienarbeit, sagt er, sei endlich, nicht aber die Aktivitäten, bei denen er sich weiterhin für andere mit Sinn und Freude nützlich machen werde.


Das Buch zum Thema:
Stephan Reimers

„Hamburger Mutmacher“ - Hinz&Kunzt, Hamburger Tafel, Kirchenkaten, Hamburger Spendenparlament, Mitternachtsbus, Rathauspassage

Ellert & Richter Verlag GmbH, Hamburg 2018, 9,95 Euro