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Wiesbadener Quartett

"Grant mit Vieren" – Das Wiesbadener Modell

Wiesbadener Quartett  -
Kleinunternehmerin Luciane betreibt mit ihren zwei Schwestern einen winzigen Laden, in dem sie Kleidung und Modeschmuck verkauft und auch Haare und Nägel macht.   © Christa Bohnhof

Die vier Wiesbadener Clubs organisieren jährlich ein gemeinsames Global-Grant-Projekt – nach festen Regeln.

Christian Kaiser05.08.2017

Die vier Rotary Clubs der Hessischen Landeshauptstadt bilden innerhalb der großen rotarischen Gemeinschaft schon seit Jahrzehnten eine „Kernfamilie“. So werden über ein gemeinsames Sekretariat auch gemeinsame Veranstaltungen und Projekte organisiert.

Dennoch führten verschiedene Initiativen einzelner Wiesbadener Clubs für gemeinsame Projekte in der Vergangenheit nicht zum Erfolg. Dies könnte auch  an den unterschiedlichen Förderschwerpunkten der Clubs liegen – grundsätzlicher Art oder auch nur für ein rotarisches Jahr.

Andererseits sind Gemeinschaftsprojekte wünschenswert, da vier Clubs eher die Finanzierung größerer Vorhaben stemmen können und weil solche Aktivitäten Wir-Gefühl und Zusammenhalt der Wiesbadener rotarischen Familie stärken.

Hinzu kommt, dass es für einzelne Clubs oft auch eine zu hohe Hürde darstellt, allein mindestens 12.000 Euro für ein Global-Grant-Projekt aufzubringen - mit der negativen Folge, dass weder das Projekt des Clubs A, B, C oder D verwirklicht werden kann.

Das Modell - Theorie

Von diesen Gedanken bewegt machte Peter Enderle (RC Wiesbaden) einen wegweisenden Vorschlag, der gemeinsam mit den Beteiligten zum „Wiesbadener Modell“ weiterentwickelt wurde:

Die Gemeinnützigen Vereine der vier Clubs beschließen, jedes Jahr ein Gemeinschaftsprojekt mit einem Betrag von 12.000 Euro zu unterstützen, das heißt 3.000 Euro je Club.

Der Ansatz mit 12.000 Euro insgesamt beruht hierbei auf der Mindestgröße für ein Global-Grant-Projekt, bei dem ca. 22.000 Euro an Zuschüssen von Distrikt und Foundation erwartet werden können. 

Jeder Club hat alle vier Jahre das Vorschlagsrecht für die Auswahl des Vorhabens und ist damit zugleich federführend für „sein“ Projekt. Damit werden alle Diskussionen darüber, wer wen und was unterstützt, vermieden und jede Konkurrenz zwischen den Clubs ist gegenstandslos.

Auch können sich die Clubs mit ausreichender Vorlaufzeit auf die Auswahl konzentrieren und brauchen sich keine Gedanken über die Finanzierung zu machen.

Das Modell -  Umsetzung

Die praktische Umsetzung des Wiesbadener Modells erfolgte zu Beginn des rotarischen Jahres 2014/15 mit einem entsprechenden Beschluss der gemeinnützigen Vereine für eine erste Vierjahresperiode.

Luciane betreibt mit ihren zwei Schwestern einen winzigen Laden, in dem sie Kleidung und Modeschmuck verkauft und auch Haare und Nägel macht.
Luciane ist stolz auf ihr Erfolgsprojekt - ihren kleinen Laden. © Christa Bohnhof

Das erste vom RC Wiesbaden ausgewählte Projekt war die Ausbildung von Frauen zu Kleinunternehmerinnen durch eine staatlich geprüfte Bildungseinrichtung in Rio de Janeiro. Nach Abschluss der Kurse – so die bisherigen Erfahrungen - betreiben etwa 80-90Prozent der Teilnehmerinnen ein eigenes kleines Geschäft.

Mit Geld aus den rotarischen Töpfen und der Beteiligung weiterer ausländischer Clubs konnte ein Volumen von annähernd 70.000 US-Dollar finanziert werden. Inzwischen ist das Projekt vollständig umgesetzt.

Vom Erfolg konnte sich jüngst Christa Bohnhof (PP des RC Rio de Janeiro) bei einem Besuch vor Ort überzeugen. So berichtet sie begeistert von starken brasilianischen Frauen, die dank intensiver Schulungen ihre gut laufenden kleinen Unternehmen mit Finanzierungs- und Entnahmeplänen fest im Griff haben.

Da ist zum Beispiel Frau Solange, die in einer Favela nach dem Verkauf von Kosmetikprodukten auf der Straße einen Kosmetik-Salon eröffnet hat. Solange ist kontaktfreudig und kann gut verkaufen, aber sie konnte ihr Geld nicht verwalten und kontrollieren. Der von Rotary finanzierte Kurs habe ihr dabei enorm geholfen, so Solange.  Nun kann Sie allen Verpflichtungen nachkommen und sich hin und wieder etwas leisten. Sie hat ein Motorrad gekauft, mit dem sie die Bestellungen ausfährt und sie konnte die Studiengebühren einer Tochter bezahlen. 

Solange mit dem Diplom ihrer Tochter. Sie hat in ihrem Haus einen winzigen Raum mit vielen Borden eingerichtet, auf denen Kosmetik-Produkte stehen. Alles ist wunderbar geordnet und hübsch anzusehen.
Solange mit dem Diplom ihrer Tochter. Sie hat in ihrem Haus einen winzigen Raum mit vielen Borden eingerichtet, auf denen Kosmetik-Produkte stehen. Alles ist wunderbar geordnet und hübsch anzusehen. © Christa Bohnhof

„Diese Frau ist eine von vielen, für die unser Projekt die Basis für ein funktionierendes Geschäft war“, so  Christa Bohnhof.

Herz-OP-Projekt für afrikanische Kinder

Der Club Wiesbaden-Kochbrunnen hat sich für ein Vorhaben entschieden, das Herzoperationen kranker Kinder aus Afrika in einer Klinik in Indien zum Gegenstand hat. Das in der Umsetzung befindliche Projekt hat dank rotarischer Fördermittel und der Beteiligung ausländischer Clubs ein Gesamtvolumen von annähernd 100.000 US-Dollar erreicht.

Die beteiligten rotarischen Partner in Indien berichten hier regelmäßig mit E-Mails und Bildern vom Fortgang. So erfuhren die Wiesbadener Rotarier, dass Ende Mai sieben malawische Kinder – gemeinsam mit ihren Müttern - im Hospital aufgenommen und inzwischen erfolgreich operiert wurden.

In Vorbereitung sind die beiden Projekte der Clubs Wiesbaden-Rheingau und Wiesbaden-Nassau. Hierbei geht es um die Weiterbildung von nepalesischen Lehrern und gesundekids in Kenia.

Erste Erfahrungen

Nach drei Jahren Erfahrungen mit dem Wiesbadener Modell hält der Initiator Peter Enderle für eventuelle Nachahmer folgende Ratschläge bereit: Es läuft „rund“, wenn sich eine mit dem System vertraute Person mit einer gewissen „Hartnäckigkeit“ um die Koordination zwischen den beteiligten Akteuren kümmert – als da sind die Clubs, RDG, TRF, Distrikt und Hostclub. Der „Kümmerer“ muss auch Hilfestellung beim Antragsverfahren leisten können.

Bei den Projektvorschlägen aus den Reihen der Clubs ist äußerst wichtig, dass zuverlässige Projektpartner im Zielland bereitstehen. Denn so manches Vorhaben in der Dritten Welt ist nach großen Anstrengungen der Initiatoren hieran gescheitert.

Gleichzeitig ist Peter Enderle offen für „Trittbrettfahrer“: Angesichts des erheblichen bereits geleisteten bürokratischen Aufwandes sollte es doch für manche Clubs interessant sein, einfach aufzuspringen und sich zu beteiligen. So muss es nicht unbedingt bei einem exklusiven „Grant mit Vieren“ der Wiesbadener bleiben.

Inzwischen wurde entschieden, dass das Wiesbadener Modell ab dem rotarischen Jahr 2018/19 in eine zweite Vierjahresrunde gehen wird.

Christian Kaiser

Christian Kaiser wurde 1942 in Hessen geboren, machte Abitur in Hanau. Studium der Agrarwissenschaften in Göttingen und Bonn mit Promotion. Pächter der Hessischen Staatsdomäne Kinzigheimerhof bis 2004. Öbuv. Sachverständiger. Verheiratet, zwei Kinder. Seit 1981 im RC Hanau. Präsident 1999/2000, PHF+3 und Distriktberichterstatter für D 1820.