26.01.2012

300 Jahre König Friedrich der Große

Friedrich und kein Ende

Jens Bisky

Es gibt keinen Grund zur Glorifizierung des großen Königs, aber viele Gründe, sich mit ihm zu beschäftigen.

Man sollte glauben, dass die Deutschen 1990 genug andere Sorgen gehabt hätten, aber im ersten Sommer der deutschen Einheit sorgte auch Friedrich der Große für Ärger. Nun, da die Nachkriegszeit endgültig vorbei schien, wollte man seine sterblichen Überreste wieder nach Potsdam überführen und zum ersten Mal in der Gruft beisetzen, die der König zu diesem Zweck hatte herrichten lassen. Man ging mit Pomp und wenig Geschick an die Sache heran, die „Aktion Sarg und Asche“ begann, wie Witzbolde in der Verwaltung die Heimführung des Königs getauft hatten.

 

Der als Philosoph gelebt hatte, wollte bekanntlich auch als Philosoph begraben werden. Aus dynastisches Gründen und wohl auch aus Erbitterung über den despotischen Onkel war Friedrich Wilhelm II. nicht dem Willen seines Vorgängers gefolgt, sondern hatte ihn dorthin gebracht, wo Friedrich gewiss nicht ruhen wollte: In die Potsdamer Garnisonkirche, an die Seite des Vaters, des Soldatenkönigs. An diesem Ort hatte Napoleon nach dem kläglichen Zusammenbruch Preußens gestanden und gesagt: „Würde er noch leben, wären wir nicht hier.“ Vor und in der Kirche hatte Adolf Hitler 1933 mit dem „Tag von Potsdam“ ein Bündnis der nationalsozialistischen Bewegung mit altpreußischen Eliten inszeniert. Zehn Jahre später begann die Irrfahrt der Särge, die nach Zwischenstationen in einem Kalibergwerk bei Heiligenstadt und in der Marburger Elisabethkirche auf die Burg Hohenzollern verbracht wurden.

 

Wiederauferstehung

 

Der Sonderzug mit dem 1905 gebauten Kronprinzenwagen brauchte fünfzehn Stunden vom Bahnhof Hechingen, bis er am 17. August 1991 in Potsdam eintraf. Dort drohten, wie der „Spiegel“ damals schrieb, „Riesenrummel und militärischer Mumpitz“; Bundeswehroffizier hielten Totenwache im Ehrenhof des Schlosses Sanssouci. Helmut Kohl nahm an der Beisetzung teil, allerdings nur als Privatperson, wie es hieß, nicht als Bundeskanzler. Der Historiker Golo Mann nannte das eine „absolute Geschmacklosigkeit“. Die Heimkehr der Särge polarisierte die ohnehin aufgekratzte Öffentlichkeit. Wer durch die Vereinigung die Tugenden der guten alten Bonner Republik, ihre Zurückhaltung in Fragen des Staatszeremoniells, ihre Westbindung und die Abkehr von allem Preußischen, bedroht sah, musste schlimme Ahnungenbestätigt sehen. Es waren nicht wenige, die füchteten, das neue Deutschland würde irgendwie preußischer werden.

 

Die Berliner Republik hat in der Tat einen anderen Schwerpunkt bekommen, Staatsverständnis und Regierungsstil haben sich gewandelt. Allerdings ist selbst mit Argusaugen keine Renaissance des Preußentums zu bemerken. So erscheint die „Aktion Sarg und Asche“ im Rückblick vor allem als Zeichen für die stilistische Unsicherheit des neuen Deutschlands, das - es mochte wollen oder nicht - seinen Standort neu bestimmen musste. Preußischer ist sie dabei nicht geworden, aber es gibt seit der Vereinigung ein neues Interesse an der preußischen Geschichte. Man will wissen, wie es gewesen ist und gibt sich mit den Klischees nicht mehr zufrieden. Davon profitiert nun auch Friedrich der Große, der 1991 gewiss gespottet hätte über den Aufwand, den man mit seinem Sarg trieb in einer Zeit, in der das von ihm eroberte Schlesien endgültig zu Polen gehörte. Die Aufmerksamkeit, die er zu seinem 300. Geburtstag findet, übersteigt alle Erwartungen. Noch vor einem Jahr hätten die wenigsten derer, die sich als Historiker, Kuratoren, Autoren mit Friedrich und seiner Zeit beschäftigen, mit der Flut neuer Publikationen, angekündigter Ausstellungen und Veranstaltungen gerechnet. Woraus speist sich dieses Interesse?

 

Es ist zunächst regional- und kulturgeschichtlich inspiriert. In den zwanzig Jahren nach der Vereinigung ist der Geschichtsraum der Mark Brandenburg und Berlins neu entdeckt worden. Schloss Rheinsberg beherbergte bis zum Mauerfall ein Sanatorium, heute kann man hier die Atmosphäre wieder kennen lernen, in der Kronprinz Friedrich sich auf seine Regierung vorbereitet hat, man kann den Glanz des beginnenden Rokoko und die spätere, durchaus friedrichkritische Ausgestaltung des Schlosses und des Parks durch den Bruder Heinrich betrachten. Der  Wiederaufbau des sinnloserweise gesprengten Potsdamer Stadtschlosses, in dem Friedrich regiert und wo er etwa Bach empfangen hat, ist weit fortgeschritten. Pläne für den Wiederaufbau der 1968 vernichteten Garnisonkirche in Potsdam liegen vor. Mit der Rekonstruktion des Berliner Schlosses, in dem Friedrich geboren wurde und das er nicht mochte, soll demnächst begonnen werden. Das Neue Palais, mit dem der König nach dem Siebenjährigen Krieg der Welt zeigen wollte, wie leistungsfähig seine Monarchie noch war, ist von Grund auf saniert. In ihm wird auf etwa 6000 Quadratmetern die bisher wohl größte Friedrich-Ausstellung überhaupt zu sehen sein.

 

Das Interesse an Preußen und an Friedrich ist nicht auf Deutschland begrenzt. In Polen, das zu einem Drittel auf ehemals preußischem Gebiet liegt, ist die Neugier auf diese Geschichte stetig gewachsen. 2009 spielten überwiegend Polen die Schlacht von Kunersdorf im heutigen Kunowice nach, während der Siebenjährige Krieg in Deutschland damals nur wenig Aufmerksamkeit fand. Jüngst hat der Warschauer Politologe Kazimirz Wóycicki gemeint, die preußische Geschichte sei eine gemeinsame, leider noch zu wenig gemeinsam genutzte Vergangenheit. Dabei böte sie die Möglichkeit für Verständigung jenseits der nationalstaatlichen Geschichtserzählungen und Verkrampfungen. Die französische Botschaft in Berlin ehrt Friedrich, der ein großer französischer Autor war, mit einem Empfang. Mag sich auch derzeit in England und den Vereinigten Staaten die Öffentlichkeit kaum für Friedrich interessieren, so ist die Preußenforschung an den dortigen Universitäten doch von beeindruckender Lebendigkeit und Originalität.

 

Ein unbefangener Blick

 

Die Verbindung von regionaler und europäischer Perspektive ermöglicht einen neuen, frischen Blick auch auf Friedrich. Trotz der Indienstnahme seiner Figur fü Propaganda und Ideologieproduktion scheint eine gewisse Unbefangenheit möglich geworden. Diese Geschichte brennt nicht mehr, sie glimmt kaum noch. Historisches Interesse kann davon nur profitieren. Es gedeiht besser durch Neugier als durch pädagogische Absichten oder ideologische Grabenkriege. So kann der ruhmbegierige König entdeckt werden, der als ein Journalist auf dem Thron versuchte, sein Bild unter den Zeitgenossen und in der Geschichte festzuschreiben, so kann manche Legende korrigiert werden. Entdecken lässt sich dabei, dass Friedrich zur Glorifizierung preußischer Tugenden schwerlich taugt. Er hat kaum mehr gearbeitet als sein Großvater, zahlte für eine Tabakdose gern so viel, wie ein Rittergut damals wert war und zeichnete sich durch ein ungeheures „Beifallsbedürfnis“ (Bismarck) aus. In der Reihe der sonst gottesfürchtigen Hohenzollernherrscher ist er die Ausnahme. Aufklärung betrieb er als Eliteprojekt; die Reformen des Rechts bedeuteten zwar einen Fortschritt, hinderten ihn aber nicht, despotisch in Verfahren einzugreifen.

 

Es gibt keinen Grund zur Glorifizierung Friedrichs, aber viele Gründe, sich mit ihm zu beschäftigen. Welche Folgen seine Regierung für die spätere Entwicklung besaß, ist umstritten. Festhalten kann man wenigstens, dass der Siebenjährige Krieg zur unmittelbaren Vorgeschichte der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wie der Französischen Revolution gehört, dass Friedrich durch die Art der Kriegsführung und Kriegsfinanzierung, Sachsen und Polen auf lange Zeit geschwächt hat, dass seine Bevorzugung französischer Freigeister die deutschen Aufklärer veranlasste, ihre abweichende Position zu entwickeln.

 

Bei Friedrich findet jeder etwas: das Drama des begabten, schwer erziehbaren Kronprinzen; den Glanz der ersten Regierungsjahre; die Zähigkeit, mit der er den Siebenjährigen Krieg durchstand; den einsamen, schon skurrilen Alten, in dem einige seiner Untertanen das Muster eines vernünftigen Herrschers erblickten. Daneben gibt es den Gesprächspartner großer Philosophen, den Musiker, den unermüdlichen Autor. Mit Friedrich langweilt sich keiner. Aber so viel er auch schrieb, in sein Inneres ließ er die Zeitgenossen und lässt er seine heutigen Leser nicht schauen. Die Undurchdringlichkeit seines Charakters macht einen Teil der Faszination aus, die von ihm ausgeht, sie gehört auch zu jener „Seelenhärte“ (Jacob Burckhardt), die uns an ihm dauerhaft verstört. Frühere Generationen haben, wenn sie über Friedrich sprachen, auch über das  Selbstverständnis der Deutschen, über Pflicht und Opfer gesprochen. Eine interessante, wenn auch nicht neue Frage für das Jubiläumsjahr 2012 ist die nach der Rolle des Einzelnen, der Persönlichkeit in der Geschichte. Stimmt es, wie der sozialdemokratische Historiker Franz Mehring meinte, dass nicht Fürsten Geschichte machen, sondern Geschichte die Fürsten macht? Die anhaltende Lust, sich mit dem vielgestaltigen Friedrich zu befassen, scheint dem zu widersprechen.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2012

Jens Bisky
Dr. Jens Bisky ist Redakteur im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“. 2007 erschien von ihm eine Biographie Heinrichs von Kleist und 2011 „Unser König. Friedrich der Große und seine Zeit“ (beide Rowohlt). www.sueddeutsche.de

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