12.05.2015

Die Stärken und Schwächen der deutschen Kulturpolitik am Beispiel des Humboldt-Forums

Symbol nationaler Unentschlossenheit

Jens Bisky

Das Humboldt-Forum im neuen Berliner Schloss ist gegenwärtig das be­deutendste Bauprojekt Deutschlands. Welche Aussage trifft ein Land, wenn es ein derart markantes Vorhaben in seiner politischen Mitte den Kulturen der Welt widmet? Und was folgt daraus für den kulturellen Föderalismus? Diesen und weiteren Fragen zur Rolle der Kultur widmen sich die Beiträge dieses Titelthemas.

Die Geschichte des Berliner Humboldt-Forums offenbart Stärken und Schwächen gegenwärtiger Kulturpolitik deutlicher als jedes andere Beispiel. Schon die Tatsache, dass es dieses Vorhaben gibt, dass seit anderthalb Jahrzehnten daran geplant, darüber gestritten, dafür gezahlt wird, lässt sich als ein kulturpolitischer Triumph verstehen. Der Platz in der alten Mitte der Hauptstadt hätte auch für andere Zwecke als die der Kultur und Bildung genutzt werden können. Es war nicht selbstverständlich, dass der Vorschlag Klaus-Dieter Lehmanns, der gerade Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz geworden war, erst die Zustimmung der Fachleute einer internationalen Kommission und dann die Mehrheit im Deutschen Bundestag fand.

Einige Momente, glückliche Umstände, begünstigten dies. Lehmann hatte die Idee 1999 ins Spiel gebracht, nach sechzehn Kohl-Jahren verbreitete die neue, rot-grüne Regierung Aufbruchsstimmung. Und sie tat dies von Berlin aus, das durch den Regierungsumzug nun tatsächlich zur Hauptstadt der Republik wurde, die man bald die „Berliner Republik“ nennen würde. Verbunden war dies mit der Einrichtung einer neuen Behörde und der Position eines Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. Die Frage, was nationale Kulturpolitik sein und wollen könne, stand damit auf der Tagesordnung. Über den Platz, auf dem einst das Schloss der Hohenzollern gestanden hatte, den der Palast der Republik gen Ost abriegelte, war seit Beginn der neunziger Jahre erbittert gestritten worden. Ein Kompromiss zwischen den verschiedenen Positionen – Neubau, Rekonstruktion oder Erhaltung des Republikpalastes – schien nicht in Sicht. Der Einfall, neben der Museumsinsel und hinter neuen Barockfassaden einen Ort für die Kulturen der Welt zu errichten, gewann da verführerische Kraft. Er nahm der Entscheidung für die Rekonstruktion den Anschein des Rückwärtsgewandten und versprach überdies die Lösung praktischer Probleme. So sollten die außereuropäischen Sammlungen der Preußen-Stiftung mit dem Umzug aus dem Dahlemer Abseits in die Mitte endlich die ihnen gebührende Aufmerksamkeit bekommen.

Symbol einer Nation in der Mittellage

Kulturpolitisch war das Vorhaben auf der Höhe der Zeit: Es würde städtebauliche Missgriffe korrigieren und das zugige Areal beleben, an das preußische Erbe erinnern, den in der DDR unternommenen Wiederaufbau der Straße Unter den Linden abschließen, Kunst, Bildung und Wissenschaft zusammenführen, in einem „Agora“ getauften Bereich Experten, Künstler und Bürger zusammenbringen und obendrein das neue Selbstbild der Republik entwerfen: selbstbewusst und weltzugewandt, auf Schönes, Wahres und Gutes versessen. Der Name der Brüder Humboldt stand dafür.

So weit, so gut und einer Nation in Mittellage angemessen. Sich dieser Aufgabe zu stellen, sie als ein Projekt des Parlamentes in Angriff zu nehmen, ihm einen der wichtigsten Plätze der Hauptstadt zu sichern und die erforderlichen Mittel bereitzustellen – all das spricht für die neue Stärke nationaler Kulturpolitik.

Allerdings ist der Öffentlichkeit trotz ausgiebiger Schwärmereien über die komplexe Idee und die noble Absicht, trotz ungezählter Artikel, Aufsätze und Diskussionen noch immer nicht recht deutlich, was sie im Humboldt-Forum erwartet. Ein Mehrzweckgebäude soll das neue Schloss nicht sein, ein Haus für verschiedene Einrichtungen unter einem Dach. Im Gegenteil: Die beteiligten Institutionen sind aufgefordert, sich selbst neu zu erfinden und zu einer Art Super-Organismus zu verschmelzen.

Die Idee des Humboldt-Forums ist leider zu einer „Vision“ verkommen. In einem Konzeptpapier der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus dem Jahr 2013 häufen sich Floskeln: Da ist von „lustvoller Unberechenbarkeit“ die Rede, von der Eingangshalle als einem „bleibenden Erlebnis“, von einem „ganz besonderen Schwingungsraum“. Es gehe bei der „Entwicklung des Humboldt-Forums um die Erfindung und Konstitution einer kulturellen Institution, die weltweit Maßstäbe setzten soll“.

Misslungene Konzeptpapiere und Weltbeglückungsfantasien gibt es immer wieder; das lässt sich wohl nicht vermeiden. Ohne einen utopischen Überschuss oder doch wenigstens den Wunsch, vieles besser zu machen, gelingen Kulturprojekte nicht. In diesem Fall aber dienen die Schreibtischfantasien bislang vor allem dazu, die institutionelle Schwäche des Humboldt-Forums zu kaschieren. Es braucht „Visionen“, weil es kaum Strukturen gibt, weil das Forum nur als Name existiert. Wie miserabel es um die tatsächliche, nicht die herbei-fabulierte Zusammenarbeit der Beteiligten steht, zeigten die jüngsten Querschüsse des Landes Berlin. Nachdem viel Arbeit in den Auftritt der Zen-tral- und Landesbibliothek investiert worden war, kündigte der Regierende Bürgermeister Michael Müller kurz entschlossen an, Berlin wolle nun doch lieber mit einer Ausstellung über sich selbst im Humboldt-Forum vertreten sein. „Welt. Stadt. Berlin“ soll sie heißen, die Partner waren von dem Vorschlag überrascht. Und auch er ist bislang nicht durchdacht. Wir kennen lediglich ein paar wolkige Absichtserklärungen. Offenkundig ist das Humboldt-Forum über das Stadium des Nebeneinander verschiedener Akteure kaum hinausgediehen. Wäre es anders, hätte Berlin nicht so leichtfertig die Pläne umstoßen können, wäre der Einspruch der Preußen-Stiftung, der Universität oder des Bundes wohl lauter gewesen.

Auftrag an die Gründungsintendanz

Wer ein Humboldt-Forum will, muss ihm eine institutionelle Gestalt geben. Die Berufung eines Gründungsintendanten war daher überfällig. Allerdings sind die Probleme damit nicht behoben, so glänzend der Ruf Neil MacGregors auch ist. Wie hoch wird der Etat des Intendanten sein? Wer bringt die dreißig oder fünfzig Millionen Euro jährlich auf, die nach ersten Schätzungen nötig sein werden? Welche Kompetenzen hat der Intendant gegenüber den Museumsdirektoren? Wer entscheidet im Konfliktfall? Wer übernimmt Verantwortung? Nach allem, was man bisher weiß, ähnelt die Gründungsintendanz einem Projektteam. Dieses ist gut besetzt; Freiraum, die eigene Rolle zu erfinden, wird nicht schaden.

Eines aber ist jetzt schon gewiss: Je rascher die überzogenen Ansprüche und Versprechungen verabschiedet werden, desto besser für alle. Sammlungen werden den Kern des Humboldt-Forums bilden. Die Bestände sind großartig. Von ihnen her, ausgehend von Kunstwerken, Kultobjekten und Alltagsgegenständen muss das Forum erfunden werden. Dialog der Kulturen heißt für ein Museum eben ganz konkret Zusammenarbeit mit anderen Museen, heißt auch, anhand der Exponate Geschichten über die Welt von einst, ihre Verwandlung und die Gegenwart zu erzählen.

Gewiss werden die Besucher neugierig sein auf die Geschichte des Ortes auf den Baumeister und Bildhauer Andreas Schlüter, auf das alte, nahezu vollständig verschwundene Berlin und mithin auch auf die Geschichte seiner Zerstörung.

Statement einer Kulturnation

Die Stärke der Kulturpolitik lag darin, einen Anspruch zu formulieren, Mehrheiten und Mittel zu sichern. Ihre Schwäche war es, dass es zu lange dabei blieb, dass sie im Modus des Ankündigens verharrte und inhaltlich ebenso viel in der Schwebe blieb wie institutionell. Sie hatte das Glück, dass keiner der Gegenvorschläge größere Überzeugungskraft entwickelte.

Wahrscheinlich hatte das Erschrecken angesichts der eigenen Courage einen großen Anteil an den Diskussionen über das Humboldt-Forum. Es würde jedenfalls die ermüdenden Beschwörungen der guten Absicht und der Innovation ebenso erklären wie das lange Zögern im Praktisch-Konkreten. Manche waren erschrocken, weil die Fassaden der Hohenzollernresidenz rekonstruiert werden sollten, andere darüber, dass man den außereuropäischen Sammlungen einen teuren Neubau in der Stadtmitte errichten würde. Ist das nicht Luxus? Kann das gerechtfertigt werden?

In der Tat, wer nüchtern benennt, was da am Schlossplatz geschieht, muss konstatieren: Für Sammlungen, die bisher am Rande untergebracht waren und für unser kulturelles Selbstverständnis eine geringere Rolle spielten, wird mit großem Aufwand ein Museumsgebäude mit historisierender Fassade an einem der symbolträchtigsten Orte des Landes gebaut. Darin liegt eine Pointe für das Selbstbild des Landes: Wenn alles gut läuft, werden im Humboldt-Forum viele verschiedene Geschichten erzählt über die Welt, in der wir leben. Jeder wird eine andere interessant, lehrreich oder begeisternd finden.

Eine aber erzählt das Humboldt-Forum: Die Berliner Republik ist reich genug und willens, in ihrer Mitte einen riesigen Bau der Kunst und der Bildung zu widmen. Muss man das wirklich durch Weltbeglückungsfloskeln rechtfertigen? Es passt doch ganz gut zu einer Nation, die in beinahe jeder größeren Stadt ein Opernhaus unterhält.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2015

Jens Bisky
Dr. Jens Bisky ist Redakteur im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“. 2007 erschien von ihm eine Biographie Heinrichs von Kleist und 2011 „Unser König. Friedrich der Große und seine Zeit“ (beide Rowohlt). www.sueddeutsche.de

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