Nürnberg - Eine Frau mit großer  Ausstrahlung

Kerstin Jeska-Thorwart organisierte eine der größten rotarischen Spendenaktionen in Deutschland: den Wiederaufbau einer Geburtsklinik auf Sri Lanka nach dem Tsunami 2004

02.01.2016

Nürnberg 

Eine Frau mit großer Ausstrahlung

Matthias Schütt

Global Women of Action – Kerstin Jeska-Thorwart (RC Nürnberg-Sigena) ist die erste Europäerin, die diese internationale Rotary-Auszeichnung erhalten hat

Mit der Preisverleihung am Sitz der Vereinten Nationen in New York unterstreicht Rotary International die besondere Rolle der Frauen in diesem Serviceclub: Seit 2013 werden jährlich sechs Rotarierinnen für herausragendes humanitäres Engagement gewürdigt. Der Wiederaufbau des sogenannten „Babyhospitals“ in Galle auf Sri Lanka verdient zweifellos dieses Prädikat. Past-Gov. Kerstin Jeska-Thorwart hatte dafür nach der Tsunami-Katastrophe von 2004 eine deutschlandweite Spendenaktion aufgezogen.

Rückblende: Den zweiten Weihnachtstag 2004 verbrachte das Ehepaar Thorwart nicht wie sonst am Strand von Hikkaduwa auf Sri Lanka, sondern im landeinwärts gelegenen Ferienhaus. „Dass etwas passiert war, merkten wir, als die Ventilatoren ausfielen“, erinnert sich Kerstin Jeska-Thorwart. „Es folgten Minuten einer unheimlichen Stille, bevor das Geschrei immer näherkam.“ An ihrem Ferienhaus vorbei flohen blutüberströmte Menschen vor der tödlichen Flutwelle. Sofort stellten Thorwarts ihr Domizil auf Notquartier um und boten 20 Touristen mit Kindern für die nächsten Tage ein sicheres Obdach.

Diese Katastrophe, der allein auf Sri Lanka über 23.000 Menschen zum Opfer fielen, hat das Leben der 54-Jährigen stärker als alles andere verändert. Sie war damals Governor im Distrikt 1950 mit langer Erfahrung in rotarischer Projektarbeit. Die Not jedoch, die sie jetzt vorfand, übertraf alle Vorstellungen. Bei einer ersten Erkundung kamen Thorwarts auch zu der großen Geburtsklinik in Galle, von der nur noch Trümmer übrig waren. Wo aber sollten die Schwangeren jetzt hin? 60 Frauen waren hier jeden Tag entbunden worden. Nach Kontakten zu Behörden und Rotary Clubs in der Region faxte Jeska-Thorwart noch vor Neujahr eine erste Wunschliste nach Deutschland – und fand nach der Rückkehr ihr Büro als Warenlager vor. Am 10. Januar 2005 hob der erste Flieger mit zwei Tonnen Hilfsgütern Richtung Colombo von Frankfurt ab.

Albtraum im Traumland
Über 200 Clubs und unzählige Privatspender beteiligten sich an der Hilfsaktion, darunter auch die Helmut-Kohl-Stiftung, die die bauliche Wiederherstellung übernahm. Über Rotary kamen mehr als 1,5 Millionen Euro zusammen, mit der die Klinik neu ausgestattet wurde. Auch nach zehn Jahren ist die Zusammenarbeit eng, etwa durch einen regelmäßigen Ärzteaustausch. Das Babyhospital ist zum Modellprojekt mit weiter Ausstrahlung geworden. Wenn Jeska-Thorwart etwas stolz macht, dann dies: „Wir haben dort fast deutsche Verhältnisse, was die Geburtensicherheit betrifft.“

Die Tropeninsel hinter Indien war schon immer ihr Traumland. Dorthin ging die erste Fernreise der Jura-Studentin, mit Rucksack und Ticket in der Holzklasse. Heute ist die viel beschäftigte Wirtschaftsjuristin und Insolvenzverwalterin vier- bis fünfmal im Jahr unten und wacht seit dem Tod ihres Mannes, Past-Gov. Carl Otto Thorwart, 2014 allein über den Fortgang des Projekts. Als geschäftsführende Partnerin der Wirtschaftskanzlei Thorwart, die an acht Standorten den Mittelstand in Nordbayern, Sachsen und Thüringen berät, ist sie für über 100 Mitarbeiter verantwortlich. Ihr erster Chef und späterer Schwiegervater, Past-Gov. Hermann Thorwart (RC Nürnberg-Kaiserburg), empfahl die 29-Jährige 1990 als Gründungsmitglied des RC Gera. Im vergangenen Jahr wechselte sie zum RC Nürnberg-Sigena.

Schon früh hat sie sich die Insolvenzverwaltung als Spezialgebiet ausgesucht, ein hoch spannendes Arbeitsfeld, zumal in Thüringen in der Transformation zur Marktwirtschaft: „Mich interessiert vor allem die Schnittstelle zwischen Rechtswissenschaft und Betriebswirtschaft sowie die immer wieder spannende Frage, wie sich Strukturen produktiv verändern lassen. Ein Unternehmen ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Diesen Kern herauszuschälen und um ihn herum das Unternehmen neu auszurichten, das fasziniert mich.“ Derzeit ist sie dabei, auch die Zukunft ihres eigenen Unternehmens neu zu entwerfen. Sie will sich allmählich aus dem Tagesgeschäft zurückziehen und jüngeren Partnern Platz machen. Neben der Führung der Thorwart-Jeska-Stiftung zur Förderung junger Talente in Sport, Bildung und Kultur will sie sich grundsätzlich in  wirtschaftsstrukturelle Fragen vertiefen. Auch das eine oder andere Aufsichtsratsmandat könnte sie interessieren. Und Rotary? Während sie sich im Nürnberger Club im nächsten Jahr um die neuen Mitglieder kümmert, will sie auf internationaler Ebene die Not der Kinder stärker zum Thema machen: „Der Rotary-Tag bei der UNO in New York hat mich sehr berührt, besonders die grausame Kindersklaverei“, deutet sie ein neues Arbeitsfeld an. Als „Global Woman of Action“ dürften ihr einige Türen offenstehen.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2016

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.

 

Rotary Magazin 12/2016

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