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Weitermachen oder neu beginnen?

Forum - Weitermachen oder neu beginnen?
So wie Jack Nicholson im Kinoschlager „About Schmid“ geht es auch in Deutschland und Österreich Jahr für Jahr Tausenden, wenn sie aus dem aktiven Berufsleben ausscheiden. Die jahrzehntelange Identität funktioniert nicht mehr und verlangt nach etwas Neuem. © a.p.l. allstar picture library/new line cinema

Für viele Menschen kann der Ruhestand gar nicht früh genug beginnen, andere schieben ihn weit hinaus. Reflexionen über eine Lebensphase, die viel bietet und viel verlangt.

Walter Hömberg01.02.2021

Ruhestand – das ist ein typisch deutscher Begriff, der wie „Kindergarten“, „Sauerkraut“, „Schadenfreude“ und „Waldsterben“ längst als Fremdwort in andere Sprachen eingewandert ist. Grimms Wörterbuch definiert als erste Bedeutung Ruhestand als „Gegensatz zur Bewegung“. Kant spricht vom „festen Ruhestand der Materie (eines Planeten)“. Und Lessing schreibt: „Diejenige Kraft der Seele, die die Beurteilung und das Nachsinnen regiert, ist von einer trägen Natur, sie ist vergnügt, den Punkt ihres Ruhestandes anzutreffen, und bleibt gerne bei demjenigen stehen, was sie von einem mühsamen Nachdenken losspricht.“

Jetzt erst recht!

Heute wird damit gemeinhin der Status einer Person nach dem Ende der Lebensarbeitszeit und dem Ausscheiden aus dem Beruf bezeichnet. Manche können es kaum erwarten und gehen dann in den sogenannten Vorruhestand – der „Ruhestand mit 63“ hat sich als sozialpolitischer Wahlknüller erwiesen. Jeder Fünfte geht in Deutschland inzwischen vorzeitig in Rente. Andere versuchen den Zeitpunkt hinauszuschieben, weil sie eine Veränderung der bisherigen Lebensführung scheuen.

Nicht selten wird der neue Status als imaginärer Verschiebebahnhof für ungelebte Wünsche und Träume in Anspruch genommen. Allerlei Vergünstigungen und Spezialangebote versprechen, den Alltag schmackhaft zu machen: der Seniorenteller im Restaurant, ein Seniorenrabatt im Museum und im Kino, schließlich die Seniorengymnastik und – als Endstation – die sogenannte Seniorenresidenz.

Der Ruhestand bedeutet heute keinesfalls das Ende aller Aktivitäten. So machten vor einigen Jahren drei Männer zwischen 64 und 73 durch eine Serie von Banküberfällen von sich reden. Die Süddeutsche Zeitung schrieb lakonisch über diese sogenannten „Opa-Räuber“: „Hauptmotiv für die Taten war Geldmangel, unter anderem wegen magerer Renten.“ (11./12. Juni 2005) Das Gericht schickte die alten Herren für neun bis zwölf Jahre hinter Gitter. Es gab keinen Seniorenrabatt.

Einige treiben es noch toller: „Exhibitionist mit dem Rollator unterwegs“ – so lautet der Titel einer Meldung in derselben Zeitung vom 5. Juli 2008. „Manche lernen es spät, manche lernen es nie, und manche lernen es noch später“, hätte Hermann Schmitz, unser vor langer Zeit verstorbener Lateinlehrer, dazu gesagt.

Angekratztes Ego

Helmut Eckl, der knorrige bayerische Gelegenheitsdichter, schreibt in seinem Buch „Alte Männer füttern keine Enten“: „Ich fand in der Post eine Einladung der alten Tante Espede zu einem gegenseitigen Kennenlernen beim ‚Seniorennachmittag‘. Seniorennachmittag! War ich nicht gestern bei den Jusos eingetreten. Ich war tief getroffen und beschloss meinen sofortigen Austritt aus dieser Partei der Rücksichtslosigkeit gegenüber meinem Alter. Ich dachte immer, man ist so alt, wie man sich fühlt. Die können doch nicht wissen, wie alt ich mich fühle. Ich fühle mich jedenfalls nicht alt genug für einen Seniorennachmittag mit Kuchen und Kaffee.“

Eine solche Selbsteinschätzung ist also sehr subjektiv. So sehen nicht wenige Zeitgenossen die Verabschiedung in den Ruhestand mit ambivalenten Gefühlen. Die inzwischen inflationär gebrauchte Bezeichnung „Unruhestand“ soll dem Begriff seine subkutane Peinlichkeit nehmen.

Bei Päpsten und Bischöfen spricht man von Emeritierung. Das Gleiche gilt für Universitätsprofessoren, wobei der Deutsche Hochschulverband die Begriffe „Emeritus“ und „Emerita“ unabhängig von hochschulrechtlichen Detailregelungen für angemessen und legitim hält.

Für Professoren, die noch gesund und voller Energie sind, bedeutet die Verabschiedung in den Ruhestand nicht selten eine narzisstische Kränkung. Wie geht man damit um? Hier lassen sich drei Typen beobachten:

Weitermacher

Der erste Typ ist der Weitermacher. Er tut so, als wenn sich nichts geändert hätte: Er geht weiter in „sein“ Institut. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und Aufsätze und besucht Tagungen wie eh und je. Die Lehrverpflichtung ist mit der Emeritierung entfallen, aber mancher Unermüdliche hält weiter Vorlesungen und Seminare ab. Und Gutachten? Ja, gerne.

Einige Kollegen lassen die Dienstzeit verlängern oder beginnen eine neue Karriere als „Seniorprofessor“. Bei den Studierenden kommt das nicht immer gut an. So haben Mainzer Publizistik-Studenten im Sommer 2009 sogar eine Abwrackprämie für Altprofessoren gefordert und dafür ein eigenes Antragsformular entworfen (Adressat war ein sogenanntes „Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle“).

Anknüpfer

Der zweite Typ ist der Anknüpfer. Er knüpft an seine Erkenntnisse und Erfahrungen an, freut sich aber, dass er jetzt all die Pflichtübungen auf dem Eis der beruflichen Routinen nicht mehr absolvieren muss, sondern sich ganz der Kür widmen kann. Anfragen nach Gutachten, Vorträgen, Moderationen und Rezensionen lehnt er lächelnd ab – es sei denn, es handelt sich um seine Lieblingsthemen oder um neue reizvolle Herausforderungen, etwa als Berater oder Mentor. Auch der Festschriften-Falle versucht er zu entkommen. Diese Form der „akademischen Ehrenkommunikation“ sieht er mit Robert Minder als Massengrab, bei dessen Verfertigung alle Beteiligten stöhnen und fluchen.

Neubeginner

Der dritte Typ ist der Neubeginner. Er beginnt vielleicht ein Studium in einem Orchideenfach. Die Archäologie oder die Pomologie haben ihn schon lange interessiert. Oder er schultert den Rucksack und geht auf die immer wieder verschobene Weltreise. Hier muss er sich allerdings sputen, bevor irgendwann die Rollatorphase beginnt. Laientheater, Chorgesang, Ehrenamt – es gibt viele Möglichkeiten zum Neubeginn.

Jeder muss seine eigene Balance finden. Ich versuche, Typ 2 und Typ 3 miteinander zu verbinden – anzuknüpfen an alte Erkenntnisse und Einsichten und diese zu ergänzen durch neue Erfahrungen und Exkursionen in unbekanntes Land.

Emeritus – ein schöner Beruf? Karl Otto Conrady, bei dem ich vor 112 Semestern in Kiel Literaturwissenschaft zu studieren begonnen habe und der im Sommer des vergangenen Jahres hochbetagt in Köln gestorben ist, hat sich diese Frage auch einmal gestellt. Er hat sie mit einem klaren „Ja“ beantwortet. Dann hat er allerdings hinzugefügt: „Nur die Ausbildung dauert sehr lange.“

Walter Hömberg
Prof. Dr. Walter Hömberg ist Kommunikationswissenschaftler und Publizist, war Professor für Journalistik an den Universitäten Bamberg und Eichstätt und lehrte als Gastprofessor an der Universität Wien. Er ist Mitherausgeber des Bandes „‚Ich lass mir den Mund nicht verbieten!ʻ Journalisten als Wegbereiter der Pressefreiheit und Demokratie“, der kürzlich im Reclam Verlag erschienen ist.

 

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