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Ein altes Medium wird neu entdeckt

Forum - Ein altes Medium wird neu entdeckt
Was als bildlose „Correspondenzkarte“ begann, heißt heute Postkarte, bleibt zeitlos beliebt und entwickelt sich seit 150 Jahren stetig weiter. © Museum für Kommunikation Berlin

Die Postkarte kann jetzt den 150. Geburtstag feiern. Als Massenmedium hat sie eine wechselvolle Geschichte, ist aber immer noch aktuell.

Walter Hömberg01.08.2020

Bei einem Eisenbahnunglück sucht der Franzose eine Frauenbekanntschaft. Der Engländer lässt sich in seiner Zeitungslektüre nicht stören, und ein Deutscher schreibt Ansichtskarten – notfalls noch im Himmel.“ Dieses Zitat wird dem Grafiker und Autor Thomas Theodor Heine zugeschrieben, der besonders durch seine Karikaturen für den Simplicissimus in Erinnerung geblieben ist. Wie die meisten Nationalstereotypen enthält seine Feststellung mehr als nur ein Körnchen Wahrheit: Die Postkarte als neue Form der schriftlichen Kommunikation ist eine deutsche Erfindung. Vor 150 Jahren unterzeichnete der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck eine Verordnung zur „Einführung der Correspondenzkarte“, die dann am 1. Juli 1870 in Kraft trat. Der Impuls dazu kam von Heinrich Stephan, dem Generalpostdirektor des Norddeutschen Bundes. Dieser hatte bereits fünf Jahre zuvor in einer Denkschrift kritisiert, dass „die jetzige Briefform für eine erhebliche Anzahl von Mittheilungen nicht die genügende Einfachheit und Kürze“ erlaube. Sein Argument war also die Kommunikationsrationalisierung – in einer Zeit, in der es das Telegramm als elektromagnetisch übertragende Kurznachricht schon gab. Aus Sorge um das Briefgeheimnis und wegen sittlicher Bedenken wurde dieser Vorstoß damals abgelehnt. Die Nachbarn im Südosten Europas waren dann schneller: 1869 hat die österreichisch-ungarische Post die sogenannten „Correspondenzkarten“ zum Versand zugelassen.

Ein Stück Geschichte

Die frühen Correspondenzkarten wurden nur auf der Rückseite beschrieben. Die Vorderseite war für die Adresse des Empfängers und das Postwertzeichen freigehalten. Da im Unterschied zum Brief der verhüllende Umschlag fehlte, verzichteten Absender und Empfänger gleichermaßen auf das Wahren des Postgeheimnisses. Dies wurde durch ein ermäßigtes Porto honoriert. So entwickelte sich die Postkarte schnell zum Verkaufsschlager. Und innerhalb eines Jahrzehnts folgten mehr als zwanzig Länder in aller Welt dem österreichischen und deutschen Beispiel.

Dieser bemerkenswerten Expansion folgte bald eine Differenzierung des Angebots. Die Fortschritte der Drucktechnik erlaubten am Ende des 19. Jahrhunderts zunächst die Verwendung von Farbe und später auch den Fotodruck. Damit war die Ansichtskarte geboren. In der immer noch gültigen Form reserviert sie auf der Vorderseite links Raum für Mitteilungen und rechts für die Anschrift des Empfängers.

Die typografischen Karten sind bis heute am beliebtesten und am weitesten verbreitet. Sie zeigen Abbildungen von Städten, Dörfern und Landschaften und definieren durch ihre Bildauswahl, was sehenswert ist. Markante Kirchen, Burgen und Schlösser, historische Plätze, Denkmäler und Paläste, idyllische Berge, Wälder und Seen – die Bildmotive bestätigen in Zeiten eines boomenden Tourismus häufig die Erwartungserwartungen der Empfänger.

Solche Ansichtskarten sind nicht nur Erinnerungsstützen für den Einzelnen, sie sind auch kulturgeschichtliche Dokumente. Kein Wunder, dass sich auch Wissenschaftler und Museumsleute mit diesem ersten globalen Bildmedium befassen. So hat bis Februar dieses Jahres die Museumsstiftung Post und Telekommunikation in einer Ausstellung in Berlin eine Auswahl aus ihren über 200.000 Postkarten (Bild) gezeigt.

Papier mit Begeisterungspotenzial

Was die Sammelleidenschaft betrifft, so gibt es neben den Philatelisten, die Briefmarken horten, auch Philokartisten, die auf Ansichtskarten scharf sind. Bereits im Mai 1894 gründeten in Hamburg Liebhaber dieses Mediums den ersten „Sammlerverein für illustrierte Postkarten“. In der Folge erschienen Fachzeitschriften zum Thema, Auktionen wurden veranstaltet, eigene Läden eröffnet. Viele Sammler spezialisierten sich, etwa auf topografische Karten aus bestimmten Regionen, auf Feldpostkarten, Glückwunschkarten, Werbekarten, Karten mit Künstler- und Prominentenporträts oder andere Motivkarten.

Und dann gibt es noch eine ganz besondere Sorte: die Kunstpostkarte. Original-Kunstwerke auf Postkarten werden teilweise hoch gehandelt: So ersteigerte ein Sammler bei einer Auktion im November 2017 drei Postkarten, die Franz Marc 1913 an seinen Freund Erich Heckel geschickt hatte, für insgesamt 925.000 Euro. Die Karten zeigten aquarellierte Tiermotive, für die Marc berühmt ist. Auch manche Schriftsteller haben sich dieses Mediums bedient: Jurek Beckers Buch „Am Strand von Bochum ist allerhand los“ besteht aus einer Sammlung von Postkarten, und der Wiener Lyriker und Feuilletonist Peter Altenberg hat eine Reihe von Gedichten als „Ansichtskartentexte“ bezeichnet.

Ansichtskarten versendet man üblicherweise an sein persönliches Netzwerk von Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen. Eine spezielle Gruppe von Liebhabern dieses Mediums versucht inzwischen, das Organische, die persönliche Kommunikation, zu organisieren: die Postcrosser. Seit 2005 können sich Interessenten auf einer Online-Plattform registrieren lassen (postcrossing.com). Sie senden dann eine Postkarte an eine von dort übermittelte Adresse. Der Empfänger gibt die Identifikationsnummer des Absenders auf der Website ein und erhält eine neue Adresse, an die er dann seinerseits eine Postkarte schickt. Das weltweite Netzwerk umfasst inzwischen schon fast 800.000 Mitglieder, die insgesamt schon etwa 57 Millionen Postkarten verschickt haben. So können durch Postkarten über Sprach- und Ländergrenzen hinweg Freundschaften entstehen.

Der Teutone schreibt weiter

Die Selfie-Gesellschaft hat inzwischen neue Wege der Short-Message-Kommunikation gefunden. WhatsApp, Twitter, Facebook und Instagram ermöglichen es dem Smartphone-Besitzer, ohne Zeitverzug Nachrichten und Bilder von sich und seiner Umwelt an einen oder mehrere Adressaten zu senden. Einen ganz neuen Medienverbund zwischen der analogen und der digitalen Welt bietet die mobile App My Postcard: Hier kann man digital Ansichtskarten selbst gestalten, sei es mit eigenen Fotos oder mit vorgegebenen Motiven. Zusammen mit dem individuell eingegebenen Text wird die Ansichtskarte dann in Berlin gedruckt, frankiert und weltweit verschickt, übrigens zu einem sehr günstigen Preis. Der Empfänger findet sie schon nach wenigen Tagen im Briefkasten vor.

Aber auch der Klassiker, die handbeschriebene Ansichtskarte, bleibt aktuell. Im Jahre 2018 wurden nach Angaben der Deutschen Post immerhin noch 155 Millionen Postkarten nach, aus und innerhalb von Deutschland verschickt. Insofern ist auch heute eine süffisante Beobachtung der englischen Zeitung The Standard aus dem Jahre 1899 noch nicht völlig überholt: „Der reisende Teutone scheint es als seine feierliche Pflicht zu betrachten, von jeder Station seiner Reise eine Postkarte zu schicken, als befände er sich auf einer Schnitzeljagd.“

Eine längere Fassung dieses Beitrags ist in der FAZ erschienen.

Walter Hömberg
Prof. Dr. Walter Hömberg ist Kommunikationswissenschaftler und Publizist, war Professor für Journalistik an den Universitäten Bamberg und Eichstätt und lehrte als Gastprofessor an der Universität Wien. Er ist Mitherausgeber des Bandes „‚Ich lass mir den Mund nicht verbieten!ʻ Journalisten als Wegbereiter der Pressefreiheit und Demokratie“, der kürzlich im Reclam Verlag erschienen ist.

 

reclam.de

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