https://rotary.de/was-ist-rotary/geschichte/nachgetragene-wertschaetzung-a-18692.html
Rotary Aktuell

Nachgetragene Wertschätzung

Rotary Aktuell  - Nachgetragene Wertschätzung
Ausgeschlossener Rotarier: Schriftsteller und Übersetzer Karl Wolfskehl © walter bondy/wikipedia

Ein Sammelband würdigt jene 14 Rotarier, die im April1 933 aus dem Rotary Club München ausgeschlossen wurden.

Walter Hömberg01.09.2021

Ihr Bekanntheitsgrad unterscheidet sich sehr: Thomas Mann ist zumindest jedem Abiturienten ein Begriff. Mit Bruno Frank und Karl Wolfskehl haben sich immerhin manche Studierende der Literaturwissenschaft beschäftigt. Aber Otto Bernheimer, Franz und Siegfried Drey, Robert Gorlitt, Franz Hesselberger, Emil Hirsch, Friedrich Salomon Kaula? Oder Heinrich Rheinstrom, Hanns Schindler, Felix Angelo Sobotka und Max Weinmann? Die 14 Genannten haben eine Gemeinsamkeit: Sie wurden am 4. April 1933 aus dem Rotary Club München ausgeschlossen. Ein soeben erschienenes Buch erinnert an sie.

Rückblende: Das Jahr 1933 war ein Jahr des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs. Am 30. Januar ernannte Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler zum Kanzler. In kurzer Zeit gelang den Nationalsozialisten die Umwandlung einer parlamentarischen Demokratie in einen zentralistischen Führerstaat. Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar wurden die wichtigsten demokratischen Grundrechte durch Notverordnungen außer Kraft gesetzt. Nicht nur die politischen Institutionen, sondern auch gesellschaftliche Gruppierungen sollten Schritt für Schritt gleichgeschaltet werden.

Solidarität mit Ausgeschlossenen

2021, historisch, hömberg

Ebenfalls ein ausgeschlossene Rotarier: Schriftsteller Bruno Frank © Theodor Hilsdorf / Münchner Stadtmuseum / Wikipedia

Nach Hamburg, Frankfurt am Main und Köln war 1928 auch in München ein Rotary Club gegründet worden. Aufgrund ihrer Ziele, zu denen die Förderung der Völkerverständigung auf humanistischer Grundlage gehört, fühlten sich die Rotary Clubs in ihrer Existenz bedroht. Am 4. April 1933 verfügte der Münchner Clubpräsident Wilhelm Arendts den Ausschluss von 13 jüdischen Mitgliedern und vom politisch missliebigen Thomas Mann. Wohl nicht zufällig trat Arendts kurz darauf mit sechs anderen Clubmitgliedern in die NSDAP ein. Immerhin: Eine gleich große Zahl von Mitgliedern zeigte Zivilcourage und verließ aus Solidarität mit den ausgeschlossenen Freunden den Club.

Die Details dieser Vorgänge haben Paul Ulrich Unschuld in der Chronik des Clubs (1928–2003) und – besonders akribisch – Paul Erdmann in seinem Buch Rotarier unterm Hakenkreuz (Leipzig 2018) nachgezeichnet. Sie liefern tiefe Einblicke in die moralische Verfasstheit einer angeblichen Elite. Als „Versuch einer Wiedergutmachung“ hatte Karl Huber das Jahr 2018/19, in dem er Clubpräsident war, unter das Motto „Erinnern und Gedenken“ gestellt. Dies ist auch der Titel des Bandes, der die ausgeschlossenen Mitglieder würdigt. Wolfram Göbel hat die Vortragstexte redaktionell bearbeitet und das Buchprojekt professionell betreut.

Vier der ausgeschlossenen jüdischen Mitglieder waren als Kunst- und Antiquitätenhändler bzw. als Buchantiquar tätig und hatten sich in ihren Branchen überregional einen Namen gemacht. Schon bald nach der Machtübernahme durch die Nazis wurden sie aus ihren Berufsverbänden und Ehrenämtern verdrängt. Dann folgten ein Berufsverbot und die direkte oder indirekte Enteignung, auch „Arisierung“ genannt. Angesichts dieser Pressionen wählte die Mehrzahl der Betroffenen den Weg ins Exil. Der international renommierte Kunsthändler Siegfried Drey starb 1936 an einem Herzanfall, nachdem er vergeblich gegen aufgezwungene Steuernachzahlungen protestiert hatte. Zu Beginn jenes Jahres hatte er bereits seinen Wohnsitz in die USA verlegt. Sein polyglotter Sohn Franz emigrierte zunächst nach Paris und später nach London, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1952 als Kunsthändler erfolgreich war. Otto Bernheimer wurde nach der Progromnacht 1938 mit seinen Söhnen Ludwig und Kurt ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert, kam aber bald wieder frei. Im April 1939 konnte er dann mit seiner Familie nach Venezuela ausreisen. Der Buchantiquar Emil Hirsch floh nach Berufsverbot und der Schließung seiner Firma 1938 nach New York, wo er zusammen mit seinem Schwiegersohn erneut ein Antiquariat betrieb.

Ehrenmitglied rausgeworfen

Verfolgt und vertrieben – das trifft auch zu auf den Papierfabrikanten Friedrich Salomon Kaula, dessen Familie in engem Kontakt stand zu Hedwig Pringsheim, der Schwiegermutter von Thomas Mann. Rege Kontakte privater oder beruflicher Art sind von vielen Münchner Rotariern überliefert. Der Lederfabrikant Franz Hesselberger, auch er eines der Gründungsmitglieder des Clubs, starb bereits im Juli 1935 in einer Münchner Privatklinik. Seine Frau Ilse überlebte ihn um sechs Jahre; dann wurde sie nach Kaunas deportiert und dort ermordet.

Als besonders beschämend dürfte Felix Angelo Sobotka den Ausschluss empfunden haben. Der umtriebige Unternehmer war nicht nur Gründungsmitglied des Clubs, sondern wurde auch einstimmig zum ersten Präsidenten gewählt (anschließend Wiederwahl für das rotarische Jahr 1929/30). Wegen seiner Verdienste noch im Oktober 1931 zum Ehrenmitglied ernannt, erhielt er im April 1933 zusammen mit seinen jüdischen Freunden eine geschäftsmäßig formulierte Mitteilung vom Rauswurf. Sein früher Tod im darauffolgenden Jahr ersparte ihm weitere Schikanen.

Die Beiträge des Sammelbandes sind schon deshalb von unterschiedlicher Aussagekraft, weil die Quellenlage nicht immer ergiebig war. Die Autoren haben intensiv in Archiven und Bibliotheken geforscht. In einigen Fällen halfen Gespräche und Interviews mit jüngeren Familienmitgliedern, biografische Lücken zu füllen. So beim Rechtsanwalt Heinrich Rheinstrom, der sich zunächst in Paris und später in New York eine neue Existenz aufbauen konnte. So auch beim Textilfabrikanten Max Weinmann. Dieser sah nach Enteignung und Haft zusammen mit seiner Frau keinen anderen Ausweg als den Suizid. Seine beiden Schwestern kamen in Konzentrationslagern um.

In alle Welt zerstreut

Der Band dokumentiert nicht nur tragische Schicksale, sondern liefert auch wichtige Bausteine für eine Kulturgeschichte der dreißiger Jahre. Wolfram Göbel konstatiert zu Recht: „Die frühen Münchner Rotarier gehörten zu einem engen inneren Netzwerk innerhalb der Münchner Literatur-, Musik- und Kunstszene.“ Neben Emil Hirsch war der Kulturphilosoph, Schriftsteller und Übersetzer Karl Wolfskehl eines der aktivsten Mitglieder. Drei Jahre lang betreute er die Zeitschrift Der Rotarier als verantwortlicher Redakteur. Den Rauswurf beantwortete er mit bitterbösen Versen. Sein Gedicht „Mittelklasse 33“ beginnt so: „Erst stürmten sie mir fast die Bude: / Wir helfen. Schand ists. Bist so nett! / Dann hieß es: Achtung! er ist Jude. / Mit denen hat man nur G’frett.“ Nach einer satirischen Abfertigung der angepassten „Freunde“ heißt es dann: „So ist denn jeder eingeordnet, / Baut, kaut, verdaut den gleichen Kohl. / Ein Spießer ist man und ka Lord net, / Duckt, drückt sich, flüstert: Lebewohl!“ Sein Exil begann in der Schweiz und Italien und endete in Neuseeland, wo er verarmt und nahezu blind im Juni 1948 starb.

Auch die Emigration Bruno Franks glich einer Odyssee: Schweiz, Österreich, England, Frankreich und Kalifornien waren die letzten Stationen des Schriftstellers, der sich mit Bühnenwerken, Erzählungen und Romanen einen Namen gemacht hatte. Er war ebenfalls ein Gründungsmitglied des Münchner Clubs – genauso wie Thomas Mann, der aus politischen Gründen ausgeschlossen wurde. Hans-Jürgen Möller beschreibt dessen Wende vom deutschnationalen Konservativen zum Republikaner und sozialistischen Sympathisanten. Parallel hat Möller ein separates Büchlein veröffentlicht, in dem er ausführlicher auf Manns Gesinnungswandel und auf eine damals aktuelle Kontroverse um die Bewertung Richard Wagners eingeht.

Auch Thomas Mann war vom Ausschluss überrascht. Am 8. April 1933 notiert er in seinem Tagebuch: „Hätte es nicht gedacht. Erschütterung, Amüsement und Staunen über den Seelenzustand dieser Menschen, die mich, eben noch die ‚Zierde‘ ihrer Vereinigung, ausstoßen, ohne ein Wort des Bedauerns, des Dankes, als sei es ganz selbstverständlich. Wie sieht es aus in diesen Menschen?“

Der vorliegende Band erscheint spät, was die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit betrifft. Aber er erscheint gerade rechtzeitig als Denkanstoß für die Zukunft: Die langen Monate der Pandemie haben auch so manche Regularien und Routinen Rotarys auf den Prüfstand gestellt. Vor allem eine größere Diversität der Mitglieder, was Herkunft und Lebenserfahrungen betrifft, würde vielen Clubs guttun.


Buchtipp

 

Karl Huber, Wolfram Göbel (Hg.):

Erinnern und Gedenken
Der Ausschluss von 14 Münchner Rotariern im April 1933

Allitera Verlag, 252 Seiten, 29,90 Euro

Walter Hömberg
Prof. Dr. Walter Hömberg, RC München, ist Kommunikationswissenschaftler und Publizist, war Professor für Journalistik an den Universitäten Bamberg und Eichstätt und lehrte als Gastprofessor an der Universität Wien.