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Verständlichkeit als Ziel

Forum - Verständlichkeit als Ziel
Anschreien bringt nichts, eine leichte Sprache führt zu mehr Verständlichkeit © adobestock/brocreative

Leichte Sprache soll Barrieren überwinden und Informationen allgemein zugänglich machen.

Walter Hömberg01.12.2023

Bei der Eröffnungssitzung des neuen Deutschen Bundestages im Oktober 2021 plädierte die frisch gewählte Bundestagspräsidentin Bärbel Bas für größere Bürgernähe: „Politik ist nur dann gut, wenn sie auch verständlich ist. Das ist ein großes Versprechen der Demokratie. Und das hat viel mit unserer Sprache zu tun. Verstecken wir uns nicht hinter einem komplizierten Fachjargon, hinter Meinungen von Expertinnen und Experten!“

Nicht nur der formelhafte Politsprech, auch das verquaste Behördenvokabular ist für viele Zeitgenossen schwer verständlich. Die Mitteilungen vom Finanzamt, die allgemeinen Geschäftsbedingungen von Versicherungen, Energieunternehmen und Versandfirmen – für Nichtjuristen sind sie ein Buch mit sieben Siegeln. Aber auch viele Zeitungsartikel, insbesondere aus den Ressorts Wirtschaft und Kultur, sind nur für Eingeweihte zu entschlüsseln.

Wenn schon der normale Hauptschulabsolvent hier Verständnisprobleme hat, um wie viel mehr trifft dies dann auf die „funktionalen Analphabeten“ zu. Darunter versteht man jene Männer und Frauen, die zwar einzelne Sätze lesen und schreiben können, jedoch keine zusammenhängenden Texte. Im deutschen Sprachraum gehört etwa jeder siebte Erwachsene zu dieser Gruppe. Neueste Erhebungen zeigen, dass auch die Lesekompetenz von Schülern deutlich zurückgegangen ist. Die Ursachen für solche Defizite liegen vor allem in schwierigen Familienverhältnissen und prekären Lebenssituationen.

Keine Schachtelsätze

Die Coronapandemie hat eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig es ist, komplexe Informationen auch an Menschen mit Lernschwierigkeiten und an Mitbürger ohne ausreichende Sprachkenntnisse zu vermitteln. Genau dies hat sich das Netzwerk Leichte Sprache zur Aufgabe gemacht, das damit auch eine Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention umsetzt. Ziel ist die Inklusion, das heißt die Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben.

Das Netzwerk Leichte Sprache existiert seit 2006 und umfasst inzwischen mehr als 120 Mitgliedsorganisationen und Büros in Deutschland, Österreich und der Schweiz und in vier weiteren europäischen Ländern. Es hat 13 Regeln der Verständlichkeit festgelegt: Favorisiert werden zunächst einfache Wörter, die etwas genau beschreiben („Bus und Bahn“ ist leichter verständlich als „öffentlicher Nahverkehr“). Statt stilistischer Abwechslung sollen die gleichen Begriffe wiederholt und lange Wörter durch Bindestriche getrennt werden (zum Beispiel „Bundes-Gleichstellungs-Gesetz“). Schließlich soll man aktive statt passive Verbformen verwenden. Neben diesen positiven werden auch negative Empfehlungen gegeben: Verpönt sind Abkürzungen sowie der Gebrauch des Genitivs und des Konjunktivs. Neben Verneinungen soll man Ironie und den Einsatz von Redewendungen vermeiden. Jeder Satz soll nur eine Aussage enthalten; statt langer Satzgefüge mit Haupt- und Nebensätzen sollen kurze Sätze aufeinanderfolgen.

Medien erweitern Services

Immer mehr Medien liefern entsprechende Zusatzangebote. Beispielhaft ist hier die Wochenzeitung Das Parlament, die der Deutsche Bundestag herausgibt. Neben aktuellen politischen Ereignissen steht hier jeweils ein Schwerpunktthema im Zentrum der Berichterstattung. Dieses ist dann auch Gegenstand der vierseitigen Beilage leicht erklärt. In den letzten Monaten ging es zum Beispiel um Themen wie „Arten-Vielfalt“, „Politische Stiftungen“, „Steuer-Vorwürfe gegen Warburg-Bank“ und „Bürger-Räte“. Eine externe Redaktion übersetzt die Texte in leichte Sprache. Ob die Inhalte die Zielgruppe – Menschen mit Lernbehinderung oder kognitiver Einschränkung – erreichen können, das entscheiden Prüfer, die dieser Zielgruppe angehören, also als Experten in eigener Sache fungieren.

In Österreich liefert die Austria Presse Agentur täglich einen Nachrichtenüberblick mit vier bis fünf Meldungen in einfacher Sprache. Dieser wird vom Österreichischen Rundfunk im Teletext übernommen. Radio Wien sendet seit zwei Jahren jeweils sonntags den Wochenrückblick Einfach! Wichtig!, in dem die Informationen ausgiebig erklärt werden. Auch einige öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten in Deutschland senden Nachrichten in leichter Sprache: der Norddeutsche Rundfunk, der Deutschlandfunk und der Mitteldeutsche Rundfunk, in dem sogar eine eigene Redaktion für Barrierefreiheit zuständig ist.

Die Kleine Zeitung in Graz leistet sich ebenfalls ein inklusives Redaktionsteam, das täglich bis zu sechs Artikel in eine vereinfachte Version umschreibt. Damit sollen sowohl Menschen mit nicht deutscher Muttersprache als auch solche mit Lern- und Leseschwierigkeiten erreicht werden. Testleser aus diesen Zielgruppen prüfen die Beiträge auch hier auf Verständlichkeit.

Auch im Bereich der Politik ist inzwischen die Einsicht gewachsen, dass die klassischen Informationsstrategien unzureichend sind. So versucht die Öffentlichkeitsarbeit zunehmend auch gesellschaftliche Gruppen abseits des Mainstreams zu erreichen. Dies war in den Pandemiekampagnen doppelt wichtig: einmal zur Information über die jeweils gültigen Regelungen während des Lockdowns, zum anderen zur Förderung der Impfbereitschaft.

Manche politische Institutionen gehen inzwischen neue Wege. So präsentiert sich der Vorarlberger Landtag seit dem vergangenen Jahr in einer attraktiv gestalteten Broschüre, die in leichter Sprache verfasst ist. Das Gleiche trifft zu auf die Selbstdarstellung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften auf ihrer Homepage. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat ein Heft in leichter Sprache produziert zur Frage „Digitale Medien – wann sind sie riskant?“. Zwar gibt es zunehmend solche Beispiele – aber es sind noch immer Ausnahmen.

Den Kreis der Leser erweitern

Unter dem Titel LiES ist 2021 eine Sammlung literarischer Texte in einfacher Sprache erschienen. Hauke Hückstädt, der Leiter des Literaturhauses in Frankfurt am Main, konnte prominente Autorinnen und Autoren zu entsprechenden Beiträgen motivieren. Nachdem das Buch als gelungenes Experiment ein gutes Echo gefunden hat, ist soeben ein Nachfolgeband herausgekommen.

Solche Aktivitäten wollen die klassische Literatur nicht verdrängen, sondern den Kreis der Leser erweitern. Leichte Sprache sorgt für die Grundversorgung – das große Buffet der Sprache hat natürlich viel mehr im Angebot: Neben dem Schwarzbrot der Basis-Information bietet sie ein breites Spektrum an Nahrungs- und Genussmitteln.

Walter Hömberg
Prof. Dr. Walter Hömberg, RC München, ist Kommunikationswissenschaftler und Publizist. Er war Lehrstuhlinhaber für Journalistik an den Universitäten Bamberg und Eichstätt sowie Gastprofessor an der Universität Wien. Er gibt den Almanach „Marginalistik“ heraus, von dem 2023 der zweite Band erschienen ist (Allitera Verlag München).