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»Unter unseren Möglichkeiten«

»Wir bleiben unter unseren Möglichkeiten«

»Unter unseren Möglichkeiten«  - »Wir bleiben unter unseren Möglichkeiten«

Die Rotarier in Deutschland sollten die Rotary Foundation stärker fördern, meint der neue Foundation-Beauftragte Hans-Jürgen Leuchs (RC Ingelheim am Rhein).

Matthias Schütt01.07.2016

Herr Leuchs, Sie haben zum neuen rotarischen Jahr das Amt des Foundation-Beauftragten im Deutschen Governorrat übernommen. Was haben Sie vor?

Leuchs: Ich setze drei Prioritäten: Erstens Spenden zu sammeln, zweitens diese Spenden vernünftig zu investieren, das heißt in nachhaltige Projekte, und drittens anhand dieser Projekte der Öffentlichkeit darzustellen, was wir Rotarier mit Hilfe der Rotary Foundation bewirken können.

Die Rotary Foundation feiert demnächst ihren 100. Geburtstag. Deutschland gehört zu den Top-10-Spendernationen. Alles gut, oder?

Leuchs: Wenn man genauer hinschaut, hat das Bild doch ein paar Kratzer. Unsere deutschen Freunde sind zwar verlässliche Spender, aber die absoluten Zahlen täuschen. Wenn wir die derzeit rund 63 Euro pro Kopf Jahresspende an die Rotary Foundation anschauen, dann liegen wir weit hinter den Amerikanern und vielen Asiaten und immer noch weit unter den erbetenen 100 US-Dollar pro Jahr. Hier sind wir keineswegs Top 10 – und dabei leben wir in einem der reichsten Länder der Erde!

Wie wollen Sie erreichen, dass die Rotary Foundation besser zur Geltung kommt?

Leuchs: Die Rotary Foundation wird unterschiedlich wahrgenommen. Manche unserer Freunde pflegen das Vorurteil, es handele sich um eine US-Institution, die unsere Gelder falsch anlegt – dabei werden unsere Spenden von Rotary Deutschland Gemeindienst in Düsseldorf nach deutschen Richtlinien verwaltet. Unsere Foundation wurde 1917 – vor nunmehr fast 100 Jahren – mit dem Ziel gegründet, Gutes in der Welt zu tun, und nicht nur im Dunstkreis unseres jeweiligen unmittelbaren Umfeldes. Ihr größtes Problem aber ist, dass eine Suppenküche in ihrem Heimatort vielen Rotariern um vieles überzeugender erscheint als ein Hilfsprojekt in Afrika, das wir nur eingeschränkt kontrollieren können und wo wir mit dem Risiko von Korruption und Missbrauch rechnen müssen. Das sind natürlich Vorurteile, und die Foundation muss selbst mehr für ein gutes Image tun. Aber grundsätzlich werden wir mit dieser Einstellung dem humanitären Anspruch Rotarys nicht gerecht. So wichtig eine Suppenküche in Deutschland sein mag, 99 Prozent der Menschheit leben unter wirklich prekären Verhältnissen. Um die müssen wir uns vorrangig kümmern.

Was muss sich Ihrer Ansicht nach bei der Rotary Foundation ändern?

Leuchs: Sie sollte transparenter in der Darstellung ihrer Aktivitäten werden und auch „anwenderfreundlicher“. Wir aber sind in der Pflicht, die Foundation dort zu unterstützen, wo sie Rotarys Ideale sichtbar macht: in wertvollen humanitären Projekten.

Eine Nagelprobe ist die Einstellung zu PolioPlus. Da bleiben wir deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Leuchs: Es ist schon paradox: Da sind wir im Begriff, eine der schlimmsten Krankheiten zu besiegen, und stolpern auf den letzten Schritten. Der Kampf gegen die Kinderlähmung ist ein Projekt, auf das wir schon jetzt außerordentlich stolz seien können.

 Allerdings: Nur sieben der 15 deutschen Distrikte haben sich in diesem Jahr mit Spenden aus ihrem District Designated Fund an der Finanzierung des Programms beteiligt. Hier können wir wesentlich mehr tun, um den Erfolg dieses Jahrhundertprojekts zu sichern.


1985 beschloss RI, die Welt von der Infektionskrankheit Poliomyelitis  zu befreien. Seit 1988 arbeitet Rotary mit der WHO, UNICEF sowie der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC als „Global Polio Eradication Initiative (GPEI)“ an einer dauerhaften Unterbrechung der Infektionskette, seit 2007 unterstützt von der Bill & Melinda Gates Foundation. Gab es 1985 noch 125 Länder mit jährlich 350.000 Neuinfektionen, sind mittlerweile nur noch die Einwohner Afghanistans und Pakistans akut von Polioviren bedroht – dank weltweit umfassender Impfmaßnahmen über 30 Jahre hinweg.

www.rotary.de/polio

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.