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Entscheider

„Es bedarf dringend neuer Präsentationsformen“

Entscheider - „Es bedarf dringend neuer Präsentationsformen“
Annette Ludwig, Direktorin der Museen der Klassik Stiftung Weimar © Klassik Stiftung Weimar/S. Marschall

Die Museen der Klassik Stiftung Weimar ins 21. Jahrhundert zu führen, ist die
Herausforderung von Annette Ludwig, die sie ambitioniert anpackt.

Florian Quanz01.03.2023

In Mainz am Gutenberg-Museum hat sie große Fußspuren hinterlassen und es bestehen wenig Zweifel, dass ihr das nicht auch in Weimar gelingen wird. Annette Ludwigs Werdegang ist wie gemacht für den Posten der Direktorin der Museen der Klassik Stiftung Weimar. Nach ihrem ersten Jahr dort sind ihre Energie und ihr Tatendrang nicht verflogen – beste Voraussetzungen, die bedeutenden Orte neu zu konzipieren.

Was macht den Reiz aus, die Direktion Museen der Klassik Stiftung Weimar zu verantworten?

Vor 28 Jahren war ich das erste Mal in Weimar und auf Anhieb begeistert und beeindruckt von dem, was sich hier kulturell über Jahrhunderte auf kleinstem Raum entwickelt hat. Nun die Weiterentwicklung dieser einzigartigen Museumslandschaft in einem spannenden intellektuellen Umfeld federführend mitzugestalten, ist mehr als reizvoll.

Nun arbeiten Sie in verantwortungsvoller Position gewissermaßen an ihrem „Sehnsuchtsort“.

Dieser „Sehnsuchtsort“ ist für mich zunächst einmal ein historischer Raum, in dem sich die ambivalente deutsche Geschichte spiegelt, wie an keinem anderen Ort. Weimar ist ohne Buchenwald nicht zu denken. Das komplexe Kulturerbe und Weltkulturerbe in seinen verschiedenen Zeitschichten, die ästhetischen Räume, die Varianz und den Reichtum der Sammlungen gilt es in der Wissenstopographie Weimar immer wieder neu zu thematisieren und für ein breites Publikum im 21. Jahrhundert erfahrbar zu machen.  

Sie verantworten 21 Museen. Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich einen Überblick verschaffen konnten?

Lassen Sie es mich so formulieren: Die Klassik Stiftung Weimar ist ein riesiger „Kontinent“, den es zu entdecken gilt. Alle Liegenschaften „hinter den Kulissen“ zu erkunden, ist eine Reise durch Jahrhunderte. Jeder Tag steckt voller Entdeckungen und Überraschungen. Ich habe mir rasch einen Überblick verschafft, weil ich von Beginn an verantwortlich in große Ausstellungs- und Bauprojekte involviert bin. Zu Letzteren gehören beispielsweise die denkmalgerechte Sanierung des Goethewohnhaus-Ensembles, die Sanierung und Umcodierung des Residenzschlosses zu einem Bürgerforum mit Dauer- und Sonderausstellungsflächen für die Museen und die Errichtung eines Neubaus für die bedeutenden Grafischen Sammlungen, der das Zentrale Museumsdepot flankiert.

Bei Goethe heißt es in Wilhelm Meisters Wanderjahren: „Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen“. Ist es empfehlenswert, Neues zu wagen, um Neues zu lernen?

Sie spielen auf meinen Wechsel von Mainz nach Weimar an. In meinen 12 Jahren als Direktorin habe ich das Gutenberg-Museum als „Weltmuseum der Druckkunst“ neu positioniert und einen Museumsneubau auf den Weg gebracht. Nachdem dieser nicht einfache Prozess abgeschlossen und zudem die „Mängelverwaltung“ durch diametral zum Positiven veränderte finanzielle Rahmenbedingungen beendet war, ergab sich eine natürliche Zäsur. Und so war es mir zu diesem Zeitpunkt verantwortungsbewusst möglich, etwas Neues, einen folgerichtigen weiteren beruflichen Schritt zu beginnen. Dieser Schritt gestaltete sich, auch wenn er selbst gewählt war, als durchaus schmerzlich, denn ich habe Viele und Vieles zurückgelassen. Aber er ist gewinnbringend und bereichernd, weil sich neue Horizonte öffnen und weil ich beglückend erfahren habe, was Bestand hat und was bleibt. Ich denke gerne zurück und habe durch zahlreiche Freundschaften noch immer einen „Koffer“ in Mainz. Beweglichkeit, auch im Sinne von Mobilität, und Neugierde gehören zu meinem Beruf. Es ist mir glücklicherweise gelungen, eine gewisse Leichtigkeit zu bewahren. So freue ich mich jeden Tag auf die Menschen, mit denen ich zusammenkomme und -arbeite und auf die Objekte und ihre spannenden Biografien.

Ende vergangenen Jahres erhielten Sie den Mainzer Medienpreis. In der Presse war von „Miss Gutenberg“ die Rede. In der Laudatio wurden sie als eine Persönlichkeit mit „ungewöhnlich visionärer Kraft“ beschrieben, die das historische Erbe des Buchdruckers Gutenberg in die Moderne katapultierte, und es mit der digitalen Revolution verknüpfte. Sie haben sich ein solches Renommee erarbeitet, warum wollten Sie den anstehenden Neubau des Gutenberg-Museums in Mainz nicht noch realisieren?

Aus einem laufenden Bauverfahren auszusteigen, wäre für mich nicht infrage gekommen und ebenso wenig hätte ich „mein“ Museum einfach so eingetauscht. Daher empfand ich die neue Aufgabe und die zeitliche Koinzidenz nach dem langen, zähen und schließlich erfolgreichen Kampf um eine gute Zukunft für das Gutenberg-Museum wie eine Fügung. Außerdem bin ich gerne mutig. Die wunderbare Ehrung im Mainzer Dom hat dies vielleicht bestätigt. Über 600 Bürgerinnen und Bürger kamen zur Preisverleihung an eine Museumsmacherin.

Sie haben den Mut angesprochen, den es gebraucht hat. Die Rahmenbedingungen für Ihren Start in Weimar könnten wahrlich besser sein. In der Pandemiezeit waren die Museen wochenlang geschlossen und Einnahmen fielen weg. Wie wirkt sich das bis heute aus?

Die Museen insgesamt befinden sich, wie unsere Gesellschaft im Ganzen, in einer Zeit der Umbrüche und der Krisenüberlagerung: Covid, Krieg, Klima-, Energiekrise und eine zunehmend erodierende Demokratie. Daher müssen wir alles dafür tun, damit Museen und andere kulturelle Einrichtungen nicht zu Orten des Verzichts werden. Sie sind für freie Gesellschaften und für den repressionsfreien geistigen Austausch essentiell.

So kann aus einer Krise für Museen auch eine Chance werden. Dennoch: Wenn Einnahmen in der Pandemiezeit wegbrechen oder Energiekosten steigen, müssen Sie an anderer Stelle neue Einnahmequellen generieren oder Kosten einsparen. Welchen Weg sind Sie in Weimar gegangen?

Nachhaltigkeit ist in diesen Zeiten in einem umfassenden Sinn auch im Museumswesen von höchster Bedeutung. Wir haben umgehend mit der Erarbeitung von Energieeinsparpotentialen und der Umsetzung von Stufenplänen reagiert und konnten so die vielen Museen und historischen Häuser weitgehend offen halten. Mit unseren Konzepten konnten wir darüber hinaus Hilfestellungen für kleinere Museen leisten. Sämtliche Projekte der Klassik Stiftung Weimar, seien es Ausstellungen, Sanierungen oder Neubauten, werden nun mit dem Blick auf die „Grenzen des Wachstums“ entwickelt. Das bedeutet nicht nur das Re- und Upcycling ganzer Ausstellungssysteme. Bei der Sanierung des Residenzschlosses, um nur ein Beispiel zu nennen, setzen wir auch in den musealen Flächen und deren raumklimatischen Verhältnissen auf das „Primat des historischen Klimas“. Das ist ein mutiges Experiment.

In Mainz am Gutenberg-Museum, wo Sie zuvor wirkten, sind Sie einst angetreten, um aus einem „Haus der stummen Bücher“ ein „Haus der lebendigen Geschichte“ zu machen. Wie stumm sind in Weimar die Häuser von Goethe und Schiller?

Es bedarf dringend einer neuen Sprache, Ansprache und neuer Präsentationsformen, um die Institution Dichterhaus zu verlebendigen, also diskursiv und verknüpft mit Gegenwartsfragen. Dies gerade auch für Schülerinnen und Schüler aus aller Welt, die eine wichtige Besuchergruppe im Goethe-Nationalmuseum bilden. Die jungen Gäste kommen zumeist semifreiwillig und finden musealisierte Wirkungsorte nicht per se spannend. Grundsätzlich müssen die Produktionsorte von Literatur künftig auch als solche erlebbar sein. Im zauberhaften Wielandgut Oßmannstedt haben wir vergangenes Jahr eine neue Dauerausstellung eröffnet, in der dies nun möglich ist. Künftig muss in Weimar auch erfahrbar werden, was die Weimarer Klassik ist und wie sie, am Beginn fundamentaler Umwälzungen, entstehen konnte. So ist das Ziel der denkmalgerechten Generalsanierung des Goethe-Wohnhausensembles – um auf Goethe zurückzukommen - auch eine Neudefinition dieses singulären Dichterhauses für das 21. Jahrhundert.

Sie haben im vergangenen Jahr einen europaweiten Architekturwettbewerb für Goethes Wohnhaus und Garten ausgeschrieben. Verstehe ich Sie richtig, es wird zugleich eine museale Neukonzeption geben?

Genau. Goethes Haus, das auch seine Sammlungen birgt, war mit dem Garten und den Gartenarchitekturen 50 Jahre lang Lebens-, Arbeitsmittelpunkt und europäischer Netzwerkknoten. Seine bauliche Ertüchtigung mit Anpassungen an zeitgemäße technische Anforderungen geht untrennbar mit einem Museums-, Nutzungs- und Raumkonzept einher. Hier spielen  die Besucherorientierung, die weitestgehende Herstellung von Barrierefreiheit und die Erschließung bislang unzugänglicher Räume ebenso eine Rolle wie digitale und analoge Vermittlungsebenen. Die Auslotung dieser Spannungsfelder im UNESCO-Weltkulturerbe ist eine herausragende Aufgabe für alle Beteiligten. Es ist eine Aufgabe von nationaler Bedeutung, für die weitere Finanzierungshilfen, auch von privater Seite, erforderlich sind.

Von den aus der Zeit gefallenen Audio-Guides müssen sich Besucher dann wohl verabschieden, oder?

Ja, aber das wird angesichts neuer Besuchs- und Beteiligungsformate, auch für Menschen an anderen Orten, sicherlich nicht schwerfallen. „Goethe Live 3D“, das seit 2021 in Zusammenarbeit der Klassik Stiftung Weimar mit der Bauhaus-Universität, der Universität Hamburg und Kreativunternehmen entsteht, ist nur ein Stichwort für die Verknüpfung realer und virtueller Welten.

Wann beginnt die Sanierung?

2025 feiern wir das Themenjahr „Goethe“, um im Anschluss das Wohnhausensemble zu schließen und mit der Generalsanierung zu beginnen. Das unmittelbar angrenzende Goethe-Nationalmuseum mit der großen Dauerausstellung „Lebensfluten - Tatensturm“ wird nach wie vor geöffnet sein. Auch andernorts und im öffentlichen Raum wird Goethe in zahlreichen Facetten ins Bewusstsein gerückt. Ein Besuch lohnt also auch nach 2025 unbedingt.

Gerade sprachen Sie von Bewusstsein. In nur noch vier deutschen Bundesländern ist Goethes bedeutendstes Werk Faust Pflichtlektüre auf dem Weg zum Abitur. Als Bayern vergangenes Jahr die ankündigte, die Pflicht aufzuheben, wandte sich die Klassik Stiftung Weimar sich mit einem persönlichen Brief an Ministerpräsident Markus Söder. Wenn künftige Generationen literarisch nicht mehr mit Goethe in Berührung kommen und Besucher ausbleiben, weil das Bewusstsein für den Nationaldichter fehlt, welche Berechtigung hat dann noch das Goethe-Nationalmuseum, welches Sie verantworten?

Global ist Goethe sehr präsent, wenn man nur einmal an die Vermittlungsarbeit der Goethe-Institute denkt. Ich hoffe sehr, dass auch künftige Generationen mit klassischen Texten in Berührung kommen, die oft erstaunliche Aktualität besitzen. Noch stehen nicht nur Goethe und Schiller, sondern auch Schriftstellerinnen und Philosophen auf den Lehrplänen, die ihre „Orte“ ebenfalls in Weimar haben. Friedrich Nietzsche zum Beispiel, den man im Nietzsche-Archiv kennenlernen, aber auch als Nietzsche-Fellow der Klassik Stiftung Weimar in die Gegenwart transformieren kann. Jede Generation stellt neue Fragen an Texte und Exponate. Es gilt, diese Fragestellungen aufzugreifen und darzustellen, Geschichte in ihrer Verknüpfung erfahrbar zu machen. Eine solche „Visitor Journey“ ist in Weimar durch die kurzen, fußläufigen Wege eines der Alleinstellungsmerkmale, die wir durch die Vernetzung von Ausstellungen und Veranstaltungen in Themenjahren veranschaulichen. Dieses Jahr ist das 100-jährige Jubiläum des „Haus Am Horn“ Anlass für das Themenjahr „Wohnen“; ein Thema, das nach diesem krisengeschüttelten Winter durch die sozialen, wirtschaftlichen, politischen Implikationen von allen Menschen mit anderen Augen betrachtet wird. Wir bieten dazu 30 Ausstellungen und Präsentationen. 2024 wird, ebenfalls aus aktuellem Anlass, „Demokratie“ den thematischen Rahmen bilden. In diesem Kontext wird die Direktion Museen erstmals umfassend die Beziehung zwischen „Bauhaus und Nationalsozialismus“ beleuchten, Kontinuitäten und Verflechtungen offenlegen.

100 Jahre Haus Am Horn. Jetzt haben Sie mich neugierig gemacht. Was erwartet die Besucher in diesem Jahr? 

Das Haus Am Horn war ein Versuchshaus, der einzige Bau, der vom Weimarer Bauhaus errichtet wurde. Es wurde 1923 zur ersten Bauhaus-Ausstellung von Georg Muche erbaut, von den Bauhäuslern ausgestattet und verdeutlichte als Anschauungsobjekt, wie man sich das Bauen, Leben, Zusammenleben, also das Wohnen der Zukunft, vorstellte. Das Haus Am Horn, das seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, wurde tatsächlich bis Ende der 1990er Jahre bewohnt. Es konnte zum 100-jährigen Jubiläum des Bauhauses 2019 als Museum eröffnet werden, weitgehend auf den Originalzustand zurückgeführt, mit originalem Mobiliar und mit Umrissmöbeln für die verloren gegangenen Ausstattungsstücke. Mithilfe einer neuen App kann man inhaltliche Aspekte rund um dieses einzigartige Haus vertiefen oder aber durch den Garten streifen, der wiederangelegt wurde. Das Wohnen zwischen Sehnsucht und Krise wird im Bauhaus-Museum ausführlich beleuchtet; die Praxis des Wohnens ist beispielsweise mithilfe des „Wohnkubators“ auszuloten.

In der Pressemitteilung, in der ihr Wechsel nach Weimar verkündet wurde, erklären Sie, dass Sie die Internationalisierung der Museen stärken wollen. Wie zeigt sich das in der Praxis konkret 

Die Sichtbarkeit der Museumslandschaft der Klassik-Stiftung Weimar und ihrer Sammlungen soll weiter erhöht werden. Bestehende Kooperationen werden sukzessive ausgebaut. So zum Beispiel insbesondere für den Bereich der Grafikrestaurierung und Papierforschung durch die Partnerschaft mit der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in Berlin, durch die Zusammenarbeit mit Universitäten, Forschungseinrichtungen und Museen, oder durch neue Aktivitäten der Bauhaus-Kooperation auf europäischer Ebene. Dieser Zusammenschluss der sammlungsführenden Bauhaus-Museen wird übrigens zur ITB die neue BauhausCard vorstellen. Aber wir knüpfen auch neue Partnerschaften. So führen wir Ende April mit dem Getty Center und jungen Wissenschaftlerinnen aus den USA das Projekt „Between Connoirsseurship and Science” durch oder sind mit unseren “Dilettanti”, den Förderern der Grafischen Sammlungen, in Rom. Jährlich werden zahlreiche Fellows aus aller Welt nach Weimar eingeladen.

Viele Rotarierinnen und Rotarier werden nach dem Lesen dieses Interviews die Lust verspüren mal wieder nach Weimar zu reisen.

Das würde uns freuen; Erkenntnisgewinn und Freude sind garantiert.

Wie viel Zeit sollte man sich für Weimar nehmen und was darf man unter keinen Umständen verpassen?

Am besten sind Routen in einer, wie ich gerne sage, S-, M-, L-, XL oder XXL-Variante, je nachdem wie viel Zeit man mitbringt. Als „hidden champion“ empfehle ich den Besuch des Museums Neues Weimar, das die Wege zum Bauhaus aufzeigt. Es liegt im Quartier der Moderne, einen Steinwurf vom Bauhaus-Museum entfernt, im Bereich des ehemaligen „Gauforums“, so dass die zu Beginn angesprochene Ambivalenz der Geschichte hier hautnah zu erleben ist. Jenseits der Museen, Dichter- und Künstlerhäuser, zu denen das Liszt-Haus ebenso zählt wie das Haus von Henry van de Velde, der Schlösser wie Belvedere und Tiefurt, dem Witwensitz von Anna Amalia oder der Fürstengruft, der Herzogin Anna Amalia Bibliothek mit der neuen Cranach-Ausstellung, den Dichterzimmern im Residenzschloss, die die Keimzelle der Weimarer Museumslandschaft bilden, und den „Außenstellen“ wie etwa das Liebhabertheater Schloss Kochberg, das die historische Aufführungspraxis in einem authentischen Theater des 18. Jahrhunderts pflegt, locken die weitläufigen Parks. Dort lässt es sich wunderschön flanieren. In Goethes Gartenhaus und im Römischen Haus sollten Sie unbedingt Rast machen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Attraktionen, die nicht zur Klassik Stiftung Weimar gehören. Ich nenne nur das Deutsche Nationaltheater oder die Herderkirche mit dem Cranach-Altar 

Ein Tag reicht nicht aus für Weimar. Sie werden mir nicht widersprechen, oder. 

Wer einmal hier war, wird sicherlich wiederkommen, weil es in Weimar fußläufig und damit bequem extrem viel zu entdecken gibt und weil die Aufenthaltsqualität in „Ilm-Athen“ so hoch ist.

Es wird eine Erweiterung des Museums der Weimarer Republik und ein Museum zur Geschichte der Zwangsarbeiter im Dritten Reich errichtet. Befürchten Sie nicht, dass es demnächst zu viele Museen in Weimar gibt und Besucher vor einem Überangebot stehen? Das kann ja dazu führen, dass Menschen sich sagen, bevor ich überfordert werde, reise ich gar nicht nach Weimar.

Es ist doch großartig, dass die geniale Idee Anna Amalias, durch Kultur Menschen aus aller Welt anzuziehen, noch immer funktioniert. Und das auf kleinstem Raum, der durch die vielen Besucherinnen und Besucher, aber auch durch die Studierenden der Bauhaus-Universität höchst lebendig, inspirierend und aktiv ist.

Ihr Vorgänger Wolfgang Holler wurde zum Präsidenten der Sächsischen Akademie der Künste gewählt und hatte angekündigt, die Kooperation mit der Klassik Stiftung Weimar auszubauen. Stehen Sie im regelmäßigen Kontakt?

Ja, wir sind im konstruktiven Austausch und das ist mir ganz wichtig. Er ist hier jederzeit persönlich und als institutioneller Partner gern gesehen und herzlich willkommen.

Also könnte eine Partnerschaft entstehen, wie sie einst Goethe und Schiller hier in Weimar vorgelebt haben.

Der Vergleich ist unangemessen. Es gibt wunderbare Kooperationspartnerinnen und -partner der Museen. Einige habe ich bereits genannt und für neue sind wir immer offen.

Kommen wir mal zu Ihnen persönlich. Ich habe gelesen, Sie seien Vegetarierin und mir dann gedacht, das kann nicht stimmen. Hier in Weimar kommen Sie an der guten Thüringer Rostbratwurst doch gar nicht vorbei.

In Mainz heißt WWW auch Weck Worscht und Woi. Daraus mache ich mir nichts und deshalb ist mir diese Frage nicht unbekannt. Ich bin seit meinem 16. Lebensjahr Vegetarierin und komme auch in Weimar sehr gut zurecht. Es gibt hier unter anderem Thüringer Klöße und die leckeren Thüringer Blechkuchen, für die ich besonders zu haben bin.

Auf dem Weimarer Marktplatz gibt es aber keine Klöße, sondern nur die Rostbratwurst.

Das stimmt. Aber es gibt frisches Landbrot, Obst und Gemüse – und einen wunderbaren Käsestand, der von dem Vorsitzenden einer unserer Freundeskreise betrieben wird.

Sie sind Mitglied im RC Mainz. Sind Sie dort montags um 12.30 Uhr noch anzutreffen?

Nein, denn dazu bräuchte ich Siebenmeilen-Stiefel. Ich habe mich in „meinem“ Club immer sehr wohl gefühlt und ihn bis heute auch nicht gewechselt. In Weimar habe ich mich selbstverständlich vorgestellt. Im März werde ich einen Vortrag halten und mich auch anderweitig gerne einbringen. Wimpel liegen schon bereit.

Was bedeutet Ihnen die rotarische Gemeinschaft?

Mit Rotary bin ich durch meinen Mann in Berührung gekommen, der im Karlsruher Club Schloss Mitglied und dort sehr aktiv war und ist. Wir haben in diesem Club nicht nur rotarische, sondern auch einige Freunde fürs Leben gefunden. Die Vielfalt an interessanten Persönlichkeiten und Berufsgruppen fasziniert mich ebenso wie die rotarische Haltung und Zielsetzung. Insofern ist Rotary eine Bereicherung. „Mein“ Mainzer Club wird nach Weimar reisen und mich besuchen. Das ist ein schönes Zeichen der rotarischen Verbundenheit, über das ich mich sehr freue. 


Annette Ludwig (RC Mainz)  ist Kunsthistorikerin, Bauhistorikerin und Literaturwissenschaftlerin. Sie ist seit März 2022 Direktorin der 21 Museen der Klassik Stiftung Weimar. Zuvor war sie von 2010 bis 2022 Direktorin des Gutenberg-Museums in Mainz. 2022 wurde sie mit dem Mainzer Medienpreis ausgezeichnet.

Florian Quanz
Florian Quanz arbeitet seit März 2021 als Redakteur beim Rotary Magazin. Zuvor war er Leiter des Manteldesks sowie Politik- und Wirtschaftsredakteur bei der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (HNA), einer großen Regionalzeitung mit Sitz in Kassel.
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