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Mit Händen zu greifen

Rotary Aktuell - Mit Händen zu greifen
Das Stadtrelief von Soest aus der Werkstatt Broerken © B. Helmers

In vielen Städten stehen von Rotary Clubs gesponserte Stadtreliefs. Sie stammen aus der Werkstatt des Bildhauers Egbert Broerken und sind attraktive Wegweiser – nicht nur für Sehbehinderte.

Matthias Schütt01.10.2018

Die Topografie einer Stadtlandschaft buchstäblich be-greif-bar zu machen, für Blinde zum Beispiel – das war die Grundidee, die den Bildhauer Egbert Broerken vor dreißig Jahren auf ein völlig neues Arbeitsgebiet brachte: Stadtreliefs aus Bronze, die auf zwei, drei Quadratmetern Fläche die Eigenheiten einer Innenstadt als dreidimensionales Tasterlebnis vermitteln.

Beliebte Treffpunkte

Die Idee hat sich schnell verbreitet, denn auch Passanten ohne Einschränkung der Sehkraft drängen sich um die Reliefs, die in vielen Städten beliebte Treffpunkte geworden sind. Wer mit geschlossenen Augen die Straßenzüge per Hand erkundet, bestätigt den wissenschaftlichen Befund, dass der Tastsinn die visuelle Wahrnehmung nicht einfach ergänzt, sondern vervollständigt. Abtasten vertieft die Erfahrung der räumlichen Dimension. 

Dabei ging es Broerken, damals Dozent für Design an den Fachhochschulen Münster und Dortmund, zunächst nur darum, den Schülern der Blindenschule in Soest eine weitere Orientierungshilfe zu geben – und seinen Studenten eine praxisnahe Seminaraufgabe. Zufällig hatte er bei einer Stadtführung aufgeschnappt, wie sehbehinderten Teilnehmern die Ausmaße des Soester Doms geschildert wurden, mit denen die natürlich nichts anfangen konnten. „Nachdem wir im Seminar schon taktile Stadtpläne und Ähnliches gestaltet hatten, war das Stadtrelief eine reizvolle neue Idee.“

An der Schnittstelle zur Realisierung des ersten und vieler weiterer Reliefs kommt Rotary ins Spiel. Denn Stadtreliefs aus der Werkstatt im westfälischen Welver sind attraktiv, aber nicht ganz billig. Rund 30.000 Euro inklusive Sockel muss man veranschlagen. Das ist in der Regel zu viel für die Kassen einer Stadtverwaltung. Die Idee fand aber so viel Anklang, dass die Rotary Clubs in Münster ihrer Stadt das erste Stadtrelief aus Anlass des 1200-jährigen Stadtjubiläums 1993 schenkten. Fünf Jahre später, zum 350. Jahrestag des Westfälischen Friedens, folgte ein zweites. Inzwischen gibt es fünf in der Stadt.

Nicht alle wurden von Rotary gesponsert, auch andere Serviceclubs oder auch Unternehmen lassen sich einspannen. Rotary jedoch ist ein regelmäßiger Partner. „Eine Woche nach Aufstellung des Reliefs in Münster rief jemand aus Osnabrück an, auch da war der Westfälische Frieden geschlossen worden. Und seither geht es stetig weiter“, freut sich Broerken. Mit seinem Sohn Felix als Partner umfasst die Projektliste inzwischen rund 160 Stadtreliefs, die meisten im Maßstab 1:500.

Ein Jahr Wartezeit

Sie stehen nicht nur in deutschen Städten, sondern auch in Nachbarländern und sogar in Aserbaidschan. Ein Geschäftsmann sah das Relief in München und bestellte den Abguss der Altstadt von Baku, die noch komplett erhalten ist. „Kürzlich konnte man das Ergebnis sogar im Fernsehen betrachten. Beim Formel-1-Rennen in Baku Ende April tauchte das Relief jede Runde wieder im Hintergrund auf“, erzählt Broerken.

Egbert Broerken, Künstler, Stadtansicht

Egbert Broerken stellt die Modelle zunächst aus Hartschaum-Styropor her. © Atelier Broerken

Wer eine Stadtansicht aus seiner Werkstatt bestellen will, muss etwa ein Jahr einplanen. Rund zehn Monate erfordert allein der Produktionsprozess. Zunächst verschaffen sich die beiden Künstler auf Spaziergängen ein Gefühl für die Stadt, dann entwerfen sie mithilfe von Katasterplänen und Internetprogrammen wie Bing Maps den Grundriss. Sind alle Gebäude fotografiert und vermessen, werden die einzelnen Elemente aus Styrodor, einem Hartschaum, ausgesägt. Feinarbeiten wie das Ausschneiden der Fenster erfolgen mit dem Lötkolben. Das über das Wachsausschmelzverfahren erstellte Modell wird in Schamott gebrannt und schließlich in Bronze ausgegossen. Rund 150 Kilogramm der Legierung werden im Durchschnitt verarbeitet.

Faszination Obelisken

Wer den 68-jährigen Egbert Broerken in seinem Domizil besucht, betritt „Haus Nehlen“, ein Wasserschloss aus dem 17. Jahrhundert, das den im benachbarten Hovestadt geborenen Künstler schon als Kind fasziniert hat. Seit 36 Jahren wohnt er dort, im Turm hat er sein Atelier auf drei Ebenen.

Im Gegensatz zu den kleinen Reliefs kommt er ursprünglich von den ganz großen Kunstwerken. Ihn faszinieren seit jeher Obelisken und Mahnmale. Großskulpturen aus seiner Werkstatt in Stein und Stahl wurden an verschiedenen öffentlichen Orten aufgestellt.

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.