Distrikt 1880

Mit Paketen statt Raketen

von Ulrike Löw | 
 |  Lesezeit: 0 Minuten

Luftalarm, Angriffe und Flucht prägen seit Jahren Kindheit in der Ukraine: Tetyana Grybacheva (44) leistet Hilfe und tut alles, um Jungen und Mädchen dort zu helfen – auch mit Unterstützung aus Franken

Seit Kriegsbeginn werden in Nürnberg Pakete mit Nahrungsmitteln und Taschen mit Babynahrung für die kriegsgeplagten Menschen in der Ukraine gepackt. Die Pakete gelangen mit Hilfe der Johanniter-Unfallhilfe – unter anderem mit der Aktion Weihnachtstrucker – über Rumänien und die Republik Moldau in die Ukraine.

Vor Ort werden die Pakete von Tetyana Grybacheva in Empfang genommen und Paket für Paket geht an die bedürften Menschen vor Ort. Bereits Im Januar 2024 war Armin Mack (RC Nürnberg-Reichswald) mit dem Johanniter-Weihnachtstrucker in die Republik Moldawien gereist, um die Hilfspakete der Rotary Clubs zu überreichen.

Damals hatte Armin Mack, er hatte die Pakete-Aktion jahrelang federführend organisiert, einen PHF an Tetyana Grybacheva überreicht. Nun kam sie, die Auszeichnung von Rotary International, benannt nach dem Gründer Paul Harris, an den T-Shirt-Kragen gepinnt, von Kiew nach Nürnberg zu Besuch.

Gewohnt, im Himmel nach Rauchspuren zu suchen

Es war eine besondere Woche. Aber von Anfang an. Als wir über den Erlanger Schlossplatz schlendern, die Abendsonne noch immer heiß brennt und kleine Jungs Passanten mit Wasserpistolen bespritzen, lacht Tetyana Grybacheva auf.

Es ist doch großartig, dass dieser Junge, diese Kinder hier nichts vom Krieg wissen, sich das alles wahrscheinlich gar nicht vorstellen könnten, sagt sie. Und sie wünscht sich auch, dass dies genau so bleibt. Europa ist im Krieg, seit dem 24. Februar 2022 schon, die Tagesschau berichtet, die Zeitungen auch, das Internet ist voll mit Fotos und Videos und Rotary hilft.

Und trotzdem ist es ganz weit weg. Hier riecht der Krieg nicht, er lässt den Boden nicht beben. Hoffentlich bleibt das genauso, sagt Tetyana, die daran gewohnt ist, den Himmel nach Rauchspuren abzusuchen und von Kiew angereist ist, um direkt aus dem Kriegsgebiet zu berichten.

Jeden Tag erneut in Lebensgefahr

Sie ist jeden Tag in ihrem Ford Ranger unterwegs, häufig fährt sie hunderte von Kilometern, um dort, wo Familien aus zerbombten Gebieten flüchten müssen, Decken und Nahrungsmittel zu verteilen. „Beautiful Ukraine“ nennt sie ihre Heimat, und sich jeden Tag aufs Neue in Lebensgefahr zu begeben, ist für sie die einzige Möglichkeit, das Grauen des Kriegs zu bewältigen. Wie so viele ihrer Landsleute will die 44-Jährige in einem souveränen Staat, in Freiheit, leben.

Wie es aussieht, wenn sie ihr Recht auf eine unabhängige Zukunft verteidigt? Als der Kachowka-Staudamm in der Region Cherson, einem wichtigen Wasserlieferanten für die Krim, bei einem Angriff beschädigt wurde, ist sie mit ihrem Auto gerade noch über die letzte intakte Brücke gefahren. In Kiew blickte sie von der anderen Seite der Straße auf ein Kinderkrankenhaus, als Bomben in das Gebäude krachten. In vielen Nächten flüchtet sie vor den massiven russischen Luftangriffen in Bunker, am Tag hilft sie dabei, die Verschütteten zu bergen.

Mischlingshund Oskar in Trümmern gefunden

Wenn Familien aus zerbombten Gebieten flüchten müssen, sieht Tetyana Katzen, die aus Rucksäcken schauen und Menschen, die ihre Hunde auf dem Arm tragen. Bei den Such- und Rettungsaktionen trifft sie auf Hunde, die in den Trümmern ihre toten Besitzer bewachen. Und nun hat sich „Oskar“ in ihr Herz geschlichen. Tetyana hat den kleinen Mischling gefunden, oder er sie, das weiß man nicht so genau. Sie lächelt, als sie Fotos auf ihrem Handy zeigt.

„Oskar ist ein emotionaler Stabilisator“, sagt Lorand Szüszner. Der 75-jährige Johanniter aus Lauf a. d. Pegnitz reist seit Jahrzehnten mit Hilfskonvois in Krisengebiete, für die Organisation der Johanniter-Unfall-Hilfe ist er seit vielen Jahren Partner der Pakete-Aktion des RC Nürnberg-Reichswald.

Lorand Szüszner hatte Tetyana Grybacheva bereits zu Kriegsbeginn an der Grenze zur Republik Moldau kennengelernt – seither pflegt er den direkten Draht nach Kiew und in ihm und in vielen Rotariern hat sie in Franken viele Unterstützer gefunden. Deshalb ist sie gekommen: Sie hat die mehrtägige Reise auf sich genommen, um Danke zu sagen – und auch weil Armin Bolz (RC Nürnberg-Reichswald) sie eingeladen hat.

Viele Nürnberger Rotary-Mitglieder sind im Einsatz

Seit Kriegsbeginn werden unter Federführung des RC Nürnberg-Reichswald Pakete mit Nahrungsmitteln für die Ukraine gepackt. Es ist ein Projekt, das von vielen Clubs in der Region unterstützt wird. Dabei sind der RC Nürnberg, der RC Nürnberg-Kaiserburg, der RC-Nürnberg-Sigena, der RC Nürnberger Land, der RC Nürnberg-Connect, der RC Nürnberg-Neumarkt, Rotary Deutschland Gemeindienst e.V., die Rotary Foundation und der Inner Wheel Club Nürnberg-St. Lorenz. Seit Kriegsbeginn wurden 400.000 Euro gesammelt, um immer wieder Hunderte von Nahrungsmittelpakete für die Ukraine zu packen. Die Kartonagen spendet übrigens Klingele Paper & Packaging SE & Co. KG

Es sind diese Pakete, die Tetyana Grybacheva auch in die Nähe der Frontlinie bringt, weil dort Kinder leben, deren Eltern aus irgendwelchen Gründen nicht fliehen können – und sonst kaum Kontakt zu Hilfsorganisationen bekommen. Überleben vermögen diese Päckchen nicht zu sichern, doch sie werden als sichtbares Zeichen deutscher Solidarität dankbar entgegengenommen.

Hilfe auch für Babys von Vergewaltigungsopfern

Mittlerweile, so sagt sie, habe sie endlich das Gefühl, die Ukraine könnte diesen Krieg gewinnen. Waffen, wie die US-amerikanischen Patriot-Systeme oder die deutschen Iris-T-Komplexe seien überlegen, die Soldaten wissen, wofür sie kämpfen und haben sich freiwillig gemeldet, die russischen Soldaten wurden einberufen, mit einem hohen Sold bezahlt und belogen, dass ihr Wehrdienst ungefährlich sei.

Tetyana kämpft auf ihre Weise: Bevor Russland die Ukraine überfallen hat, war die 44-Jährige für den Sanitärunternehmer Romstal in Kiew als Ingenieurin und Betriebswirtschaftlerin tätig, nebenbei setzte sie sich ehrenamtlich als Pflegekraft auf Palliativstationen für Kinder ein.

Ihr Arbeitgeber hat sie freigestellt und bezahlt sie weiterhin, und nun fährt sie endlose Kilometer durch ihre Heimat, kommt durch zig Checkpoints mit bewaffneten Soldaten und hat sich, mitten im Grauen dieses Krieges, noch zur klinischen Psychologin weitergebildet. Es sind die Kinder, die ihr besonders am Herzen liegen. Die Waisen, die behinderten Kinder, die Frühchen, die krebskranken Kinder auf Palliativstationen und jene Mädchen und Jungen, die schon als Babys allein sind, weil ihre Mütter nach Vergewaltigungen von feindlichen Soldaten schwanger geworden waren und die Kinder nicht annehmen können.

Auf ihrer Reise in Franken besucht sie auch den Partnerschaftsverein Charkiw-Nürnberg und die Firma Hakro GmbH, eine Firma in Baden-Württemberg, die Berufskleidung herstellt und sich immer wieder für soziale Belange engagiert.

Mobile Apotheke mit Spenden aus D1880

Sie trifft Frank Dörje,  Past President des RC Erlangen und Schwerpunktbeauftragten der DGR Task Force für Medizinische Hilfen. Als Leiter der Apotheke der Universitätskliniken Erlangen ist er vom Fach und unermüdlich Spenden für Arzneimittel und medizinische Geräte. Zuletzt sorgte er dafür, dass für 30.000 Euro ein Anästhesiegerät gekauft werden konnte, es wurde im Krankenhaus von Kherson dringend gebraucht, um lebensnotwendige Operationen durchführen zu können. Auf eine Lieferung von Zytostaika – Medikamte, die zur Behandlung von Tumoren eingesetzt werden – hat er auf den Weg bringen können. Im fünften Kriegsjahr, weiß Frank Dörje, haben die Angriffe auf die Zivilbevölkerung an Intensität und Grausamkeit zugenommen, besonders betroffen sind Städte und Gebiete entlang der Frontlinie, auch der Oblast Kherson.

Gemeinsam mit dem Verein Action Medeor e.V. hat er zuletzt eine „Mobile Apotheke“ auf den Weg gebracht, um hilfsbedürftige Menschen in ihren Heimatdörfern vor allem bei chronischen Leiden, wie etwa Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Infektionskrankheiten und Schmerzzustände versorgen zu können. All dies konnte mit Spenden aus dem Distrikt 1880 finanziert werden. Als Professor für Klinische Pharmazie ist Frank Dörje von Medeor e.V. überzeugt: Das Deutsche Medikamentenhilfswerk leistet seit 60 Jahren Not- und Katastrophenhilfe und beschafft im Kontakt mit lokalen Partnern Arzneimittel, Medizinprodukte und Medizintechnik.

Die humanitäre Hilfe für Menschen in der Ukraine, so der Appell von Frank Dörje, bleibe ein Gebot der Stunde. Und auch wenn die Kinder am Erlanger Schlossplatz so friedlich spielen, so ist doch längst wahr geworden, was gestern noch unvorstellbar erschien.

Krise wurde Normalität

Schwere Waffen, humanitäre und Finanzhilfen für die Ukraine, Milliardenschulden für die Bundeswehr, Sanktionen gegen Russland, eine Neuausrichtung der Energiepolitik: Mit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine fielen hierzulande etliche Tabus. Wir leben längst in einer neuen Zeit, in einer Situation, in der die Krise keinen Ausnahmezustand mehr darstellt, sondern Normalität geworden ist.

Und zu dieser Normalität gehört auch, so erklärt der Chefapotheker der Universitätskliniken Erlangen, dass die Software der Klinik regelmäßige Cyber-Angriffe auf die EDV-Systeme abwehren muss. Die Uniklinik baut ihre Notfallkapazitäten und Medikamentenvorräte längst aus, um für multiple Krisenszenarien wie Katastrophen, kriegerische Auseinandersetzungen oder Pandemien gewappnet

Zum Magazin

Ohh the Germans! 250 Jahre USA: Eine Beziehungsgeschichte
07 / 2026
Taiwan: Das andere China
06 / 2026
Die grosse Versuchung
05 / 2026
Fäden ziehen
04 / 2026
Im Namen des Volkes
03 / 2026
Die da oben
02 / 2026
Geduld
01 / 2026
Die Kraft des Singens
12 / 2025
Unter die Haut: Tattoos
11 / 2025
Die Rente ist sicher
10 / 2025
Als Gott auszog – Gedanken zur Umwidmung von Kirchen
09 / 2025
Österreich - Erinnerungen an die Zukunft
08 / 2025
Comeback des Sportvereins
07 / 2025
Man muss Menschen mögen
06 / 2025
Alles auf Anfang
05 / 2025
Cool Japan
04 / 2025
Mut zum Bruch: Deutschland nach der Wahl
03 / 2025
Gehasst oder geliebt?
02 / 2025
Wettrüsten im All: Wie Europa abghängt wird
01 / 2025