Rotary trifft Rembrandt

Intercity-Meeting auf der Kasseler Wilhelmshöhe: Wie sich der junge Rembrandt als Maler einen Namen machte, erfuhren Rotarierinnen und Rotarier in der Ausstellung „Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke“
Rotary ist eine starke Marke. Aber Rembrandt nicht minder. Wie es auf dem hart umkämpften Kunstmarkt in der Boomtown Amsterdamim 17. Jahrhundert zuging erfuhren etwa vierzig rotarische Freundinnen und Freunde in der Ausstellung auf der Kasseler Wilhelmshöhe. Die Clubs Baunatal und Kaufungen-Lossetal hatten zum Intercity-Meeting eingeladen. Dessen Initiator, York Hilgenberg (Kaufungen-Lossetal), sagte: „Die Leute sind begeistert, auch darüber, welche Schätze wir hier haben.“ Die Clubs spendeten zum Dank für die Führung durch die Ausstellung an Hessen Kassel Heritage und für die Jugendarbeit des Staatstheaters Kassel.
Mehr als eine Bilderschau
„Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke“ ist weit mehr als eine Kunstausstellung. Die Ausstellung mit 70 Werken führt nicht nur Arbeiten aus der vielfältigen Kasseler Rembrandt-Sammlung mit Leihgaben aus Amsterdam, Berlin, London, Stockholm, Wien und anderen Orten zusammen. Vor allem führt sie die Besucher am Beispiel des Rembrandt Harmenszoon van Rijn mitten hinein in den aufstrebenden Norden der Niederlande, der nach der Reformation um seine politische Unabhängigkeit kämpft, die er 1648 mit dem Frieden von Münster erlangen wird. Der Süden der Niederlande wird zu den Spanischen Niederlanden.
Rätsel um Rembrandt
Die Ausstellung entstand in Kooperation von Hessen Kassel Heritage und der Friedenstein Stiftung Gotha. Dr. Justus Lange aus Kassel und Dr. Timo Trümper aus Gotha haben sie konzeptioniert. Doch unverkennbar ist diese Ausstellung mit der beruflichen Vita Langes verbunden. Ihr Ursprung liegt insofern ein Vierteljahrhundert zurück. Denn 2001 hatte Lange – damals als Volontär auf der Wilhelmshöhe – Anteil an der Ausstellung „Der junge Rembrandt. Rätsel um seine Anfänge“, die unter Langes Vor-Vorgänger Bernhard Schnackenburg entstand. Die Autoren der Ausstellung von 2001 gingen anhand von drei Bildern im Grunde der spannenden Frage nach, ob und nach welchen Kriterien diese Werke Rembrandt zuzuordnen seien. Damals zeigte sich für den Volontär, dass Rembrandt ein wesentlich vielschichtiger Künstler war, als bis dahin angenommen, und dass seine Entwicklung alles andere als linear verlief. Womit wir mittendrin in „Rembrandt 1632“ auf der zweiten Etage des Schlosses Wilhelmshöhe im Sommer 2026 wären.
Ein „Goldenes Zeitalter“ und seine Schatten
Rembrandt beginnt 1620 nach dem Besuch einer streng calvinistischen Lateinschule in seiner Heimatstadt Leiden im Alter von 14 Jahren seine Ausbildung zum Maler, die er später bei Pieter Lastman in Amsterdam fortsetzt. Amsterdam ist damals eine Boomtown. Innerhalb weniger Dekaden wächst der Ort vom Fischerdorf zur Metropole. Der Aufstieg zur See- und Handelsmacht katapultiert den protestantischen Teil der Niederlande geradezu in einen neuen Wohlstand, der seltsame Blüten treibt. Mit der „Tulpenblase“ platzt nach einem regelrechten Leerverkauf der wertvollen Zwiebeln an der Börse eine Spekulationsblase und mündet in einem Crash ungeahnten Ausmaßes. Diese Phase wird auch als „Goldenes Zeitalter“ verklärt.Doch der helle Glanz vermag die Schatten jener Epoche nicht für alle Zeitgenossen zu überdecken. Der Reichtum gründet auf dem Handel mit exotischen Waren, aber auch mit Sklaven aus den neu eroberten Kolonien, indes in Europa ein 30 Jahre dauernder Krieg geschlagen wird, der für die Niederlande sogar 80 Jahre dauert, und in dem die Söldner bis dahin unvorstellbare Verwüstungen anrichten. Obendrein trägt die aufbrechende Globalisierung Seuchen nach Europa, wo die Pest in der von kriegerischer Grausamkeit und Not zermürbten Gesellschaft leichtes Spiel hat.
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Ein junger Künstler erobert die Boomtown
In das zugleich von Aufbruch und Reichtum vibrierende Amsterdam zieht es den jungen Maler aus Leiden. Hier kann er etwas werden. Rembrandt Harmenszoon van Rijn geht strategisch vor. Nach wiederholten Besuchen in der jungen Hafenstadt übernimmt er 1631 die Leitung in der Werkstatt des Kunsthändlers Hendrick Uylenburgh – verbunden mit einem Darlehen über 1000 Gulden, das der junge Künstler seinem neuen Arbeitgeber gewährt. „Ist es ein Deal?“ , würde man heute fragen. Das Geschäft lohnt sich für beide Seiten. Uylenburgh hat die Verbindungen in die kaufkräftige Amsterdamer Kundschaft hinein, und der junge Künstler malt und radiert in einem anderen, so eigenen, lebendigen Stil und zugleich in solcher Vielfalt, dass er mit Emotion den Nerv der Zeit trifft. Mit Einzel- und Gruppenporträts wie „Die Anatomie des Dr. Nicolaes Tulp“ oder dem „100 Gulden Blatt“ als einer Grafikreihe, erschließt er sich nach und nach neue Käuferkreise. Er pflegt seinen Stil und arbeitet ihn in großer Varianz aus. Im Laufe der Zeit erschafft Rembrandt etwa 80 Selbstportraits – mal scharf und klar, mal weich in den Kontrasten und doch detailreich in den Schatten. Freilich führt diese Vielfalt von ein und demselben Objekt zur Frage, ob alle diese Bilder einen oder mehrere Urheber haben. Die Kasseler Rembrandt-Forscher sagen: Ja, vermutlich stammen sie alle von Rembrandt. Er wollte experimentieren und den Kunden zeigen, was er bieten kann.
Der Mut zum Marken-Namen
Mit dieser Vielfalt entwickelt und bedient Rembrandt in den folgenden Jahren einen Markt. Und er ist selbstbewusst. Von 1632 an firmiert der Künstler unter seinem Vornamen, mit dem er unübersehbar seine Werke signiert: Rembrandt. Das hatten vor ihm nur die großen Italiener gewagt, und sein seltener Vorname kommt ihm gelegen. Als ein „Jan“, wie im Niederfränkischen viele hießen, hätte er nicht aus der Menge herausgestochen. 1632 ist mit 32 Gemälden und sechs Grafiken zugleich Rembrandts produktivstes Jahr. 1634 wird Rembrandt in die Amsterdamer Malergilde aufgenommen und heiratet Saskia Uylenburgh, die Nichte seines Geschäftspartners.
Aufstieg und Niedergang
Glanz und Schatten liegen in Rembrandts Leben ebenso nah beieinander wie in seiner Epoche. Nur das jüngste seiner Kinder erreicht das Erwachsenenalter. Saskia stirbt 1642 an Tuberkulose, und Rembrandt stellt sein wohl berühmtestes Werk „Die Nachtwache“ fertig. Er geht keine neue Ehe ein. Das Vermögen, das seine Frau mit in die Ehe gebracht hatte, fließt somit nicht an deren Familie zurück. Nach der Liaison mit dem Kindermädchen seines einzigen überlebenden Sohnes, die ihn wegen eines nicht gehaltenen Heiratsversprechens erfolgreich verklagt, ergänzen sich Rembrandt und seine Haushälterin Hendrickje Stoffels. Seine neue Partnerin wird mehrfach vor dem Kirchenrat angeklagt, da sie mit Rembrandt in Sünde lebe. Doch die beiden heiraten – trotz einer gemeinsamen Tochter – nicht. Unterdessen ändern sich die Moden. Der Klassizismus kommt auf, und Rembrandts Kunst ist bei der reichen Kundschaft offenbar nicht mehr so gefragt. 1660 muss Rembrandt im Zuge eines gerichtlichen Konkursverfahrens sein stattliches Haus, seine Möbel und seine Kunstsammlung verkaufen. Ein Coup rettet seine – nun bescheidenere – Existenz: Seine Haushälterin übernimmt seine Malerwerkstatt und stellt ihn als Maler an. „Die Verschwörung der Batavier“ ist wohl sein letzter Auftrag (1661/62). Das großformatige Gemälde soll das Rathaus von Amsterdam schmücken, doch dem Auftraggeber schmeichelt es offenbar nicht genug. Der Stadtrat bezahlt Rembrandt nicht, und dieser erhält das Werk zurück, woraufhin er es zerschneidet, um wenigstens einen Teil davon verkaufen zu können. Hendrickje Stoffels stirbt 1663 vermutlich an der Pest und 1668 Rembrandts einzig überlebender Sohn. Rembrandt zieht zu seiner schwangeren Schwiegertochter, wird Pate seiner im März 1669 geborenen Enkelin und stirbt im Oktober desselben Jahres.
KI erweckt selbst Tote zum Leben
Diese faszinierende Geschichte eines Menschen, der sich selbst strategisch klug und erfolgreich bis heute zu einer anhaltend prägnanten Marke aufgebaut hat, erzählt die Ausstellung auf der Wilhelmshöhe nicht nur in Bildern. Mit einer stimmigen Geräuschkulisse und Duftproben führen ihre Macher auf sinnliche Weise die Besucher in eine Malerwerkstatt des 17. Jahrhunderts zurück, und mit Künstlicher Intelligenz erwecken sie „Die Anatomie des Dr. Nicolaes Tulp“ zum Leben. Selbst der Dieb, der nach seiner öffentlichen Hinrichtung öffentlich obduziert wird, erwacht im Video nochmals kurz zum Leben, um dem Publikum mitzuteilen, dass ihm Rembrandt auf dem Gemälde wieder zu seinem rechten Arm verholfen habe, den er doch schon lange vor seiner Hinrichtung als Strafe für einen früheren Diebstahl verloren hatte.

Säureanschlag und Kunstraub
A propos „Crime“: Die Autoren der Ausstellung erinnern sowohl an den Säureanschlag auf Rembrandts Jakobssegen im September 1977 in Kassel, als auch den unglaublichen Kunstraub von Gotha 1979. Ein bis heute unbekannter Täter kletterte in einer stürmischen Dezembernacht am Blitzableiter auf der Außenfassade des Schlosses Friedenstein in Gotha ins zweite Obergeschoss, drang dort ein und stahl fünf Altmeistergemälde im Wert von mehr als 4,5 Millionen D-Mark. Darunter war auch ein Bild aus dem Umkreis Rembrandts. Die Kriminalpolizei und das Ministerium für Staatssicherheit klärten den Fall niemals auf. 2020 tauchten die Bilder in Süddeutschland wieder auf.
Nach dem Ende der Ausstellung auf der Wilhelmshöhe im August wird „Rembrandt 1632“ vom 6. September an bis zum 6. Dezember 2026 in Gotha zu sehen sein.





























