Die App, die ich als Kind gebraucht hätte

Aaron Wahl über seinen Weg bei Rotary, die Neurologie hinter Autismus und ein Werkzeug, das erstmals verständlich erklärt, was im autistischen Gehirn passiert.
Meinen ersten Vortrag hielt ich in einem kleinen Raum, vor einer Handvoll Rotaractern. Meine Hände zitterten. Ich redete über Autismus und darüber, was sich verändern kann, wenn man einem Menschen seine Stärken zeigt, statt ihm seine Schwächen vorzuhalten. Danach kam jemand zu mir und sagte: „Das hat mir geholfen."
Dieser Satz war der Anfang. Über 137 Vorträge folgten, bei Unternehmen, Universitäten, der Bundesagentur für Arbeit. Einen Großteil davon hielt ich bei Rotary und Rotaract. Ebenso auf der Rotary Convention und der Rotaract Deutschlandkonferenz in Hamburg.
Mein Weg
Ich erinnere mich an den Teppich meiner Großeltern. An meinen Großvater, der Pastor war. Der einzige Mensch, bei dem ich mich sicher fühlte. Er wurde bei einem Unfall getötet. Ich war damals zehn.
Was folgte: 16 Jahre Therapie, über zehn Fehldiagnosen, betreutes Wohnen, gerichtliche Entmündigung, lebenslange Berentung mit 20. Mit 26 die richtige Diagnose: Autismus. Sie erklärte alles. Ein Trainingsumfeld, das meine Stärken sah, gab und mir die Werkzeuge gab, mich herauszukämpfen.
Meine Biografie „Ein Tor zu eurer Welt" erschien im Droemer Knaur Verlag, mit einem Vorwort von Prof. Tony Attwood. 2025 wurde ich als WEconomy Diversity Leader im Bereich Neurodiversität ausgezeichnet. Die Bundesagentur für Arbeit stellte meinen Vortrag bundesweit allen Arbeitsagenturen zur Verfügung.
Was Rotary für mich bedeutet
Rotary ist wie eine Familie für mich. Die persönlichen Treffen, die Gespräche, die Offenheit haben mir über all die Jahre Mut gemacht, meinen Weg zu gehen und mich für andere autistische Menschen einzusetzen. Denn ich wusste: Egal wo ich einen Vortrag halte, irgendwann kommt wieder einer in einem Rotary Club. Und dort werde ich gesehen und gehört und fühle mich normal. In einer Welt, in der das selten ist.
Nach meinen Abenden kommen regelmäßig Mitglieder auf mich zu, mit Fragen über ihre Kinder, ihre Enkel, einen Mitarbeiter oder sich selbst. Immer die gleiche Frage: Warum macht er das? Warum reagiert sie so?
Service, Integrität, Respekt. Die Werte von Rotary sind genau das, was autistische Menschen brauchen.
Was Ihr Umfeld wissen sollte
Ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung sind autistisch. Allein in Europa sind das rund sechs Millionen Menschen. In Deutschland leben bis zu 840.000. Die Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt zwei bis sieben Jahre. In dieser Zeit erklärt niemand den Familien, was sie bei ihrem Kind beobachten.
Autistische Gehirne filtern Reize nicht automatisch. Das Brummen des Kühlschranks, das Gespräch am Nebentisch, das Licht. Alles kommt gleichzeitig an. Wenn ein Kind nach der Schule erschöpft ist, hat es acht Stunden lang manuell geleistet, was andere Gehirne automatisch erledigen.
Wenn ein Kollege Ihnen nicht in die Augen sieht, ist das keine Respektlosigkeit. Autistische Gehirne verarbeiten Sprache nicht nebenbei. Tonfall, Mimik, Hintergrundgeräusche müssen aktiv sortiert werden. Blickkontakt ist ein zusätzlicher Reiz, der diese Verarbeitung überlädt. Dieser Mensch hört Ihnen möglicherweise gerade besonders aufmerksam zu.
Autistic Mirror
Diese Fragen höre ich seit Jahren. Und ich habe sie hunderte Male persönlich beantwortet. Aber es bedarf flächendeckender Unterstützung. Deshalb habe ich Autistic Mirror gebaut.
Die App erklärt autistischen Menschen und Ihrem Umfeld, was in ihrem Gehirn passiert. Nicht was sie tun sollen, sondern warum. Vollständig auf Deutsch und Englisch, beide Sprachversionen. Ein vergleichbares Werkzeug existiert weltweit nicht.
Die Innensicht richtet sich an autistische Menschen selbst, mit individualisierten Profilen für AuDHD, autistisches Elternsein und deren Kombination. Die Außensicht erklärt dem Umfeld den neurologischen Mechanismus hinter beobachtetem Verhalten, in 15 spezialisierten Rollen: von Eltern und Partnern über Arbeitgeber und Lehrer bis zu Therapeuten und weiterer Familie. 15 Komorbiditäten wie ADHS, Depression, Angststörung oder Trauma werden erkannt und in ihrem Zusammenspiel mit Autismus erklärt.
Jede denkbare Kombination aus Rolle, Komorbidität und individueller Situation wird berücksichtigt. Ein persönliches Glossar erklärt Fachbegriffe bei erster Nennung. Keine Wertung, nur Erklärung.
Rotary ist in über 200 Ländern aktiv. Die App könnte es auch. Wenn Sie nach diesem Artikel jemandem in Ihrem internationalen Netzwerk davon erzählen, kann diese Person sie sofort nutzen.
Bereits die ersten drei kostenlosen Nachrichten können eine Aufklärung bieten, die einer professionellen Beratung gleichkommt. Weil jede Antwort den vollständigen neurologischen Mechanismus erklärt, statt Ratschläge zu geben. Über 55 Fachbeispiele auf https://blog.autisticmirror.app/blog vertiefen dies zusätzlich.
Die App wird auch wissenschaftlich wahrgenommen. Prof. Tony Attwood und sein Team evaluieren Autistic Mirror derzeit in Australien. Prof. Christina Nicolaidis, Chefredakteurin von Autism in Adulthood und Autorin der weltweiten Richtlinien für die Einbeziehung autistischer Menschen in Forschung, hat mich eingeladen, ein Paper einzureichen, was ich tat.
Ein dreischichtiges Sicherheitssystem prüft jede Antwort. Über 1.000 automatisierte Tests sichern die Qualität. Die App empfiehlt unter keinen Umständen schädliche Methoden, die autistisches Verhalten unterdrücken. Keine Diagnosen, keine medizinischen Ratschläge. DSGVO-konform, kein Tracking.
Was Sie in Ihrem Club tun können
Wenn Sie vermuten, dass jemand in Ihrem Club oder Ihrem Umfeld autistisch ist, fragen Sie nicht „Was ist mit dir los?", sondern „Was brauchst du, um dich wohlzufühlen?" Dieser eine Satz verändert alles.
Bieten Sie bei Clubabenden Rückzugsmöglichkeiten an. Ein ruhiger Nebenraum, die Möglichkeit, kurz rauszugehen. Das sind keine Sonderwünsche. Wer sich zurückzieht, lehnt die Gemeinschaft nicht ab. Er reguliert sein Nervensystem.
Und: Stärken spiegeln wirkt mehr als jede Therapie. Der Satz „Das kannst du gut" hat mein Leben verändert. Er kann es bei anderen auch.
Die Brücke
17 Jahre lang habe ich gelernt, wie man Brücken zwischen Menschen baut. Viele davon habe ich bei Rotary gebaut. In Ihren Clubs. An Ihren Abenden. Autistic Mirror ist der Wunsch, dieses Wissen in ein Werkzeug zu übersetzen, das rund um die Uhr verfügbar ist. Damit ein Kind, das heute spürt, dass es anders ist, früher erfährt: Du bist nicht falsch. Dein Gehirn funktioniert so. Und das hat Gründe.
Wenn Sie jemanden kennen, dem diese App helfen könnte, geben Sie sie weiter. Das ist alles, worum ich Sie bitte.

Autistic Mirror ist begrenzt kostenlos nutzbar unter https://autisticmirror.app
Aaron Wahl lebt auf Amrum und ist Mitglied bei Rotary. Seine Biografie „Ein Tor zu eurer Welt" ist im Droemer Knaur Verlag erschienen. Für Vortragsanfragen bei Rotary Clubs und Unternehmen: support@autisticmirror.app















