Wider das Vergessen

Ein Rückblick auf 75 Jahr deutsch-italienische Beziehungen machte deutlich: Die Vergangenheit darf nicht in Vergessenheit geraten
Werke von italienischen und deutschen Komponisten, die während der NS-Zeit verfolgt, ausgegrenzt oder ins Exil gezwungen wurden, standen im Fokus eines Konzerts von hochbegabten jungen Musikerinnen und Musikern beider Länder im Mai. Hintergrund war die Feier des langjährigen rotarischen Engagements für den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Italien .
In der Residenz des deutschen Botschafters in Rom sollte dieses besondere deutsch-italienische Freundschaftskonzert für kulturelle Vielfalt, die geistige Freiheit und die Verantwortung, die Erinnerung lebendig zu halten, stehen. Im Anschluss bot ein Empfang Raum für persönlichen Austausch zwischen deutschen und italienischen Gästen aus Kultur, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

Aus der Rede des deutschen Botschafter Dr. Thomas Bagger:
2026 ist für Italien und Deutschland ein besonderes Jahr. Mit dem italienisch-deutschen Gipfel im Januar hier in Rom hat ein „Jahr der Gelegenheiten“ begonnen. Ein Jahr, in dem Deutschland und Italien sich politisch so nahe stehen wie seit vielen Jahren nicht mehr. Ein Jahr, in dem es für ein geeintes, freies und starkes Europa, das heute unter Druck steht wie seit Jahrzehnten nicht mehr, auch und gerade auf den Beitrag von Italien und Deutschland ankommt.
Zugleich denken wir in diesen Tagen zurück an den ersten Besuch von Konrad Adenauer als Bundeskanzler in Italien im Juni 1951, kritisch beäugt damals. Er markierte die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen nach dem Krieg, einen wichtigen Schritt auf dem langen und nicht selbstverständlichen Weg zu der engen Freundschaft und Partnerschaft, die Deutschland und Italien heute verbindet.
Und zugleich waren Adenauers Gespräche mit seinem italienischen Gegenüber Alcide de Gasperi Geburtsstunden der europäischen Einigung. Wahrhaft der Beginn eines „percorso straordinario“, wie es Staatspräsident Sergio Mattarella beim Volkstrauertag vor dem Deutschen Bundestag im vergangenen November formuliert hat.
„Wieder“aufnahme, in dem Wort selbst schwingen zwei Bedeutungen mit: Wer etwas wiederaufnimmt, hat es zuvor unterbrochen. Heute Abend erinnern wir an das Ungeheuerliche, was Deutsche damals ihren Nachbarn, ihren Mitmenschen antaten. Wir erinnern an ein Europa, das der deutsche Nationalsozialismus mit Hass, Krieg und Gewalt überzog.
Wir erinnern uns an eine Zeit, in der Meinung, Presse, Kunst nicht frei waren. In der das Wirklichkeit wurde, was Heinrich Heine 1823 prophezeite, „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“. Künstlerinnen und Künstler wurden aufgrund ihrer Herkunft, wegen ihrer Ideen, ihrer Werke verfolgt und ermordet. Eine Zeit, in der die Würde des Menschen alles andere als unantastbar war.
Ich danke dem Rotary Club München-Hofgarten sehr herzlich für die gute Zusammenarbeit, und der Europäischen Kulturstiftung Europamusicale, insbesondere Herrn Helmut Pauli, für die Konzeption und Umsetzung dieses besonderen Konzertabends. Schön, dass Sie bei uns sind!
Meine Damen und Herren, „Wiederaufnahme“, darin steckt noch eine zweite Bedeutung: Unsere Beziehungen waren „unter“brochen, aber nicht für immer „zer“brochen. Wir konnten anknüpfen an eine jahrhundertelange, reiche Tradition des geistigen und kulturellen Austausches zwischen Deutschland und Italien. Jede Woche, jeden Tag entdecken wir, seit wir hier in Rom leben, neue Facetten dieses reichen Erbes.
"Unsere Beziehungen waren „unter“brochen, aber nicht für immer „zer“brochen. Wir konnten anknüpfen…"
Dass wir daran anknüpfen konnten, nach allem, was Deutsche den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes an Leid und Verletzungen zugefügt haben, verdanken wir Generationen von Italienerinnen und Italienern, die uns nach dem Krieg und der Zeit der Besatzung die Hand gereicht haben. Dafür sind und bleiben wir dankbar.
Die Diplomatie hat dabei ihre Rolle gespielt. Aber ebenso wichtig waren die vielen privaten, persönlichen Begegnungen, Gespräche und Initiativen, die von neuem Brücken zwischen beiden Völkern gebaut haben. Ich hoffe, dass auch heute Abend im Anschluss an das Konzert neue Fäden geknüpft werden, die das Band zwischen unseren Ländern stärken werden.
Anfang dieses Jahres haben wir gemeinsam mit dem israelischen Botschafter, der Unione delle Comunità Ebraiche und der Fondazione Museo della Shoah ein Konzert zum Tag der Erinnerung an die Shoah gegeben. Es war ein bewegender Abend. Gerade weil allen im Saal bewusst wurde, dass wir keine Selbstverständlichkeit feierten.
Wir sind heute selbst Zeitzeugen. Zeugen eines neuen Antisemitismus – in Deutschland, in Italien und weltweit. Hass und Vorurteile verbreiten sich ungefiltert vor allem in den digitalen Netzwerken. Der Schutz jüdischen Lebens und der Kampf gegen Antisemitismus bleiben für uns Deutsche eine fundamentale Lehre aus unserer eigenen Vergangenheit – und eine konkrete Verpflichtung für jede und jeden von uns. Ich freue mich, dass die Bundesregierung und die italienische Regierung dieser Herausforderung in großem Gleichklang und sehr enger Zusammenarbeit begegnen.
Und ich freue mich über die jüdischen Freundinnen und Freunde und heiße sie herzlich willkommen, die unserer Einladung gefolgt sind.



























