Ein mutiger Schritt

Vor knapp 30 Jahren war Nina Böcke selbst im Rotary-Austauschjahr in Kanada. Bis heute ist sie immer wieder selbst Gastmutter. Inspiriert von den eigenen Erfahrungen schickte sie ihre Tochter ein Jahr nach Taiwan. Aktuell ist ihr Sohn Kilian als Outbound über den RC Herford-Hanse in Kolumbien. Bei Familie Böcke wohnt währenddessen Inbound Emilio aus Argentinien
Frau Böcke, wie sind Sie damals auf Rotary und den Jugendaustausch aufmerksam geworden?
In meiner Schule, dem IKG in Bad Oeynhausen, hing neben dem Vertretungsplan ein klitzekleiner Zettel mit einer Telefonnummer von Pastor Silaschi aus Bad Oeynhausen, auf dem stand, dass sich Interessierte an einem Jahresschüleraustausch bei ihm melden könnten. Ich rief an, und so nahm es seinen Lauf.
Wo haben Sie Ihr Austauschjahr verbracht – und welche Erfahrungen haben Sie dort besonders geprägt?
Ich war in Saskatoon in der Provinz Saskatchewan in Kanada, einer wunderschönen Stadt mit rund 250.000 Einwohnern inmitten der kanadischen Prärie. Die kanadische Offenheit und Freundlichkeit haben mich sehr beeindruckt. Wenn man jemanden trifft, wird dem Gegenüber oft ein nettes Kompliment gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen dort Wert darauflegen, dass es ihrem Gesprächspartner gut geht.

Welchen Einfluss hatte IhrAuslandsaufenthalt langfristig auf Ihre persönliche undberufliche Entwicklung?
Vor meinem Austausch hatte ich negative Erfahrungen mit Mitschülern, ich hatte an mir und meiner Persönlichkeit gezweifelt. Ich wurde überrascht von der Freundlichkeit der Kanadier und wie egal es ihnen ist, ob man dick oder dünn, groß oder klein, schwarzhaarig oder blond ist. In meinem Austausch hatte ich zudem die Möglichkeit, Japanisch zu lernen. Ich habe mich in Kanada in die japanische Sprache und Kultur verliebt, sodass ich im Studium Übersetzen mit Japanisch und Chinesisch studiert habe. Ich bin viel offener und toleranter geworden und liebe es, über den Tellerrand hinauszuschauen.
Jetzt ist Ihr Sohn Kilian selbst mit Rotary unterwegs – in Kolumbien. Was bedeutet das für Sie als Mutter?
Ich bin stolz und beeindruckt von seinem Mut, dass er mit gerade mal 16 Jahren allein ans andere Ende der Welt geflogen ist, ohne die Sprache oder eine Menschenseele zu kennen, und dass er sich mit offenem Herzen und Verstand einer anderen Kultur und fremden Menschen stellt und bereit ist, vorbehaltlos in sie einzutauchen und siekennenzulernen.

Sie haben bereits viele Austauschschüler bei sich aufgenommen. Was macht fürSie den Reiz daran aus?
Mit jedem Austauschschüler, den wir in unsere Familie aufnehmen, schicken wir ein Jahr später einen jungen Menschen in seine Heimat zurück, der Toleranz und Offenheit erfahren hat und dies hoffentlich, wie bei einem Schneeballsystem, anderen Menschen gegenüber zeigen wird. Ferner habe ich das Glück, dass mit jedem Austauschschüler mein Reisefieber etwas gestillt wird. Es ist spannend von den Schülern etwas über ihr Land, ihre Familie, ihre Gewohnheiten und ihre Kultur aus erster Hand zu erfahren. Während des Jahres vergleichen wir viel zwischen den Ländern und lernen, dass wir unsere Lebensweise nicht als allgemeingültig betrachten sollten. Ein Austauschschüler ist wie ein einheimischer Reiseführer, der einem die Augen öffnet. Besser geht es nicht! Und hoffentlich, haben wir eines Tages die Möglichkeit, unseren neugewonnenen Sohn oder die Tochter in seinem oder ihrem Land zu besuchen.
Haben Ihre Kinder durch die Gastschüler besondere Erfahrungen gemacht, die sie geprägt haben?
Unsere Familie ist multikulturell. Mein Mann ist Halbfranzose, und unsere Kinder wurden zweisprachig, Deutsch und Französisch, erzogen. Ich habe während meines Austauschs Japanisch gelernt und später sogar studiert. Wir sind also eine Familie, die kulturell sehr offen ist und von vielen kulturellen Unterschieden weiß. Das hilft schon, Verständnis für uns ungewohntes Verhalten aufzubringen. Wir hatten Gastschüler von fast allen Kontinenten, und wir finden es sehr erwähnenswert, wie gut die Schüler sich trotz aller Unterschiede in unsere Familie integriert haben und wie gut sich unsere Kinder mit den Gastgeschwistern arrangiert haben.

Wie verändert sich Ihr Familienalltag, wenn ein Jugendlicher aus einem anderen Land bei Ihnen einzieht?
Wir fangen alle an, wie Roboter zu sprechen. Ganz langsam und akzentuiert. Man braucht viel Geduld und einen guten Übersetzer, um am Anfang mit ihnen kommunizieren zu können. Aber ansonsten läuft der Austauschschüler einfach bei uns mit. Er geht zur Schule wie unsere Kinder. Wichtig finden wir es, dass die Schüler sich einen Verein suchen, in dem sie Sport machen oder Musik spielen, damit sie schnell andere Jugendliche kennenlernen und Freundschaften knüpfen. Integration und Freundschaften sind das A und O. Die Schüler sind wie unsere eigenen Kinder Teil der Familie und werden auch so behandelt. Da das eigene Kind während der gleichen Zeit im Ausland ist, füllt der Austauschschüler nicht nur dessen Bett und Zimmer, sondern seine Stelle in der Familie.
Wie klappt die Verständigung?
Das kommt auf die jeweiligen Schüler an. Wir hatten bisher nur Schüler, die auch Englisch sprachen. So gab es immer eine Ausweichsprache, für den Notfall. Wir haben aber gelernt, dass es wichtig ist, so viel Deutsch wie möglich zu sprechen und zu wiederholen.

Gab es Momente, in denen kulturelle Unterschiede besonders sichtbar oder herausfordernd waren?
Unserer Familie sind die gemeinsamen Mahlzeiten am Tisch sehr wichtig. Unser taiwanesischer Austauschschüler kannte das nicht wirklich. In seiner Familie gibt es oft Take-away, das dann zusammen vorm Fernseher gegessen wird. Genauso hat unsere Tochter es bei ihrem Austausch in Taiwan erlebt, und sie fand es ungemein schwer, dass man nicht zusammensaß und während des Essens geredet hat. Weiter sieht man, wie stolz jeder einzelne Schüler auf sein Land ist. Emilio liebt Mate. Er fühlt sich schon persönlich angegriffen, dass ich sein Lieblingsgetränk nicht in der hoch konzentrierten Form wie er mag.
Halten die Kontakte auch nach dem Austausch?
Ja, wir haben noch mit fast allen Kontakt. Das Internet macht es möglich, schnell ein paar Nachrichten oder Fotos auszutauschen und somit am Leben der anderen weiter teilhaben zu können. Auch wenn nicht alle gleich viel Kontakt halten, so sind alle jederzeit herzlich bei uns willkommen. Selbst wenn wir jahrelang Funkstille gehabt haben würden, wäre ich enttäuscht, wenn sie nicht vorbeikommen würden, wenn sie in der Nähe wären.

Sie haben derzeit wieder einen Inbound bei sich. Möchten Sie ihn kurz vorstellen?
Emilio ist 16 Jahre alt und kommt aus Mendoza/Argentinien. Er ist ein Mate-süchtiger Teenager, der Musik, Sprachen und Naturwissenschaften liebt und zu jeder Möglichkeit spanische Lieder anmacht und mit jedem tanzt, ob er es will oder nicht.
Welche Erwartungen stellt Rotary an die Jugendlichen –und welche Aufgaben haben Gastfamilien dabei?
Als Rotary-Austauschschüler ist man Botschafter seines eigenen Landes. Daher sollen die Schüler offen, respektvoll, neugierig und positiv an die neue Kultur herangehen und sich interessiert am neuen Leben zeigen. Der Spracherwerb und der Schulbesuch stehen im Mittelpunkt des Austauschs. Die Gastfamilie nimmt den Austauschschüler als vollwertiges Familienmitglied auf, nicht als Gast! Die Austauschschüler werden wie das eigene Kind vollkommen ins Familienleben miteinbezogen. Die Familie unterstützt die Schüler auf ihrem Weg der Integration. Sie sprechen viel über die jeweiligen Länder, um Fettnäpfchen zu vermeiden, auf Unterschiede hinzuweisen und Werte und Ansichten zu vermitteln. Sie sprechen Deutsch zusammen, um beim Deutschlernen zu helfen.
Gibt es seitens des Rotary Clubs neben den Gastfamilien auch weitere Erwachsene, die die Inbounds betreuen?
Der sogenannte Counselor dient als Vertrauter, Unterstützer und Vermittler seitens des Rotary Clubs. Wenn zum Beispiel Probleme mit der Familie oder der Schule auftreten, steht er dem Austauschschüler zur Seite, hilft mit Rat und Tat und vermittelt zwischen den Parteien. Er begleitet den Schüler während der Dauer seines Austauschs und achtet auch darauf, dass die sogenannten 5Ds (Verbote bezüglich Alkohol, Drogen, Autofahren et cetera) eingehalten werden. Weiter gibt es den Jugenddienstleiter YEO, der für die Umsetzung des Austauschs im Rotary Club zuständig ist. Er betreut sowohl die Schüler, die ins Ausland gehen, als auch die, die nach Deutschland kommen. Er ist auch für die Gastfamilien zuständig und hat eher eine Art organisatorische Rolle inne.
Zur Person: Nina Böcke
ist 45 Jahre alt, Mutter von drei Kindern (13, 16, 19), diplomierte Übersetzerin für Japanisch. Aktuell baut sie den Onlineshop griff-shop.com für Möbel- und Haustürgriffe auf. Im Jahr 1997/98 hat sie mit Rotary ein Schüleraustauschjahr in Kanada verbracht.
Was ist für Sie das Besondere am Rotary-Jugendaustausch im Vergleich zu anderen Programmen?
Der Rotary-Austausch ist nicht kommerziell. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Geld andere Programme für einen Austausch verlangen. Und wenn man Pech hat, kommt man in eine Familie, die damit Geld verdient und sogar mehrere Schüler aufnimmt und kein Interesse am Austausch und an der Vermittlung von Werten hat.
Der Rotary-Austausch beruht auf der Idee: Ein Bett wird leer, ein Bett wird belegt. Man stellt Unterkunft und Verpflegung et cetera für einen Austauschschüler, der zu einem kommt, und im Gegenzug nimmt irgendwo auf der Welt eine andere Familie, deren Kind im gleichen Zeitraum einen Rotary-Austausch macht, das eigene Kind auf. So entsteht ein Gleichgewicht, und es kommen keine horrenden Kosten auf einen zu. Man bezahlt als Eltern nur den Flug des eigenen Kindes ins Gastland, die Auslandsreiseversicherung und eine geringe Bearbeitungsgebühr. Denn der Rotary-Austausch ist rein ehrenamtlich und dient zur Völkerverständigung und nicht zum Profitmachen. So bekommen weder der YEO oder der Counselor noch die Rotexer (ehemalige Austauschschüler), die die Kultur-Wochenenden oder Reisen organisieren, Geld. Ihre einzige Motivation ist es, Werte und Kultur-aspekte zu vermitteln, damit die Welt toleranter wird und durch gegenseitiges Verständnis Frieden gefunden wird.
Was würden Sie Familien raten, die überlegen, selbst Gasteltern zu werden undihre Kinder zum Austausch anzumelden?
Macht es! Es gibt keine bessere Möglichkeit, in ein fremdes Land zu gehen. Das kann ich aus Erfahrung sagen. Dadurch, dass man dort zur Schule geht und mit einer heimischen Familie lebt, ist man hautnah dabei. Der Austauschschüler lernt die Sprache und kann ganz tief in die Kultur eintauchen. Er ist kein Tourist, der von außen zuschaut, sondern nimmt aktiv teil!
Die Fragen stellte Irmgard Wilms-Haverkamp (RC Herford-Hanse)
Wissenswert I: 37 Outbounds + Inbounds seit Clubgründung
Der RC Herford-Hanse wurde im Jahr 2007 gegründet. Er hat sich direkt dem Jugenddienst verschrieben und bereits im Gründungsjahr zwei Austauschschüler entsandt.Seither hat der Club insgesamt 37 Inbounds empfangen und 37 Outbounds in die Welt geschickt.
Rotarische Gasteltern – Engagement, das verbindet
Das Leben in einer Gastfamilie während eines Schüleraustauschs bietet Schülern die Chance, tief in die Kultur des Gastlandes einzutauchen und authentische Einblicke in den Alltag der Menschen zu gewinnen. Die Gastfamilie ist damit neben der Schule der zentrale Ort der Kulturerfahrung. Die Aufnahme eines Schülers bietet aber auch für die Gastfamilie die Möglichkeit, mit dem kulturellen Hintergrund des Gastschülers in Berührung zu kommen, was von vielen ehemaligen Gasteltern als außergewöhnliche Bereicherung empfunden wird.
Diese Chance als Gasteltern erhalten bei Rotary in erster Linie die Eltern der Schüler, die in den Austausch gehen. Ein Automatismus ist das nicht. Denn der örtliche Rotary Club prüft, ob die potenziellen Gasteltern bereit und in der Lage sind, ihrem Gastkind die angesprochene Kulturerfahrung zu bieten. Die Gasteltern müssen ihr Gastkind unentgeltlich beherbergen, wie ihr eigenes Kind. Darüber hinaus müssen auch weitere Rahmenbedingungen stimmen. So muss nach Möglichkeit ein eigenes Zimmer zur Verfügung stehen; zudem müssen die Gasteltern Referenzen benennen, die bestätigen, dass keine Bedenken hinsichtlich ihrer persönlichen Eignung bestehen. Außerdem müssen Gasteltern und alle im Haushalt lebenden Erwachsenen ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen.
Auch Familien, die selbst keinen Schüler entsenden, können unter bestimmten Voraussetzungen Gastfamilie werden. Voraussetzung ist der Kontakt zum örtlichen Rotary Club, der prüfen kann, ob Bedarf besteht und die Rahmenbedingungen erfüllt sind.Gasteltern werden in ausführlichen Schulungen auf ihre Aufgabe vorbereitet. Auch während der Gastelternschaft stehen Ansprechpartner jederzeit unterstützend zur Seite.
Gasteltern werden in ausführlichen Schulungen auf ihre Aufgabe vorbereitet. Auch während der Gastelternschaft stehen Ansprechpartner jederzeit unterstützend zur Seite.
Stefan Karnop, 1. Vorsitzender Rotary Jugenddienst Deutschland e. V. (RJD)
Wissenswert II: Bewerbungsfristen
Für den Jahresaustausch ist der Bewerbungsschluss regelmäßig am 31.12. des Jahres für das folgende Schuljahr, für den Ferienaustausch und für Camps bis Ostern für die folgenden Sommerferien. Abweichungen gibt es jeweils in einzelnen Distrikten.
Interessenbekundung über






















