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von Claus Peter Müller v.d. Grün |
| Lesezeit: 10 Minuten

Gefahr im Netz!

Gefahr im Netz!
Unter diesem Titel lädt der RC Hanau am 25. April zu einer Tagung ein. Wir sprachen mit Eva Bollandt-Ditzen, einer Mitinitiatorin des Kongresses, über die Gefahren digitaler Medien für Kinder und Jugendliche.

Liebe Eva Bollandt-Ditzen, rechtzeitig zum Interview sind Sie gerade aus der Schule gekommen. Sind Sie Lehrerin?

Ja, ich unterrichte Englisch und Französisch seit mehr als 20 Jahren, seit Sommer 2024 an einem staatlichen Gymnasium in Mülheim am Main. Es ist eine mittelgroße Schule in einer eher ländlich geprägten Gegend mit einer insgesamt sehr angenehmen Lernatmosphäre. Es ist ein im positiven Sinne buntes Gymnasium mit einer gut durchmischten Schülerschaft.  

Erweist sich im Schulalltag mit Kindern und Jugendlichen Social Media tatsächlich als Gefahr für die Jugend im Netz?

Ja, leider ist es im Schulalltag in mehreren Hinsichten ein Problem. Zum einen gibt es hin und wieder Fälle von Cyber-Mobbing, Fotos werden herumgeschickt, die für den Einzelnen peinlich sind; Gerüchte kursieren in Chat-Gruppen, schaffen Unruhe in Lerngruppen oder auch in der Elternschaft. Das Smartphone-Verbot wird umgangen, oder der Versuch wird unternommen, es zu umgehen. Die Smartphones schlummern in den Hosentaschen der Schüler, obwohl sie eigentlich nicht sichtbar im Ranzen verstaut werden sollen. In den Pausen versteckt man sich auf den Toiletten, um das Smartphone zu checken. Wenn die Lehrkraft vorbeischaut, gibt es Diskussionen, weil Schüler ihr Smartphone nicht abgeben wollen. Es scheint, als ob es für Schüler schwierig wäre, einen Vormittag ohne Smartphone durchzustehen. Unsere Schulsozialarbeiterin ist ständig im Einsatz, weil sie sich um Problemfälle und Auffälligkeiten kümmern muss. Ohne Schulsozialarbeiterin kommt heute eigentlich keine Schule mehr aus, das war in früheren Zeiten nicht so. Natürlich haben nicht alle Probleme direkt mit Smartphones und Social Media zu tun, aber viele, zumal sich der heutige Alltag der Schüler sehr stark um soziale Medien dreht, alles ist miteinander verzahnt, und wo kleine Probleme sind, drohen sie durch exzessiven Medienkonsum deutlich verstärkt zu werden. 

Welches sind denn typische Probleme, die durch Social Media verstärkt werden?

Ein Problem sehe ich in den oftmals nicht altersgerechten Inhalten. Was Schülern früher verborgen blieb, was auch gut so war, ist für sie heute dauerpräsent und mit einem Klick greifbar. Ich denke hier zum Beispiel an Epstein oder Pornographie. Nicht altersgerechte Inhalte verstören und machen etwas mit Kindern, die damit umgehen oder derartige Inhalte unfreiwillig zugespielt bekommen. Unterrichtszeit wird zudem oft mit Zocken oder Social Media verbracht. Wir als Lehrer wissen oftmals nicht, was die Schüler mit ihrem iPad wirklich machen - allein die Frage im Kopf stört den Unterricht, ganz zu schweigen von dem Schüler, der mit seinen Gedanken ganz woanders ist und den Lernstoff nicht aufnimmt. Leider sind wir nicht an jeder Schule so weit, dass die Schüler mit schuleigenen Geräten ausgestattet sind und wir als Lehrkraft auf unserem iPad sehen können, was die einzelnen Schüler gerade mit ihrem iPad machen. 

Macht Social Media dumm?

So einfach ist es nicht. Aber ein Problem ist mangelnder Tiefgang. Apps wie Tiktok oder Instagram halte ich für besonders problematisch, es wird rauf und runter gescrollt und manchmal nur Bruchteile von Sekunden bei Inhalten verweilt, das Gehirn gewöhnt sich an diese Flut von Kurzeindrücken und sucht sie nach einiger Zeit auch nur noch; Belohnungssysteme werden mit kurzen Klicks und Blicken auf den Bildschirm bedient, im Vergleich kann Unterricht nur langweilig sein. Konzentrationsprobleme treten auf, Aufmerksamkeitsspannen sind seit Beginn meiner Berufstätigkeit als Lehrerin insgesamt deutlich kürzer geworden. Auch die Merkfähigkeit hat in den letzten Jahren nach meinem Dafürhalten gelitten, was im Fremdsprachenunterricht problematisch ist - mehrmals behandelt, bedeutet noch lange nicht, dass der Lerninhalt oder die Vokabel auch im Kopf ist. Meines Erachtens fallen auch Transferaufgaben heute schwerer, Gelerntes in einem neuen Kontext anzuwenden, ist für mehr Schüler als früher schwer. Mir fällt auch auf, dass Schüler heutzutage tendenziell weniger kritisch sind. Sie hinterfragen weniger, geben sich mit Halbwissen zufrieden. Man muss natürlich vorsichtig sein mit pauschalen Aussagen. Nach wie vor gibt es hervorragende Schüler, die uns beeindrucken, vielleicht kann man sagen, dass sie heute etwas mehr herausragen.

Haben die Schüler etwa Angst, mit einer Nachfrage ihr Unwissen zu dokumentieren, was die anderen dann via Social Media hart sanktionieren?

Dafür, dass die Schüler im Unterricht keine Angst haben, Fragen zu stellen, kann man als Lehrkraft sorgen und eine angenehme Lernatmosphäre schaffen. Was hinter den Kulissen passiert, weiß man natürlich nie, aber ich denke, eher als die Angst ist es auf Schülerseite die schnelle Hinwendung zu einem anderen Thema, die dafür sorgt, dass man etwas Unfertiges stehenlässt und es Schüler nicht tangiert, ob etwas sorgfältig abgeschlossen ist oder nicht. Es werden generell auch weniger Rückfragen gestellt, warum etwas so ist. Auch Zusammenhänge interessieren weniger.

Welche Mechanismen von Social Media erweisen sich als gefährlich und warum?

Soziale Medien haben definitiv Suchtpotential für Menschen, und besonders für Heranwachsende. Ihr Stirnhirn, das für vernünftige Entscheidungen verantwortlich ist, befindet sich noch im Reifungsprozess, und ist somit sehr verletzlich. Kinder können sich naturgemäß noch nicht so gut selbst kontrollieren. Je nach dem, was man Kindern in ihrem Alltag vorsetzt oder anbietet, kann sich ihr Gehirn tatsächlich in die eine oder andere Richtung entwickeln; ein im Reifungsprozess befindliches Gehirn ist anfällig, und wenn man möchte, dass es sich bestmöglich entwickelt, sollte man es nicht länger als nötig nur zweidimensionalen Bildschirmen aussetzen. Was mich immer wieder beeindruckt, ist auch der Zusammenhang zwischen Bewegung und Hirnentwicklung bei Heranwachsenden. Wenn die Allgemeinheit mehr darüber wüsste, würden viele Eltern ihre Kinder wohl kaum stundenlang den Bildschirmen aussetzen. Es ist doch dramatisch, wenn sich das Gehirn eines jungen Menschen anders oder schlechter entwickelt, als es der Fall sein könnte, weil es einen großen Teil der Freizeit vor dem Bildschirm sitzt. Wenn ich höre, wie viel Zeit junge Menschen, zum Beispiel am Wochenende, vor Bildschirmen verbringen, macht mich das jedes Mal sehr traurig. Hinzu kommen auch soziale Kompetenzen, die man vor dem Bildschirm nicht so lernen kann wie im realen Leben. Die Folge sind oft Angstzustände, Jugendliche trauen sich nichts mehr zu, gehen noch weniger raus - ein Teufelskreis.  

Pointiert nachgefragt: Ist Social Media für junge Menschen mit Blick auf deren gesamte Zukunft geradezu lebensgefährlich?

Ja, wenn man bedenkt, welche „Entwicklungsaufgaben“ junge Menschen in den jeweiligen Stufen des Heranwachsen haben, sei es im Bereich Motorik oder Kognition, die ganz einfach nicht erledigt werden, weil Kinder vor dem Bildschirm hängen, kann man sich vorstellen, dass es gravierende Auswirkungen auf deren Zukunft hat, angefangen, bei den veränderten Gehirnstrukturen, die sich über die Zeit einschleifen und kaum mehr zu verändern sind, ganz zu schweigen von dem Problem Kurzsichtigkeit, das immer sichtbarer wird. Fraglich ist oftmals auch die Orientierung, die soziale Medien jungen Menschen anbieten. Der Fokus auf Äußerlichkeiten und schöne Bilder erweckt den Eindruck, dass es das ist, was im Leben zählt. Viele Inhalte im Netz sind „leer“, stellen keine substanziellen Horizonterweiterungen dar und bieten kein tragfähiges mentales Gerüst für junge Menschen.

Kommt also das Verbot von Social Media, das zumindest CDU und SPD fordern, genau recht?

Ja, das finde ich schon, aber es kommt reichlich spät. Die Folgen exzessiven Medienkonsums sind seit mehr als 20 Jahren bekannt, und man muss nur mit Hirnforschern, Kinderärzten und Sozialpädagogen sprechen, um zu hören, wo die Probleme liegen. Die Expertenkommission von Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hätte früher tagen sollen. Die Situation ist bereits alarmierend, es dauert alles zu lange. Die Expertenkommission stellt ihre Ergebnisse erst im Sommer vor - wertvolle Zeit im Leben junger Menschen ist bis dahin wieder vor dem Bildschirm verstrichen. Das Argument, dass ein Verbot von Social Media bis 14 nicht genüge, ist kein Grund, damit nicht mal anzufangen. 

Okay, vor dem Rauchen sollen Kinder und Jugendliche durch ein Verbot, aber auch durch Aufklärung bewahrt werden.  Wer trägt denn welchen Teil der Verantwortung für den richtigen Umgang mit Social Media, wenn wir an den Staat und die Schulen, aber auch an die Eltern und an die Jugendlichen selbst denken? 

Auf keinen Fall die Heranwachsenden, denn sie können sich naturgemäß noch nicht selbst kontrollieren. Nicht umsonst bedienen sich Tech-Konzerne raffinierter Methoden, um Jugendliche vor dem Bildschirm zu halten, ganz einfach weil sie wissen, wie anfällig ein junges Gehirn dafür ist. Die größte Verantwortung liegt für mich ganz klar bei den Eltern. Sie haben es in der Hand, wann sie ihrem Kind ein Smartphone aushändigen. Wenn sie dies nicht vor Vollendung des 14. Lebensjahres tun, ist schon viel gewonnen. Die Aufgabe der Schulen sehe ich darin, Oberstufenschüler in Kooperation mit Medienpsychologen und Medienpädagogen in Medienkompetenz zu schulen. Leider gehen viele davon aus, dass Medienkompetenz bedeutet, dass Kinder früh mit Medien beginnen müssen, um gut mit Medien umgehen zu können - ein fataler Irrglaube. Zuerst muss ein moralisches, soziales Fundament her. Wenn die Vermittlung von Medienkompetenz in staatliche Hände gelegt wird, fühlen sich die Eltern entlastet. Das hat man gesehen, als in Hessen das Smartphoneverbot an Schulen eingeführt wurde, das war eine Erleichterung für viele Eltern, die sich in Diskussionen mit ihren Kindern zu diesem Thema oftmals alleine gelassen fühlen und schließlich mit der Masse schwimmen und ihren Kindern auch ein Smartphone aushändigen, vielfach aus Angst, dass das Kind sonst zum Außenseiter wird.

Wer klärt über die Gefahren und den richtigen Umgang mit Social Media auf?

Zum einen Experten und Hirnforscher in Kooperation mit den Schulen. Zum anderen kommt auch Service-Clubs wie Rotary eine wichtige Funktion zu. Sie können auch hier eine wichtige Rolle als Vermittler, Botschafter und Brückenbauer einnehmen und finanziell unterstützen, zum Beispiel wo das Geld fehlt, um Medienpädagogen und wissenschaftliche Beratungsteams an die Schulen zu holen oder um, wie in unserem Fall in Hanau, einen Medientag mit Experten zu organisieren. Er findet am 25. April im Congresszentrum statt und steht allen offen. Das Thema muss interessieren, wenn uns Kinder am Herzen liegen. Eine wichtige Bedeutung kommt auch Buchläden und anderen kulturellen Einrichtungen zu, die ein ansprechendes Angebot an Kinder- und Jugendliteratur und Veranstaltung bereithalten sollten, um attraktive Alternativangebote zu bieten, zum Beispiel auch in Kooperation mit der Stiftung Lesen. Aufklärung tut dringend Not, wir müssen dahin kommen, dass Eltern die Geräte später und nicht schon mit dem Übergang in die weiterführende Schule oder früher an ihre Kinder aushändigen, dafür setze ich mich mit Überzeugung ein. Der Fokus muss zunächst auf sozialen Kompetenzen, dem Lesen, Schreiben und Rechnen liegen.

Wie wird die Teilnahme am Kongress das Denken über den Umgang mit den Risiken, die von Social Media für Kinder und Jugendliche ausgehen, verändern?

Ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, mit diesen ausgewiesenen Medienexperten ins Gespräch zu kommen und zu hören, was sie uns zu sagen haben. Die Experten, die wir eingeladen haben, wissen, wovon sie sprechen, und ihnen sollten wir vertrauen: Prof. Spies aus Hamburg von der Hochschule Fresenius, Tabea und Eberhard Freitag, die sich mit ihrer Einrichtung „Return“ der Medienerziehung und Suchtberatung verschrieben haben, sowie Frau Uffelmann-Kreis und Jan Henninger vom Polizeipräsidium Südosthessen. In Bezug auf dieses heikle Thema brauchen wir seriöse Fachleute, die uns einen Weg aufzeigen, der für unsere Kinder der beste ist in einer stark medial geprägten Welt. Es ist außerdem sicher reizvoll, in diesem inspirierenden Rahmen seine Fragen loswerden zu können und über die Auswirkungen exzessiven Konsums mehr zu wissen. 

Vielen Dank für das Gespräch, viel Erfolg mit dem Kongress und eine letzte Frage: Kann man Sie eigentlich auch als Rednerin einladen oder zu einem online-Vortrag buchen?

Ja, sehr gut erreicht man mich über meinen Buchladen (Bücherstube Keese mit Sprachsalon) in Rodenbach bei Hanau unter keesebuch@aol.com oder telefonisch unter 0174-3430970. Ich danke auch für das Gespräch.

Die Fragen stellte Claus Peter Müller v.d. Grün

Claus Peter Müller v.d. Grün

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