Von der Kraft des Vertrauens

Vertrauen scheint aktuell außer Mode zu sein. Kaum jemand vertraut darauf, dass es in absehbarer Zeit wirtschaftlich wieder bergauf geht. Zu groß ist die Sorge vor weiterer Stagnation und Deindustrialisierung. Politisch leiden viele ehemals stabile Bündnisse unter erheblichen Vertrauensverlusten, die sogar als offenes Misstrauen bezeichnet werden könnten. Wie kann man angesichts dieser Umstände von der Kraft des Vertrauens sprechen? Ein Plädoyer für die Bedeutung von Vertrauen
Was würden Sie wohl auf folgende Frage antworten? „Im Allgemeinen gesprochen: Würden Sie sagen, dass man den meisten Leuten vertrauen kann oder dass man gar nicht vorsichtig genug im Umgang mit anderen Leuten sein kann?“ Diese Frage stammt aus dem sogenannten World-Value-Survey und versucht, das allgemeine Vertrauensniveau in verschiedenen Staaten der Welt zu messen. Die Frage ist allgemein gehalten, weil man im täglichen Leben mit sehr vielen Menschen zu tun hat, die man nicht näher kennt, weshalb man keine Erfahrungswerte für deren Vertrauenswürdigkeit hat. Wenn man beispielsweise im Internet etwas einkauft, kennt man den Verkäufer in der Regel nicht (und die Kundenbewertungen sind häufig nur ein unzureichender Ersatz für persönliche Erfahrungen). Bei der Zusammenarbeit mit neuen Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit fehlt häufig das Wissen darüber, ob man sich auf diese Menschen verlassen, ob man ihnen trauen kann.
Darum spielt es eine Rolle, wie man solchen Menschen begegnet, über die man nicht viel weiß. Wenn man vorsichtig und misstrauisch ist und sich nicht auf sie einlässt, dann kann man zwar gröbere Verluste und schlechte Erfahrungen vermeiden, aber man vergibt auch große Chancen, weil man das Potenzial für Zusammenarbeit brachliegen lässt. Ist man allzu vertrauensselig, dann kann man von anderen ausgenützt und enttäuscht werden. Es ist also eine heikle Balance. Darum sind die Antworten auf die eingangs gestellte Frage alleine schon aus deskriptiver Sicht interessant. In der letzten Welle des World-Value-Survey von 2017 bis 2022 nahmen ungefähr 100 Länder teil, in denen jeweils repräsentative Stichproben der Bevölkerung zu den verschiedensten Themen befragt wurden, unter anderem über ihr allgemeines Vertrauen in ihre Mitmenschen.
Die Daten zeigen erstaunliche Unterschiede im internationalen Vergleich. In Dänemark als Spitzenreiter gaben 74 Prozent aller Befragten an, dass man den meisten anderen Menschen vertrauen kann. Der deutschsprachige Raum schnitt ebenfalls weit überdurchschnittlich ab, mit 59 Prozent in der Schweiz, 50 Prozent in Österreich und 42 Prozent in Deutschland. China mit 63 Prozent und die USA mit 37Prozent waren ebenfalls relativ weit vorne. 50 Länder hatten Werte von 20 Prozentoder höher, während der Rest unter 20 Prozent blieb. Wir leben im deutschsprachigen Raum also in einer Gegend, wo die meisten Menschen gegenüber anderen ein bemerkenswert großes Vertrauen haben. Warum ist das wirtschaftlich bedeutsam, abgesehen davon, dass es das Zusammenleben angenehmer macht, wenn man anderen Menschen mit einer positiven Grundhaltung begegnet?
Vertrauen ist ein weicher, aber sehr wichtiger Produktionsfaktor, der Wachstum und damit Wohlstand fördert, wie schon erste Forschungsarbeiten in den späten 1990er Jahren zeigten. Dort zeigte sich ein positiver Zusammenhang zwischen dem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum eines Staates und der Häufigkeit, mit der in einem bestimmten Staat die Menschen im World-Value-Survey der Aussage zustimmten, dass man im Allgemeinen den meisten Menschen vertrauen kann. Dieses Ergebnis blieb auch erhalten, wenn man eine ganze Reihe von anderen wichtigen Variablen berücksichtigte (wie den Ausbildungsstand oder die Inflationsrate).
Warum aber sollte das Vertrauen in andere Menschen wichtig für Wachstum und Wohlstand sein? Ein paar alltägliche Situationen können veranschaulichen, warum das der Fall ist. Ein Onkel von mir hatte ein mittelständisches Unternehmen. Auf Wanderungen erzählte er mir manchmal von Geschäftspartnern, denen er Handschlagqualität attestierte. Beim Abschluss eines Geschäfts mit diesen Partnern würde er sich auf deren Wort beziehungsweise Handschlag verlassen und darauf vertrauen, dass der andere seinen Teil der Abmachung einhalten würde. Und er sei damit (fast) immer gut gefahren, weil ihm diese Vorgehensweise eine Menge an Verhandlungsrunden und juristischem Papierkram ersparte. Die Transaktionskosten – in volkswirtschaftlicher Sprache – waren also sehr gering und die Geschäftsabschlüsse sehr effizient.
Vertrauen spielt grundsätzlich eine entscheidende Rolle bei allen Verträgen, die Ökonomen als „unvollständige Verträge“ bezeichnen. Darunter versteht man den Umstand, dass in Verträgen – etwa einem Anstellungsvertrag – normalerweise die wichtigsten Punkte – zum Beispiel in welcher Funktion und für welchen Gehalt man arbeitet –, aber selten die Details geregelt sind. Beispielsweise wird in akademischenArbeitsverträgen nicht spezifiziert, wie man seine Forschung durchführen, wieviel Arbeit man in einzelne Projekte stecken oder wie man seine Forschungsgruppe führen soll. Diese Details machen aber in der Regel den Unterschied dafür aus, ob jemand seine Arbeit sehr gut oder eher mittelmäßig verrichtet, und das gilt in praktisch allen Berufen. Beispielsweise sind auch Management-Aufgaben beim Führen einer Abteilung nur schwer beziehungsweise gar nicht in Arbeitsverträgen regelbar, weil die Aufgaben zu komplex sind. Dass das Arbeitsverhältnis aber nicht auf Punkt und Komma reglementiert wird, stellt auf der einen Seite einen Vertrauensvorschuss dar, dass die betreffende Person ihre Aufgaben richtig machen wird, und auf der anderen Seite erhöht ein größerer Handlungsspielraum durch weniger Reglementierung die Arbeitsmotivation.
Die meisten Menschen sind bemüht, einen Vertrauensvorschuss zurückzuzahlen. Das erst gibt dem initialen Vertrauen so große Kraft. Zahlreiche verhaltensökonomische Studien haben gezeigt, dass mit der Höhe des Vertrauens auch die Vertrauenswürdigkeit steigt. Darum ist die Frage aus dem World-Value-Survey so bedeutsam: Wenn in einer Gesellschaft die meisten Menschen den anderen vertrauen, dann löst dieser Vertrauensvorschuss häufig ein wechselseitig kooperatives Verhalten aus. Davon können alle Beteiligten profitieren. Gemeinsam mit Martin Kocher habe ich vor einigen Jahren zeigen können, dass das Vertrauen – zumindest in einfachen ökonomischen Experimenten – im Kindes- und Jugendalter systematisch ansteigt. Gleiches gilt für die Vertrauenswürdigkeit. Vertrauen wächst also mit dem Lebensalter, vermutlich aufgrund der meist guten Erfahrungen, erreicht mit Beginn des Erwachsenenalters seinen Höhepunkt und bleibt dann sehr lange relativ konstant. Alle volkswirtschaftlichen Studien zeigen, dass das eine gute Nachricht ist, weil ein hohes Maß an Vertrauen nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich, sondern auch für unseren Wohlstand wichtig ist.
Aufgrund all dieser Zusammenhänge ist es eine bedenkliche Entwicklung für unsere Gesellschaft, wenn das Vertrauen in Mitmenschen, aber auch in Politiker oder internationale Organisationen erodiert. Aus der verhaltensökonomischen Forschung ist klar, dass Vertrauensverluste immer dann zu erwarten sind, wenn Vertrauen missbraucht wird, indem beispielsweise Versprechen gebrochen werden oder – noch schlimmer – man sich nicht einmal mehr an sie erinnert. So verspielen Führungskräfte, ob in Wirtschaft oder Politik, in kürzester Zeit das in sie gesetzteVertrauen.

Zur Person: Matthias Sutter ist Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik in Bonn und Professor für Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Köln und Innsbruck. Am 26. Februar ist sein neues Buch (gemeinsam mit Martin Kocher) „Gemeinsam stark. Kooperation und Vertrauen: Der Schlüssel zum Erfolg in Wirtschaft, Politik und Arbeitsleben“ bei Ecowing erschienen, 240 Seiten, 26 Euro.



















