Geld: Looman!Forum

Hände weg von Vergleichen!

von Volker Looman | 
 |  Lesezeit: 5 Minuten

Geld: Looman! Volker Looman macht keine halben Sachen. Der langjährige FAZ-Autor spricht Missstände klar an und rechnet vor, wie es besser geht – in der einzigen Finanzkolumne für Best Ager. Nur hier im Rotary Magazin

Sie wissen ja, wer ich bin und was ich so treibe. Ich bin Finanzanalytiker von Beruf, rede mit Leuten über Geld und schreibe diese Kolumne. Was Sie aber nicht wissen, ist die Tatsache, dass es in diesen Gesprächen oft gar nicht um Geld, sondern eher um die Lösung alltäglicher „Probleme“ geht. So war es auch vor Wochen, als mich ein „mittelalterlicher“ Mann besucht hat. Der Gentleman ist 55 Jahre alt, verdient 200.000 Euro im Jahr und besitzt Wertpapiere im Wert von anderthalb Millionen Euro. Das ist doch nicht übel – oder wie beurteilen Sie diese Zahlen?

Der Mittfünfziger wollte von mir wissen, wie er sein Depot „rentabler“ gestalten könne. Mir war aber nach einer Viertelstunde klar, dass dieser Wunsch gar nicht das brennende Problem des Besuchers war. Hier ging es in die (Un-)Tiefen der menschlichen Seele. Der Mann lebt in einer verkorksten Beziehung. Er ist von Kollegen umgeben, die einen Hauch mehr verdienen. Und er bewegt sich in Kreisen, in denen Depots dieser Größenordnung mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen werden. Das sind „schwierige“ Verhältnisse, wenn ich das so ausdrücken darf, doch der Mann glaubt felsenfest, dass sein Leben besser werden wird, sobald er „richtig“ verdienen und dreifacher Millionär sein wird. Puh – das war ein bisschen viel auf einmal! Bitte verstehen Sie mich nicht falsch! Ich habe die Sorgen und Nöte des Mannes nicht vom Tisch gefegt, doch ich möchte Ihnen, falls es Ihnen ähnlich geht, in aller Deutlichkeit sagen, dass Vergleiche und Urteile die besten Voraussetzungen für seelische Krankheiten sind – vor allem dann, wenn es ums liebe Geld geht.

Wenn die üblichen Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken,Wohnen und Sex gestillt sind, führt zusätzlicher Wohlstand nicht zu mehr Glück

 

Bestimmt kennen Sie den Begriff des abnehmenden Grenznutzens. Wenn Sie zum Beispiel bei 40 Grad acht Stunden auf der Autobahn im Stau gestanden haben, weil sich vor Ihnen ein schwerer Unfall ereignet hatte, dann werden Sie an der nächsten Raststätte für das erste Wasser bestimmt zehn Euro bezahlen. Für die nächste Flasche werden es noch fünf Euro sein, und beim dritten Liter werden Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ungnädig werden, wenn der Wirt von Ihnen mehr als 2,50 Euro haben will, ganz zu schweigen von dem Euro, den Sie für die fachgerechte Entsorgung der Notdurft entrichten sollen. Nicht anders ist es beim Geld.

Falls Sie in prekären Verhältnissen leben, wird Geld die überragende Rolle spielen, ähnlich wie das Wasser des durstigen Automobilisten. Nun wird es spannend. Ab welchem Jahreseinkommen wird ein zusätzlicher Euro keinerlei Einfluss mehr auf Ihr subjektives Glücksgefühl haben? Was meinen Sie? Bei einem Jahresverdienst von 50.000 Euro zählt jeder zusätzliche Euro, wie Verhaltensforscher wissen. Das sieht bei 100.000 Euro pro Jahr schon anders aus, hier spielt zusätzliches Geld eine untergeordnete Rolle. Jenseits von 150.000 Euro pro Jahr löst sich der Nutzen weiterer Einkünfte aber in Luft auf, und er wird null und nichtig bleiben, selbst wenn Sie eine Viertelmillion pro Jahr verdienen.

Zur Person: Volker Looman

Jahrgang 1955, ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Berlin. Er hat 35 Jahre für die FAZ gearbeitet. Nun schildert er im Rotary Magazin jeden Monat, wie der (Un-)Ruhestand vermögender Pensionäre und Rentner in finanzieller Hinsicht einfach, rentabel und sicher gestaltet werden kann.

volkerlooman.de

Ich möchte Ihnen jetzt nicht ausreden, jährlich 500.000 Euro zu verdienen, doch bedenken Sie die Folgen. Die eine Hälfte geht an den Fiskus, der damit Sachen macht, die Ihnen überhaupt nicht passen, und die andere Hälfte landet bei Ihrer lieben Familie, die es als Selbstverständlichkeit betrachtet, dass Sie sich so ins Zeug legen. Glauben Sie wirklich, dass Sie mit 300.000 Euro glücklicher sein werden als mit Ihren heutigen 200.000 Euro? Bitte bedenken Sie, dass Sie weiterhin Tag für Tag aufstehen und zu Rasierer und Zahnbürste greifen müssen. Der Kaffee zum Frühstück wird Ihnen nicht besser schmecken als heute. Sie werden auch im größeren Auto im Stau stehen, wenn’s zur Arbeit geht. Sie werden sich in fragwürdigen Meetings zu Tode langweilen. Abends werden Sie genervt und müde nach Hause kommen, und Sie werden sich, wenn es dumm läuft, mit Ihrem lieben Partner wegen irgendwelcher Nichtigkeiten mächtig in die Wolle bekommen. Kurzum: Das zusätzliche Geld wird Sie nicht glücklich(er) machen. Wenn die üblichen Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Wohnen und Sex gestillt sind, führt zusätzlicher Wohlstand nicht zu mehr Glück.

Warum streben wir Menschen trotzdem nach mehr Geld?

Nun ja, die Antwort ist einfach, doch meine Replik wird Sie nicht befriedigen. Reichtum ist keine absolute, sondern eine relative Größe. Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen Gruppen, in denen wir uns zu Hau­se fühlen, doch es ist dämlich, uns in dieser Umgebung mit Mitmenschen zu vergleichen. Darf ich eine Schippe drauflegen? Sie haben auf einem schönen Grundstück ein tolles Haus gebaut. Alles ist vom Feinsten, und Sie sind stolz wie Bolle, wie man in Berlin sagt. Nun will es das Schicksal, dass in zwei Jahren irgendein Schnösel in der Nachbarschaft eine Villa hinstellt, die Ihr Haus wie eine Hundehütte mit Vorlegeteppich aussehen lässt. Da wäre es in meinen Augen ein Wunder, falls Sie entspannt bleiben, und es wäre nach meinem Empfinden kein Wunder, wenn Ihr hoher Blutdruck weiter steigen und Ihre mäßige Lebensfreude weiter sinken würde, obwohl Sie nach wie vor in einem tollen Haus wohnen.

Die Welt ist ungerecht und wird auch in Zukunft nicht gerechter werden, selbst wenn sich die Gutmenschen darum bemühen. Der materielle Erfolg ist, dem Himmel sei’s geklagt, in den meisten Fällen purer Zufall. Mir ist bewusst, dass die „Wohlhabenden“ davon nichts hören wollen, weil sie sich für die Größten und Tüchtigsten auf dieser Welt halten. Nach meinem Emp­fin­den wären ein bisschen Demut und Stille, aber bitte nicht zur Schau gestellt, alles andere als von Übel. Sie können nämlich nichts dafür, in einem Land zu leben, in dem es seit 81 Jahren keinen Krieg mehr gegeben hat. Es ist nicht ihr persönliches Verdienst, mit Talenten ausgestattet worden zu sein, die andere nicht besitzen. Gesundheit und Krankheit sind Launen der Natur, gegen die auch Sie keine Chancen haben. Bei diesen Gegebenheiten und Perspektiven kann ich nur wiederholen, was Ihnen kluge Menschen seit Jahrtausenden predigen: Wahrer Erfolg ist innere Seelenruhe. Das hat nichts mit Duftlampen, Räucherstäbchen und Selbstver­senkung zu tun, sondern ist die Fähigkeit, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, wenn das „Schicksal“ in positivem wie negativem Sinne zuschlägt. Wollen Sie es, sofern nötig, einfach mal ausprobieren?

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