Sind die Mullahs auch für uns eine Gefahr?

Die Schlagzeilen über den Iran drehen sich meist um Krieg und wirtschaftliche Folgen. Doch während der Blick in die Ferne gerichtet ist, wird eine ganz andere Bedrohung übersehen: das Mullah-Regime mitten unter uns in Deutschland
Sie sind überall. Sie arbeiten hier, ziehen ihre Kinder groß – sie leben unter uns, hier in Deutschland, sogar mitten in Hamburg, wo ich lebe. In einem Land, das uns eigentlich Sicherheit bieten sollte. Das uns vor diesen Menschen schützen müsste – theoretisch. In der Realität sieht es aber ganz anders aus. Durch diese bittere Erkenntnis musste ich selbst gehen.
In dem Fitnessstudio, das sich im Herzen Hamburgs befindet und das ich schon seit Jahren besuche, traf es mich vergangene Woche wie vom Blitz: das Logo der Iranischen Revolutionsgarden, gleich zweimal vor mir. Auf weißen T-Shirts zierte es die Brust zweier Männer, die ich vom Sehen schon länger kannte und oft miteinander auf Persisch kommunizieren hörte. Mittelalt, groß, selbstbewusst, iranisch – und, wie ich nun mit Erschrecken feststellen musste, Mullah-Sympathisanten, wenn nicht sogar Konsorten der Islamischen Republik. Ich bin immer noch entsetzt, niemals hätte ich gedacht, dass solche Menschen in meinen „Safespace“ eindringen könnten.
Die gespaltene Diaspora
In ganz Deutschland leben rund 319.000 Menschen mit iranischem Migrationshintergrund, circa 12.000 davon leben in Hamburg, was eine der größten iranischen Gemeinden in Europa darstellt. Dass nicht alle von ihnen automatisch gegen das Regime sind, war mir schon immer bewusst. Die Sorge um mögliche Spione saugt man schon als Kind mit der Muttermilch auf: „Vertraue ja niemandem, erzähl bloß nicht zu viel, nichts Politisches, nichts darüber, warum wir nach Deutschland geflüchtet sind“, höre ich meine Mutter immer noch sagen, während ich, fassungslos auf der Yogamatte sitzend, diese Männer weiterhin beobachte. Wut steigt auf, wenn ich sehe, wie sie hier frei leben, ihren alltäglichen Dingen nachgehen – Dinge, für die man im Iran unterdrückt, gefoltert und hingerichtet wird. Natürlich schützt unser freies Land auch ihre Meinungsfreiheit. Was aber zutiefst stört, ist die enorme Dreistigkeit, hier offen das Logo eines Terrorregimes zur Schau zu stellen. Als ob nichts wäre, als ob es die Massaker nie gegeben hätte. „Dass sie sich nicht mal schämen”, muss ich immerzu denken. „Wie können IRGC-Anhänger hier mit einer solchen Selbstverständlichkeit leben? Wie können sie genau die Freiheit und Sicherheit genießen, die sie den Menschen im Iran täglich absprechen?”
Ich höre immer wieder Persisch, wenn ich in diesem Studio bin, und immer wieder sind es ganz unterschiedliche Menschen, die sich dahinter verbergen. Weil man sich nie sicher sein kann, auf welcher Seite sie stehen, beschloss ich schon zu Beginn, mich verdeckt zu halten, nicht aufzufallen, ja kein persisches Wort zu verlieren. Zwischenzeitlich überdachte ich meine Haltung. Vor allem, als uns die Bilder des Blutbads Anfang des Jahres erreichten – umso mehr, als der Krieg losging. Sollten wir nicht, gerade jetzt, wo der Schmerz unerträglicher als sonst ist, zusammenhalten? Füreinander da sein? Trost spenden? Das „Wir“ der Diaspora stärken, zusammen stark sein?
Diese Gedanken verflüchtigten sich allmählich von selbst, denn immer wieder kamen die Worte meiner Mutter in mein Gedächtnis. So sollte sie Recht behalten. Eigentlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis man auf regimetreue Iraner trifft. Erschreckend ist lediglich diese unverhohlene Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Haltung nach außen tragen.
Der verlängerte Arm Teherans in Hamburg
Speziell in Hamburg ist es tatsächlich gar nicht mal so unwahrscheinlich, auf solche Menschen zu treffen. Zum einen befindet sich hier das Generalkonsulat der Islamischen Republik – und damit auch Dutzende Angestellte des Regimes. Zum anderen steht direkt an der Außenalster die schiitische Imam-Ali-Moschee, besser bekannt als „Blaue Moschee“. Als Reaktion auf die Hinrichtung des deutsch-iranischen Staatsbürgers Djamshid Sharmahd ordnete die Bundesregierung im Oktober 2024 die Schließung des Konsulats an. Auch die Blaue Moschee wurde im selben Jahr vom Bundesinnenministerium geschlossen. Dieser Schritt folgte auf das Verbot ihres Betreibervereins, des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH), welches als verfassungsfeindlich eingestuft und aufgelöst wurde. Ein Verbot, das zu spät kam. Der iranischen Diaspora war die Moschee schon immer ein Dorn im Auge. Das zu laxe Vorgehen der Landes- und Bundesregierung wurde stets angeprangert, ins Lächerliche gezogen, gar belächelt. In unseren Kreisen ist sie seit Jahrzehnten berühmt-berüchtigt als Dreh- und Angelpunkt der Islamischen Republik in Deutschland, vor allem aber als Gefahr für Exil-Iraner. Dass die Bundesregierung vor zwei Jahren endlich den Schlussstrich zog und diese Vereinigung als das anerkannte, was sie war – den verlängerten Arm des iranischen Regimes –, war ein längst überfälliger Schritt. Aber immerhin: Besser spät als nie.
Keine Sicherheit für Oppositionelle
Es ist nur ein Exempel, das die tief verankerten Machtstrukturen der Mullahs hier in Deutschland offenlegt. Diese Strukturen sind da – mehr, als dem einen oder anderen lieb ist. Diese Sorgen und Ängste der Diaspora oder genauer gesagt der Opposition im Ausland sind keineswegs unbegründet. So wurde der iranischstämmige Künstler und leidenschaftliche Regimekritiker Fereydun Farrochsad 1992 im Exil in Bonn in seiner Wohnung ermordet aufgefunden. Der Fall bleibt bis heute ein Rätsel – aufgeklärt ist er noch nicht. Aber, so sind sich alle Exil-Iraner sicher, trägt der Mord die Handschrift des Regimes. Ein Jahr zuvor wurde der letzte Premierminister des persischen Kaiserreichs, Schapur Bachtiar, in seiner Villa im Pariser Exil brutal ermordet. Ein Mordfall, der von den französischen Gerichten aufgeklärt werden konnte: Der Auftrag kam demnach aus Teheran – ein Attentat auf die Freiheit, Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit. Das sind nur wenige von vielen Beispielen, die den Ernst der Lage verdeutlichen sollen: Oppositionelle genießen nirgends vollkommene Sicherheit.
Geopolitische Blindheit
Bedrohungen der Opposition im Ausland, Auftragsmorde, Spionage, Angriffe auf Infrastruktur, Politik und Gesellschaft – all das verbinden wir, hier im Westen, direkt mit Russland. Geprägt durch den Kalten Krieg, verfestigt durch das konstruierte Feindbild in der Popkultur. Filme wie James Bond machten den Russen als das Böse schlechthin salonfähig. Auch neuere Filme und Cartoons werden nicht müde, dieses Narrativ aufrechtzuerhalten, sodass sogar Menschen aus meiner Generation, der Gen Z, diese geopolitische Binarität, meist unterbewusst, verinnerlicht haben. Sobald ein Bösewicht auf der Leinwand auftaucht, muss er einen russischen Akzent haben – klar. Aber wir leben nun mal nicht mehr in Zeiten, in denen die einzige Gefahr für unsere Demokratie von Moskau ausgeht. Dass die Mullahs keine Witzfiguren im Turban sind, das sagen wir Exil-Iraner schon seit Anbeginn. Viele im Exil Lebende konnten nicht mehr gerettet werden. So richtig ernst genommen in unseren Ängsten und Sorgen haben wir uns daher leider nie gefühlt. Die Standhaftigkeit der Islamischen Republik Iran im Krieg gegen die USA hat, so mein Gefühl, deutlich mehr Menschen veranschaulicht, wie mächtig die Mullahs doch sind – und dass sie gar nicht so einfach zu stürzen sind.
Wie auch Russland mit seinen Verfolgungen in Europa ernst genommen wird, so sollte mit der gleichen Wachsamkeit auf das Terrorregime im Iran geblickt werden. Es ist eine ernstzunehmende Bedrohung – nicht nur für Exil-Iraner, sondern für alle, die für die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Deutschland stehen. Dieser Konflikt geht uns alle an. Denn die Gefahr ist nicht tausende Kilometer entfernt. Sie lebt längst ungestört mitten unter uns. Die Folgen der Sperrung der Straße von Hormus sollten dabei unsere kleinste Sorge sein – das zu begreifen ist essenziell, auf allen Ebenen.
























