Kultur – die unsichtbare Brille auf unserer Nase

Was ist eigentlich Kultur? Ist sie Musik, das gemeinsame Essen oder die Sprache? Mit dieser Frage hat sich die Psychologin und systemische Therapeutin Gisa Müller-Butzkamm in einem Vortrag beim RC Coesfeld-Baumberge befasst.
Unter dem Titel „Kultur – verstehen, reflektieren, handeln“ verdeutlichte die Referentin, dass Kultur weit mehr als nur Lebensart sei; sie stelle vielmehr ein Wertesystem dar, welches bestimme, wie Menschen handelten und fühlten.
Die Psychologin bediente sich bei der Beantwortung, was Kultur denn eigentlich sei, zunächst des Eisbergmodells von Edward T. Hall. Sie erläuterte, dass lediglich zehn bis 15 Prozent einer Kultur sichtbar seien – gewissermaßen die Spitze über dem Meeresspiegel, die sich in Kleidung, Sprache oder Literatur äußere. Der weitaus größere Teil liege hingegen unsichtbar unter Wasser. Hier fänden sich tief verwurzelte Konzepte von Zeit, Höflichkeit und Rollenbildern sowie die Einstellung zum Altern.
Diese „unsichtbare Kultur“ fungiere wie eine Brille auf der Nase, durch welche die Welt bewertet werde, machte die Vortragende deutlich. Was man als „normal“ empfinde, sei oft nur eine kulturelle Prägung. So kämen Deutsche gerne direkt auf den Punkt, “während andere Kulturen die direkte Ansprache als massiv unhöflich empfinden. Sie nähern sich Inhalten eher in „konzentrischen Kreisen“, so die Psychologin. Solche Unterschiede seien oft der Nährboden für Missverständnisse oder Fehlentscheidungen im interkulturellen Kontext. Wahre Völkerverständigung, ein Kernziel von Rotary, beginne laut Müller-Butzkamm dort, wo man aufhöre, in Kategorien zu denken. Sie gab dem Club die Erkenntnis mit auf den Weg, dass soziale Milieus Menschen oft stärker verbänden als rein nationale Herkünfte. “Wer Brücken bauen will, muss die Falle der ,Kulturalisierung’ umgehen." Dies bedeute, den Menschen hinter dem kulturellen Etikett zu sehen und zu begreifen, dass Konflikte oft nicht aus böser Absicht, sondern aus unterschiedlichen Wertesystemen entstünden.

Anhand der Sinus-Migrantenstudien verdeutlichte die Vortragende, dass sich Individuen innerhalb ähnlicher sozialer Milieus oft näher stünden als Menschen derselben Herkunft aus unterschiedlichen Milieus. Diese Differenzierung sei entscheidend für das rotarische Ideal der Fairness und der Toleranz: Es gelte, den Einzelnen in seiner individuellen Lebensrealität wahrzunehmen, statt ihn in kulturelle Schubladen zu stecken.
Der Abend machte deutlich, dass Kultursensibilität im rotarischen Sinne nicht nur bedeutet, das Gegenüber zu verstehen, sondern vor allem, das eigene Wertesystem kritisch zu reflektieren.
























