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111 Jahre Governorbesuch

von Daniel Marbot | 
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… und noch immer eine Reise wert

Johann Wolfgang von Goethe hat uns mit auf den Weg gegeben: «Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.» Ob er dabei bereits an einen rotarischen Governorbesuch gedacht hat, darf mit einiger Sicherheit bezweifelt werden. Der Gedanke allerdings hätte ihm gefallen können, denn seit mehr als einem Jahrhundert machen sich Governors auf den Weg, um genau das zu tun: das Gute, das in den Clubs entsteht, aus der Nähe kennenzulernen.

Als Rotary im Jahr 1915 begann, seine schnell wachsende Organisation in Distrikte zu gliedern und diesen Governors zur Seite zu stellen, war die Welt noch eine andere. Das Telefon war keine Selbstverständlichkeit, an Videokonferenzen dachte niemand, und die Vorstellung, dereinst mit einem kleinen «Apparätli» in der Hosentasche Nachrichten zu verschicken, Mitgliederstatistiken abzurufen und sich den Weg zum nächsten Rotary Club zeigen zu lassen, hätte vermutlich selbst Paul Harris für etwas verwegen gehalten.

Geblieben ist über all diese Jahrzehnte hinweg etwas erstaunlich Einfaches: Der Governor besucht die Clubs seines Distrikts persönlich. Man könnte sich nach 111 Jahren durchaus fragen, ob dieses Ritual noch zeitgemäss ist. Schliesslich lassen sich Jahresziele elektronisch übermitteln, Mitgliederzahlen auf Knopfdruck abrufen und Informationen aus Evanston schneller verteilen, als ein Governor den Weg zum nächsten Club ins Navigationsgerät eingeben kann. Weshalb also steigt Jahr für Jahr ein Mensch ins Auto oder in den Zug und macht sich auf den Weg zu seinen Clubs?

Wenn der Governor kommt

Wer schon etwas länger bei Rotary dabei ist, kennt die vertraute Choreografie. Häufig beginnt der Besuch mit einem Gespräch zwischen Governor, Präsidentin oder Präsident und Vorstand. Man spricht über den Club, seine Mitglieder, Projekte, Ideen und Herausforderungen und gelegentlich wohl auch über jene Vorhaben, die man sich bereits im vergangenen Jahr fest vorgenommen hatte.

Danach folgt meist jener Teil des offiziellen Besuches, bei dem Rotary seit jeher eine besondere Begabung beweist: der Apéro. Es folgen Mittag- oder Abendessen, Gespräche unter Freundinnen und Freunden und schliesslich die Ansprache des Governors. Manche Governors reden länger, andere kürzer. An dieser Stelle verbietet mir meine eigene Vergangenheit jedes weitere Urteil…

Während meines Amtsjahres 2022/23 durfte ich die 80 Clubs unseres Distrikt 2000 besuchen. Achtzig Clubs bedeuteten achtzig Vorstände, achtzig Präsidentinnen und Präsidenten, achtzig unterschiedliche Clubkulturen und vermutlich eine statistisch nicht mehr ganz unbedenkliche Anzahl von Apéros. Vor allem aber waren es achtzig Begegnungen mit Rotary und vor allem mit Menschen. Dabei habe ich etwas gelernt, das sich keiner Statistik entnehmen lässt: Es gibt nicht den Rotary Club. Jeder besitzt seine eigene Geschichte, seine Rituale und Persönlichkeiten, seine besonderen Stärken und gelegentlich auch jene liebenswerten Eigenheiten, über die man vielleicht besser erst beim Apéro spricht. Grosse Clubs und kleine, städtische und ländliche, traditionsreiche und junge, manche engagieren sich auf der anderen Seite der Welt, andere vor der eigenen Haustür. Gerade diese Vielfalt gehört für mich zum Faszinierendsten an Rotary.

Informatione lässt sich digitalisieren, Vertrauen nicht

Natürlich könnte man heute vieles, was während eines Governorbesuches besprochen wird, digital erledigen. Wir verfügen über mehr Kommunikationsmöglichkeiten als jede Generation von Rotariern vor uns. Und dennoch gibt es etwas, das sich nicht als PDF versenden lässt: Information lässt sich digitalisieren, Vertrauen nicht.

Vielleicht liegt genau darin die Bedeutung des Governorbesuches. Er sollte weder Inspektion noch Pflichtübung sein und hoffentlich auch keine Gelegenheit, Informationen vorzulesen, die jeder mit wenigen Mausklicks selbst finden könnte. Sein Wert liegt in der persönlichen Begegnung. Ein Governor hört, was die Clubs beschäftigt, entdeckt gute Ideen und trägt Erfahrungen weiter. Was in einem Club hervorragend funktioniert, kann wenige Tage später einen anderen inspirieren.

Heute hat sich meine Perspektive verändert. Ich bin Rotarier und sitze beim Besuch unseres amtierenden Governors wieder auf der anderen Seite des Tisches. Eine kleine Aufgabe habe ich mir allerdings bewahrt: Den Apéro beim Governorbesuch im Rotary Club Zürich-Flughafen übernehme ich bis heute gerne. Man könnte dies für Gastfreundschaft halten; vielleicht ist es aber auch eine späte Form der Dankbarkeit gegenüber all jenen Clubs, die mich während meines Governorjahres willkommen geheissen haben.

Governors müssen reinse, wir dürfen es

Bei all dem Nachdenken über Governorbesuche vergessen wir vielleicht eine der schönsten Möglichkeiten unserer eigenen Mitgliedschaft: Nicht nur der Governor besucht Rotary Clubs. Jeder von uns darf es. Jede Rotarierin und jeder Rotarier hat die Möglichkeit, überall auf der Welt einen Rotary Club zu besuchen. Auf Geschäftsreisen, während der Ferien oder einfach einmal beim Nachbarclub im Distrikt. Man betritt einen Raum voller Menschen, die man noch nie gesehen hat, und ist dennoch nicht wirklich fremd. Über Generationen, Berufe, Sprachen und Landesgrenzen hinweg besteht bereits eine Gemeinsamkeit: Rotary.

Bei mehr als 36.000 Rotary Clubs weltweit eröffnet sich damit ein aussergewöhnliches Netzwerk persönlicher Begegnungen. Wer den Ehrgeiz entwickelt, sie alle zu besuchen, sollte allerdings früh damit beginnen. Selbst bei einem Club pro Tag dürfte die Ferienplanung der kommenden Jahrzehnte gewisse Herausforderungen bereiten.

Vielleicht genügt aber schon der Vorsatz, auf der nächsten Reise nicht nur Sehenswürdigkeiten zu besuchen, sondern auch Menschen. Ein Rotary-Meeting in einem anderen Land erzählt manchmal mehr über Land und Leute als mancher Reiseführer, und aus einem gemeinsamen Mittagessen können Bekanntschaften, Freundschaften oder sogar neue Projekte entstehen.

Unsere Zeit ist knapp

Gerade deshalb wäre es schade, diese aussergewöhnliche Möglichkeit ungenutzt verstreichen zu lassen. Goethe hatte also vielleicht gleichzeitig recht und unrecht. Das Gute liegt tatsächlich oft sehr nah. Aber manchmal lohnt es sich eben doch, dafür etwas weiter zu schweifen.

Vielleicht ist genau deshalb eine 111 Jahre alte Tradition erstaunlich jung geblieben: Rotary lebt nicht allein davon, dass wir Mitglied einer weltweiten Organisation sind, sondern davon, dass wir den Menschen darin begegnen. Der Governor muss sich jedes Jahr auf den Weg machen. Wir anderen dürfen es.

Und deshalb würde mich zum Schluss interessieren: Welcher Governorbesuch ist Ihnen in Ihren rotarischen Jahren besonders in Erinnerung geblieben und weshalb?

Rotarier Daniel Marbot
Rotary Club Zürich-Flughafen

Daniel Marbot

vom Rotary Club Zürich-Flughafen ist Past-Governor des Distrikts 2000 für das Jahr 2022/23 sowie Unternehmer und Gastro-Experte.

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