Rotary AktuellPorträt

Menschenfreund und Menschenfänger

von Manfred Hammes | 
 |  Lesezeit: 3 Minuten

Er ist Wagnerianer, liebt die Kunst und das Ehrenamt. Über Jahrzehnte stand er außerdem an der Spitze der Badischen Stahlwerke. Horst Weitzmann prägte die Region Ortenau im Schwarzwald durch Unternehmergeist und ausgeprägtes gesellschaftliches Engagement

Dass die Frau eines Rotariers zum Paul-Harris-Fellow wird und das Porträt über ihren Mann mit den Zeilen über sie beginnt, gehört sicher zu den Ausnahmen. Die Rede ist von Marlis Weitzmann und deren Hilfswerk für Kinder in Olsztyn und Kaliningrad. Das Bundesverdienstkreuz hat sie für ihr Engagement, das sich eher im Stillen abspielte, bekommen. „Nicht alles, was gut ist, muss auch in die Öffentlichkeit“, sagt sie.

Sie war es, die Berlinerin, die „ihrem Schwaben“ Hochdeutsch als weitere Fremdsprache beibrachte, was naturgemäß im Ruhrgebiet weniger entscheidend war als später im badischen Kehl. Dort, bei den Badischen Stahlwerken, so Horst Weitzmann, habe über 40 Jahre niemand gemerkt, dass er aus Schwaben stammte.

Die alte Rivalität zwischen den sparsamen und fleißigen Schwaben und den geistreichen und großzügigen Badenern auszugleichen, bereitete Weitzmann wenig Mühe – er konnte beides sein, wenn es darauf ankam. Wenn er aber sagen soll, was ihm Heimat ist, dann ist es Baden. Und hier war er auf vielen Ebenen ehrenamtlich unterwegs; bei den Baden-Badener Unternehmergesprächen, der Kulturstiftung des Festspielhauses und als Vorsitzender des Universitätsrats in Freiburg, der Hochschule, der er bis heute als Honorarprofessor verbunden ist.

Frage der Effizienz

Seine Lehrveranstaltungen werden von den Studenten regelmäßig mit Bestnoten bewertet. Unternehmer lädt Weitzmann ein, die meist sehr ehrlich über Lebens-wege und unternehmerische (Fehl-)Entscheidungen berichteten und ihr Praxiswissen mit den Studenten teilen – authentisch und nicht theorieüberladen. Ob bei alldem überhaupt noch Zeit für die Arbeit als Vorstandsvorsitzender der Badischen Stahlwerke (BSW) blieb? Das sei alles nur eine Frage der Effizienz, so Weitzmann. Rückblickend ist er stolz auf die Entwicklung von BSW. Als er kam, produzierten rund 1000 Mitarbeiter 0,5 Millionen Tonnen Stahl im Jahr, heute sind es bei etwas geringerer Beschäftigtenzahl 2,5 Millionen Tonnen.

Seine Lehrveranstaltungen werden von den Studenten regelmäßig mit Bestnoten bewertet

 

BSW ist eines der weltweit produktivsten Elektrostahlwerke und stellt Baustahl her. „Unsere Produkte sind völlig unspektakulär, weil sie im Beton beerdigt werden“, so Weitzmann. Wenn ein schrottbeladener Rheinkahn hier geleert wird, dauert es gerade vier Stunden, bis dieser Schrott als hochwertiger Stahl das Werk wieder verlassen kann. Die Produktionsmenge ist so groß, dass man an jedem Tag mit 200 Lkw nach Paris fahren und bis zum Abend einen zusätzlichen Eiffelturm bauen könnte.

Menschen im Mittelpunkt

Würden die Stahlwerke keinen Stahl produzieren, wären sie das „Museum Oberrheinischer Kunst“. Kein anderes Unternehmen der Region könnte auf über 200 Seiten einen Katalog seiner 400 Kunstobjekte umfassenden Sammlung von rund 140 badischen und elsässischen Künstlern präsentieren. Neben der Kunst ist Weitzmanns Leidenschaft die Musik, obschon er in seinen jugendlichen Klavierstunden kaum über Beethovens Elise hinausgekommen ist. Mit den Schallplatten des Großvaters wurde Weitzmann zum Wagnerianer. Aus Theaterbesuchen entwickelten sich persönliche Freundschaften etwa zur Sopranistin Waltraud Meier und dem Tenor Fritz Wunderlich.

In manchem war der US-Industrielle Andrew Carnegie ein Vorbild. Carnegie hielt es nicht für eine Schande, reich zu werden, aber für schändlich, reich zu sterben. Eine Einstellung, die Weitzmann übernommen hat. Die Zwecke seiner Stiftungen wollte er immer selbst definieren und dann möglichst lange begleiten.

Die wichtigste Strategie sei es in all seinen Funktionen gewesen, so Weitzmann, „die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und sie dafür zu begeistern, was sie tun“. Er sei „Menschenfreund und im positiven Sinn ein Menschenfänger“, sagt einer, den er „gefangen“ und mit dem er viele Jahre wertschätzend zusammengearbeitet hat. Und auch das wusste bereits Carnegie: „Den Beweis der Tüchtigkeit erbringt man nicht so sehr in dem, was man selber leistet, als vielmehr durch die Leistungen derer, mit denen man sich zu umgeben versteht.“

Zur Person: Horst Weitzmann

(RC Offenburg-Ortenau) / Aufgewachsen in Reutlingen. Studium Maschinenbau und BWL an der TU München. Berufsstart 1968 bei Thyssen. 1972 Geschäftsführer der Schraubenwerke Essen. 1979 Vorstandsvorsitzender der Badischen Stahlwerke, seit 1985 Miteigentümer. Gründungspräsident des RC Offenburg-Ortenau. Präsident der IHK Südlicher Oberrhein. Vorstandsvorsitzender der Baden-Badener Unternehmergespräche und der Kulturstiftung Festspielhaus.

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