Forum
von Karl-Markus Gauß |
| Lesezeit: 5 Minuten

Der Gatten Irrtum

Das Belvedere und die Albertina in Wien kennt jeder. Der Schriftsteller Karl-Markus Gauß bereist für das Rotary Magazin sein Land und entdeckt kleine und originelle Museen – zumeist an der Peripherie

Der Bregenzerwald ist eine besonders reichhaltige und schöne Landschaft in Vorarl-berg. Und er ist von seinen Siedlungen, Gemeinden und Dörfern eine der architektonisch am besten erhaltenen und entwickelten Regionen Österreichs; eines Landes, dem die touristische Aufrüstung und der Flächenfraß im ländlichen Raum sonst bereits viel von ihren Schönheiten genommen haben. Das Gebiet erstreckt sich südöstlich von Bregenz, grenzt im Norden an das Allgäu, im Süden an das Große Walsertal, und seine höchsten Gipfel ragen bis auf 2100 Meter. Der Bregenzerwald ist, wie der Name sagt, reich an Wäldern, aber auch an Almen, die noch immer bewirtschaftet werden, an Schluchten – und bezaubernden Orten.

In vielen Gemeinden des Bregenzerwalds ist zu bestaunen, was entstehen kann, wenn sich Architekten und Handwerker, Naturfreunde und eine zunehmend umweltbewusste Bevölkerung zusammenschließen. Dann können sie Vorbildliches zuwege bringen: Die sogenannte Neue Vorarlberger Bauschule, anfangs von der Bauindustrie und vielen Einheimischen belächelt, verdammt oder bekämpft, hat in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts weite Teile der Bevölkerung für sich gewonnen und damit auch die Politiker überzeugt. Da sind drei Dinge eine ästhetisch aufregende und sozial verträgliche Verbindung eingegangen: moderne Architektur, Landschaftspflege und der Respekt vor ländlichen Traditionen. Zumal wenn man die Ortschaften des Bregenzerwaldes besucht, staunt man über die schlichte Raffinesse, mit der neue Gebäude – meist aus dem Grundstoff der Waldregion, dem Holz, und oft in Verbindung mit Glas und Stein gefertigt – sich in die Landschaft und in die Ortschaften einfügen.

Das Einzige seiner Art

Fährt man mit dem Bus, dem Auto oder Fahrrad (was wegen des Höhenunterschieds einige Anstrengung bedeutet, aber doch von vielen gewagt wird) von Bregenz zuerst in südlicher, dann östlicher Richtung, erreicht man nach etwas mehr als 30 Kilometern ein Dorf namens Hittisau. Es zählt nicht viel mehr als 2000 Einwohner und besticht auf den ersten Blick mit privaten wie öffentlichen Gebäuden, die klein oder imposant, alt oder ganz neu sein können und sich immer stimmig in das Ortsbild einfügen. Ein Dorf seit 30 oder 40 Jahren so zu modernisieren, zeugt von einigem Selbstvertrauen, das seine ferne historische Wurzel vielleicht in der frühen Neuzeit hat, als der Bregenzerwald eine Bauernrepublik war, deren Bewohner oft arm, aber keinem Feudalherrn untertan waren.

An einem Ort wie diesem mag man vieles erwarten, aber nicht, was sich in einem auffallenden Gebäude verbirgt. Im unteren, aus Beton, Glas, Stahl bestehenden Teil ist die Feuerwehr untergebracht, deren Garage sich auf die Hauptstraße hin orientiert. Darauf ist ein zweistöckiger Holzquader gesetzt, der trotz seiner Größe fast zu schweben scheint und dessen Glasfront zum Hauptplatz des Dorfes schaut. Und in diesem Quader, in dessen Innenräumen die Treppen, Böden, Decken, Wände ausschließlich aus dem Holz der lokalen Weißtanne bestehen, ist das erste österreichische Frauenmuseum untergebracht, von dem zudem gesagt wird, es sei das einzige europäische Frauenmuseum, das nicht in einer großen Stadt, sondern auf dem Land, zu finden ist. Es verschlägt natürlich auch Urlauber, die eigentlich des Wanderns und der Natur wegen nach Hittisau gekommen sind, in dieses Museum; doch ist es, seit seiner Eröffnung im Jahr 2000, längst zum Ziel von Einzelreisenden und Reisegruppen geworden, die die Anreise auf sich nehmen, um gerade dieses eine Museum zu besuchen.

Originelle, wechselnde Ausstellungen

Es bietet keine Dauerausstellung, sondern wartet jedes Jahr mit neuen, ausnahmslos originellen Themen auf. Vor zwei Jahren erregte etwa die Ausstellung „Blitz blank! Vom Putzen – innen und außen, überall“ großes Aufsehen, so material- und einfallsreich war sie dieser Tätigkeit gewidmet: Niemand mag gerne selber putzen, aber fast alle haben es am liebsten sauber. Wann haben die Menschen begonnen, ihren Lebensraum von Schmutz, Staub, Abfall zu säubern – und wer hat früher geputzt und putzt heute? Was hat Sauberkeit mit Zivilisation zu tun, und in welchen Bereichen führt die Säuberung mit chemischen Mitteln zur Verschmutzung der Umwelt? Wie entwickelten sich in verschiedenen Kulturen die religiösen und kulturellen Vorstellungen von Reinheit, und was hatte und hat das mit der Arbeit der Reinigung zu tun?

Es ist ein ins Auge springender Vorzug des Frauenmuseums, dass die Kuratorinnen keine ideologischen Belehrungen anstreben, sondern die ernsten Sachverhalte oft mit Witz angehen und bei den ausgestellten Objekten auf das Staunen und Erstaunen setzen. 2025 ging es unter dem Titel „Stoff/Wechsel“ um die globale und regionale Textilindustrie – Vorarlberg ist das Bundesland der österreichischen Textilhersteller, und von diesen wurden Mitte der 60er Jahre die ersten Gastarbeiter aus der Türkei angeworben. Natürlich thematisiert das Frauenmuseum die zugewiesene wie die erkämpfte Rolle der Frauen in diesen Prozessen. Und das greifen auch viele Besucherinnen in ihren Eintragungen im Gästebuch des Museums auf. Als ich das letzte Mal dort war, las ich den Eintrag einer deutschen Besucherin: „Bin mit meinem Mann hier, der seit einer Stunde auf dem Sofa sitzt und in sein Smartphone starrt. Aber immerhin war er es, der das Museum im Internet entdeckte, herausfand, wann es geöffnet ist, und mich hergefahren hat. Er dachte, das Frauenmuseum wäre was für mich und hat sich beim Rundgang wohl gedacht, dass das alles nicht so viel mit ihm zu tun habe.“ Da hat er sich aber sehr getäuscht.

Karl-Markus Gauß

ist Schriftsteller in Salzburg. Seine Reiseerzählungen wurden in viele Sprachen übersetzt und mit nam-haften Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung

Foto: Kurt Kaindl
Karl-Markus Gauß

Aus dem Magazin

Im Namen des Volkes
03 / 2026
Die da oben
02 / 2026
Geduld
01 / 2026
Die Kraft des Singens
12 / 2025
Unter die Haut: Tattoos
11 / 2025
Die Rente ist sicher
10 / 2025
Als Gott auszog – Gedanken zur Umwidmung von Kirchen
09 / 2025
Österreich - Erinnerungen an die Zukunft
08 / 2025
Comeback des Sportvereins
07 / 2025
Man muss Menschen mögen
06 / 2025
Alles auf Anfang
05 / 2025
Cool Japan
04 / 2025
Mut zum Bruch: Deutschland nach der Wahl
03 / 2025
Gehasst oder geliebt?
02 / 2025
Wettrüsten im All: Wie Europa abghängt wird
01 / 2025