Die große Versuchung

Künstliche Intelligenz
Es gibt Epochen, die sich im Rückblick ordnen lassen – und solche, die sich im Moment ihres Geschehens der Ordnung entziehen. Die künstliche Intelligenz gehört zweifellos zur zweiten Kategorie: ein Fortschritt, der nicht schreitet, sondern springt, der nicht erklärt, sondern überholt. Längst hat sie die Labore verlassen und sich in die feinsten Verästelungen unseres Alltags eingeschrieben, oft unbemerkt, bisweilen mit leiser Irritation. Gundolf Freyermuth gehört zu den KI-Pionieren der ersten Stunde. Wo andere mahnen und warnen, sagt er: „Die künstliche Superintelligenz ist längst da. Und sie erscheint ebenso leistungsstark wie harmlos; harmloser jedenfalls als menschliche Intelligenz.“ Die Gründe für seinen Optimismus lesen Sie zum Einstieg in unsere Titelgeschichte ab Seite 32.
Wer nach den Themen unserer Zeit gefragt wird, antwortet mit hoher Wahrscheinlichkeit: Kriege, Krisen und künstliche Intelligenz. Trennen lassen sich diese Themen schon längst nicht mehr voneinander. Forscher des King’s College London ließen in einer Untersuchung mehrere große Sprachmodelle militärische Kriegsszenarien durchspielen. Das Ergebnis: In 95 Prozent der Simulationen entschied sich die Maschine für einen Atomschlag. Nicht ein einziges System empfahl eine Kapitulation. Noch beunruhigender wird dieses Ergebnis, wenn man bedenkt, dass KI längst Teil moderner Kriegsführung ist. Der Militärexperte und IT-Stratege Eldar Sultanow geht in seinem Gastbeitrag (ab Seite 40) der Frage nach, ob KI tatsächlich entgrenzte Kriege vorbereitet.
Zugleich wächst das Bedürfnis nach Orientierung in einer Welt, deren alte Gewissheiten brüchig geworden sind. Wo Vertrauen in Institutionen schwindet, tritt die Maschine nicht selten als neue Instanz der Verlässlichkeit auf – kühl, berechenbar, scheinbar unfehlbar. So wird die Debatte über KI unweigerlich auch zu einer über Sinn, Glauben und die Zukunft des Menschlichen. Wenn Maschinen antworten wie Götter und Menschen ihnen millionenfach verfallen, wird KI dann zu einer Ersatzreligion? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Religionswissenschaftlerin Inken Prohl. Ihren erhellenden Gastbeitrag lesen Sie ab Seite 46.
Der rotarische Themenschwerpunkt dieser Ausgabe beschäftigt sich mit dem dunkelsten Kapitel der langen Geschichte von Rotary in Deutschland und Österreich. Hermann Schäfer, Autor des viel beachteten Buches Die Rotary Clubs im Nationalsozialismus: Die ausgeschlossenen und diskriminierten Mitglieder. Ein Gedenkbuch schreibt über Verdrängung, Verfolgung und über Schuld: „War die Anbiederung an das System seit April 1933 die erste Schuld, so war die Verdrängung des Themas in der gesamten Nachkriegszeit eine zweite Schuld.“ Mit Blick auf das bevorstehende Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen von Rotary in Deutschland (2027) soll sein Text wachrütteln und die Clubs zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte animieren – damit wenigstens die dritte Schuld ausbleibt. Seinen Beitrag lesen Sie ab Seite 12.
Viel Vergnügen bei der Lektüre wünscht
Björn Lange
Chefredakteur






















