Paare und Paarungen

Hoffmeisters Fundstücke: Als Ur-Konstante der Menschheit hat sich das Paar – die Idee vom Paar – über die Zeitalter hinweg als robustes, wandelbares und vielfältig aufgeladenes Modell bewährt
Thomas Hettche: Liebe
Kiepenheuer & Witsch, 176 S., 22 Euro
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Insbesondere Krisen erwiesen sich dabei als stabilisierender Faktor, als kraftvolle Zelle zumal überbordender Schaffens- und Reflexionspotenziale. Bemerkenswert ist bereits der Titel von Thomas Hettches Roman, denn kein zweites Sujet der globalen Literaturgeschichte wurde vergleichsweise umfassend, inflationär und redundant verhandelt wie: „Liebe“. Dass der Autor nicht scheitert am Stoff, was auch bedeutet: sich überhebt, ist der überlegenen Konzeption des Textes, seinem angemessenen Stil, sprachlichem Nuancenreichtum und dem ausgeprägten Realitätssinn Hettches geschuldet. Handlungen und Handlungsimplikationen erscheinen frei von poetischer Stilisierung. Der Roman erzählt, was ist. Die Protagonisten Anna und Max, beide um die 60, er allein lebend, sie verheiratet, begegnen sich am Ostseestrand, verlieben sich. Eindrücklich fokussiert der Autor auf die verschiedenen Stufungen und Subtilitäten der Annäherungs- respektive Trennungsprozesse. Er reflektiert Erwartungen und Risiken einer zunächst indifferenten emotionalen Gemengelage und die Hürden der Transformation in ein neues, befreites Miteinander.
Claude Debussy: Complete Works for Piano Duo Vol. 3
CD, Klavierduo Genova & Dimitrov, Oehms Classics, OC 1743
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Im vergangenen Jahr feierte das hochdekorierte Genova & Dimitrov Piano Duo sein 30-jähriges Bestehen mit dem Beginn eines außergewöhnlichen Projektes: der Gesamteinspielung von Claude Debussys Werken für Klavierduo. Hauptwerke der nun veröffentlichten dritten und finalen Folge bilden die Nocturnes und die sechs Epigraphes antiques des französischen Impressionisten. Entlang handwerklicher Brillanz vermag das Duo in organisch verdichteten, fein schattierten Dialogen das breite Farbenspektrum der solitären Klangwelten aufzufalten. Debussys gleichermaßen suggestiver wie abstrakter Kosmos findet in den Exegesen von Genova & Dimitrov im besten Sinne zu sich selbst.
Richard Wagner: Tristan und Isolde
DVD, Klaus Florian Vogt, Camilla Nylund, Georg Zeppenfeld, Martin Gantner, Tanja Ariane Baumgartner, Staatsopernchor Dresden, Sächsische Staatskapelle, Christian Thielemann, 234 Min., C Major 770708
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Oft lassen bereits Namen eine Ahnung davon erstehen, was zu erwarten ist. So stehen im Zusammenhang mit Richard Wagners Musikdrama „Tristan und Isolde“ zum einen die Paarung Sächsische Staatskapelle und Christian Thielemann, zum anderen das Tableau der Vokalsolisten um Camilla Nylund, Klaus Florian Vogt und Georg Zeppenfeld für allerhöchste Erwartungen und Ansprüche. Tatsächlich präsentieren sich die Beteiligten in Bestform: das eminent organisch aufspielende und Zwischentönen wie koloristischer Finesse verpflichtete Orchester ebenso wie die Solisten mit Disziplin, Beweglichkeit und Ausdrucksvarianz. Ein berauschendes Wagner-Fest, das die ein wenig in die Jahre gekommene Inszenierung von Marco Arturo Marelli aus dem Jahr 1995 in den Hintergrund treten lässt.
Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch
AUSSTELLUNG, Die großen Fragen des Lebens, Albertinum (Staatliche Kunstsammlungen Dresden), bis 31.05.26, albertinum.skd.museum/Ausstellungen
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Eine Ausstellung als Dialog: Im Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden begegnen sich mit dem Norweger Edvard Munch und Paula Modersohn-Becker zwei führende Vertreter des Expressionismus. Man kannte sich nicht, ventilierte in Bildern aber ähnliche Fragen und Themenkreise wie Liebe, Angst, Krankheit, Trauer und Tod. Entlang von rund 150 Werken vereint die Schau Gemälde, Zeichnungen, Grafiken und Skulpturen aus eigenen Beständen und Leihgaben aus dem Munchmuseet Oslo, anderer internationaler Museen, Stiftungen und privater Sammlungen. Viele der Exponate sind erstmals in Deutschland zu sehen.
Martin Hoffmeister
ist Chefredakteur des Gewandhausradios. Er fungierte zuvor als leitender Redakteur und Moderator bei diversen Kultur- und Klassikwellen des privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Im Rotary Magazin empfiehlt er Neuerscheinungen aus dem Kulturleben und interessante Ziele für Reisende
Foto: Jessine Hein/Illustratoren






















