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Mehr dribbeln, passen, schießen!

von Thomas Staack | 
 |  Lesezeit: 8 Minuten

Kleine Spiele mit großer Wirkung: Wie der Fußballnachwuchs wieder Weltklasseniveau erreichen soll

Deutschland ist eine Fußballnation. In unserer Gesellschaft ist der Fußballsport allgegenwärtig, füllt Stadien mit Zigtausenden Fans, begeistert Fernsehzuschauer und motiviert viele Menschen, sich sportlich zu verausgaben und dem runden Leder nachzujagen. Vier Weltmeistertitel hat die Nationalmannschaft gewinnen können, zuletzt 2014 in Brasilien, wurde zudem dreimal Europameister und genießt hohes Ansehen und viel Aufmerksamkeit. Auf den ersten Blick scheint es im Fußball wie immer zu sein: eine wachsende Branche mit großem Sportenthusiasmus. Doch bei einer genauen Betrachtung zeigen sich markante Risse in der Fassade des deutschen Profisports.

Seit 2014 gab es viele schwache Auftritte der deutschen Elitekicker, bei zwei Weltmeisterschaften hintereinander gar ein Ausscheiden in der Vorrunde. Dazu gesellen sich das Vorrunden-Aus der Frauennationalmannschaft bei der WM 2023 und der U21-Auswahl bei der EM 2023. Natürlich ist Spitzensport nicht programmierbar. Im Fußball gewinnt nicht immer die bessere Mannschaft, auch nicht zwingend diejenige mit den qualitativ besseren Spielern. Viel ist von Tagesform und Spielglück abhängig. Aber sportliche Qualität erhöht die Wahrscheinlichkeit, das Spiel erfolgreich zu bestreiten, und an der Qualität der deutschen Spieler sind zuletzt vermehrt Zweifel aufgekommen, die selbst Bundestrainer Julian Nagelsmann betont. Die Zweifel an der nachhaltigen Substanz haben auch die erfreuliche Europameisterschaft 2024 im eigenen Land und die guten Spiele in der Nations League nicht zerstreuen können.

Wenige Talente, kaum Spielerfahrung

Sorgen bereitet vor allem der Nachwuchs für die Nationalmannschaft. Jeder Bundesligaverein unterhält ein Nachwuchsleistungszentrum, in dem künftige Generationen von Profispielern akribisch und detailliert ausgebildet werden. Der Sprung in die Profimannschaften gelingt allerdings nur den allerwenigsten Internatskickern. Deutschland bildet einer Studie zufolge europaweit die wenigsten Topspieler aus, weit abgeschlagen hinter den führenden Nationen Portugal und den Niederlanden. Die Zahl der jungen ausländischen Spieler in der Bundesliga hingegen ist sichtbar gewachsen. Immer häufiger verpflichten deutsche Topclubs junge Talente aus England, Frankreich und Spanien für nicht unerhebliche Summen, anstatt auf den eigenen Nachwuchs zu setzen, den sie selbst ausgebildet haben und dem sie offenbar die Qualität für den Profikader absprechen. Im Gegenzug sind die Einsatzzeiten der deutschen Talente in der Bundesliga mehr und mehr gesunken. Bei der U21-Europameisterschaft im Sommer 2023 war Deutschland unter allen Teilnehmern das Team mit den geringsten Einsätzen im Profifußball.

Kleinere Felder, kleinere Teams und eine höhere Spielzeit sorgen für viele Ballaktionen aller Spieler, ständiges Wiederholen von Techniken und Torabschlüssen im Minutentakt

Thomas Staack

Inzwischen hat der Deutsche Fußballbund (DFB) drei grundlegende Probleme in der Ausbildung von Nachwuchskickern ausgemacht und eine umfangreiche Reform im Kinder- und Jugendfußball in die Wege geleitet.

Kaum kreative Spielmacher

Seit vielen Jahren ist in deutschen Nationalkadern ein erheblicher Rückgang von Kreativspielern zu verzeichnen, die in der Lage sind, Gegner im Dribbling zu überwinden, Abwehrketten aufzureißen, mutige Pässe in Schnittstellen zu spielen und dadurch Tore vorzubereiten. Früher waren es Spieler wie Beckenbauer, Overath und Netzer, später Littbarski und Häßler, zuletzt Özil und Kroos, die das Spiel bestimmt haben. Heute haben wir zugegebenermaßen Florian Wirtz und Jamal Musiala, der aber immer wieder betont, dass er in England ausgebildet worden ist und dort eine sehr prägende Zeit erlebt hat. Die Basis kreativer Spieler, aus denen der Bundestrainer wählen kann, hat in den letzten Jahren stark abgenommen. Hingegen gab es früher nicht wenige Freigeister auf dem Rasen, die in der Nationalmannschaft kaum eine Rolle spielten, denken wir nur beispielhaft an Bernd Schuster, Maurizio Gaudino oder Uwe Bein. Auch auf anderen Positionen ist der Mangel an Auswahl klar erkennbar, sodass sich Mittelstürmer, Außen- und Innenverteidiger aufgrund fehlender Konkurrenz beinahe von alleine aufstellen oder durch taktische Maßnahmen wie die „falsche 9“ ersetzt werden müssen. Kreative Dribbler wurden in Deutschland schlicht nicht ausgebildet, während passsichere Spieler eigentlich bis heute im Überfluss vorhanden sind.

Vereinsfußball, ade

Lange Zeit war der Fußballverein ein Hotspot unter Jugendlichen. Freunde auf dem Sportplatz treffen, gemeinsam trainieren, sich austauschen und am Wochenende zusammen Spiele gewinnen – das war ein zentraler Anker der jungen Gesellschaft. Für die meisten Jugendlichen ist dieser Anker versunken, denn sie kehren dem Vereinsfußball früh den Rücken. Während die Mitgliederzahlen im Kinderfußball weiterhin boomen, sind sie im Jugendfußball stetig rückläufig. Im Alter von etwa elf Jahren beginnt der sogenannte „Dropout“ und die Jugendlichen verlassen in Scharen die Fußballvereine. Weniger als 50 Prozent der Spieler erreichen die A-Jugend, die letzte Stufe vor dem Erwachsenenfußball. Obgleich die Gründe für den Dropout sicherlich vielschichtig sind und in diesem Zusammenhang auch der Ganztagsunterricht an Schulen, die Popularität anderer Trendsportarten und die attraktivere Medienwelt zu nennen sind, hat der DFB als wesentliches Problem den bisherigen Spielbetrieb am Wochenende erkannt, der die Jugendlichen nicht mehr in ihrer Lebenswelt abholt.

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Trainingsqualität mangelhaft

Die Spielerqualität im Nachwuchssport ist immer eine Frage der Ausbildung, insbesondere in einem Land, in dem mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Vereinen Fußball spielen. Tatsächlich legt ein Blick in die Praxis von Sportvereinen zwei wesentliche Faktoren offen: Trainingsqualität und Selektion. Zwar hat sich die Ausbildungsqualität in Deutschlands Spitzensport stetig verbessert und professionalisiert, in Breitensport und Kinderfußball hingegen liegt die Nachwuchsförderung weit überwiegend in den Händen von wenig qualifizierten Trainern, oftmals Väter mit dem eigenen Kind in der Mannschaft, die ungeeignete Inhalte aus dem Erwachsenenfußball übernehmen, langweilige Übungen über lange Zeiträume laufen lassen und in Training und Spiel auf große Fußballspiele mit vielen Spielern, großen Entfernungen und wenigen Aktionen setzen. Zudem hat die Professionalisierung des Scoutings im Leistungs- und Breitensport nicht nur dazu geführt, dass kein Talent mehr unentdeckt bleibt, sondern ein neues Phänomen hervorgerufen: Selektion schlägt Ausbildung. Statt die eigenen Spieler zu fördern und optimal auszubilden, werden sie jährlich oder gar halbjährlich durch bessere Spieler ersetzt. Scouting und Selektion optimieren ständig die Stärke der Mannschaft, ohne dass einzelne Spieler entwickelt werden. Der Selektionsbasis, also der Spielerauswahl, sind dabei keine Grenzen gesetzt. Europaweit, sogar weltweit, wird permanent gescoutet und selektiert, während das Augenmerk auf die eigenen Spieler in den Hintergrund rückt.

Die Reform im Kinderfußball

Um die genannten Probleme zu lösen, hat der DFB die Wettspielreform im Kinderfußball gestartet, einen der größten Reformprozesse in der Geschichte des deutschen Sports. Sie streicht das bisherige Einzelspiel zwischen zwei Mannschaften im Sieben-gegen-sieben, das viele Kinder ausschließt. Da agieren nur 14 Kinder gleichzeitig, während alle anderen Teammitglieder auf der Ersatzbank warten oder zu Hause bleiben müssen. Die schlechte Ballquote von 1:14 (nur ein Ball für 14 Kinder) führt zu wenigen Ballkontakten pro Kind. Ersetzt wird das Einzelspiel durch ein Turnier mit mehreren Mannschaften. Statt einem großen werden vier kleine Spielfelder aufgebaut, in denen bis zu 40 Kinder zeitgleich in kleinen Spielformen vom Zwei-gegen-zwei bis Fünf-gegen-fünf auf kleine und große Tore spielen können. Feldgrößen, Teamgrößen und Torgrößen werden kindgerecht verkleinert. Die Größe der Fußballspiele passt sich dem Alter und dem Entwicklungsstand an und wächst gemeinsam mit den Kindern. Je älter und erfahrener sie werden, desto komplexer wird das Spiel.

Die Vorteile kleiner Fußballspiele

Bereits nach der intensiven Pilotphase sind die Vorteile kleiner Fußballspiele klar erkennbar. In der Praxis führt die bessere Ballquote von 1:4 oder 1:6 zu deutlich mehr Ballaktionen der Kinder. Viel öfter als zuvor wird gedribbelt, gepasst und auf das Tor geschossen, sodass am Ende des Turniers alle Spieler Fußballtechniken häufiger angewendet haben und von vielen Erfolgserlebnissen wie erzielten Toren, Vorlagen und Torwartparaden berichten können. Gerade beim Torwartspiel, oftmals Zentrum der Reformkritik aufgrund des vermehrten Einsatzes von Minitoren, erhöhen kleine Fußballspiele die Taktung der Torwartaktionen. In vielfältigen Spielsituationen lernen junge Torhüter ihre Techniken mit Händen und Füßen umzusetzen und permanent zu verbessern. Alle Spieler sind immer im Einsatz, niemand muss lange warten, niemand bleibt zu Hause.

Freude, Intensität, Wiederholung

Für eine Verbesserung der Trainingsqualität in Breite und Spitze setzt sich aktuell Hannes Wolf gemeinsam mit einem DFB-Kompetenzteam ein. Der DFB-Sportdirektor wirbt mit einer neuen „Trainingsphilosophie Deutschland“ für kleinere Fußballspiele und viel Spielzeit im Kinder- und Jugendtraining. Die Gesichtspunkte für eine veränderte Trainingsmethodik gleichen den Argumenten für die Wettspielreform. Kleinere Felder, kleinere Teams und eine höhere Spielzeit sorgen für viele Ballaktionen aller Spieler, ständiges Wiederholen von Techniken und Torabschlüssen im Minutentakt. Freude, Intensität und Wiederholung sind die einprägsamen Schlagwörter, mit denen Hannes Wolf in Videos, Webinaren und auf Fortbildungsveranstaltungen überzeugen möchte. Mittelstürmer, sagt er, kann man nicht im Elf-gegen-elf ausbilden, denn im großen Feld schießen sie kaum auf das Tor. Um Torschüsse zu trainieren, braucht man kleine Formate wie das Drei-gegen-drei, das schon Bundestrainer Julian Nagelsmann einst als „alternativlos“ bezeichnete.

Wie gespielt wird, so wird trainiert

Die Reform im Kinder- und Jugendfußball ist mit der Hoffnung verbunden, dass in Deutschland wieder mehr Wert auf die Ausbildung eigener Talente gelegt wird. Die Chancen für einen Sinneswandel stehen nicht schlecht, denn zusätzlich zur neuen Trainingsphilosophie haben die kleinen Fußballturniere einen unmittelbaren Einfluss auf die Gestaltung des Trainings. Da Trainer ihre Spieler optimal auf das Wettspiel vorbereiten wollen, lässt sich ein simpler Grundsatz ableiten: Das Wettspiel ist der Motor des Trainings, denn wie gespielt wird, so wird auch trainiert. Wenn also am Wochenende kleine Fußballspiele stattfinden, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese kleinen Spiele auch im Training überzeugen und eine große Wirkung entfalten. Dank der vielen Ballaktionen und der gestiegenen Einsatzzeit aller Kinder können wir hoffen, in Zukunft wieder mehr Jugendliche langfristig für den Vereinsfußball zu begeistern und mehr Kreativspieler wie Musiala und Wirtz in der Nationalmannschaft bewundern zu dürfen – und nicht zuletzt mehr spielstarke Torhüter wie Manuel Neuer.

Thomas Staack

engagiert sich seit vielen Jahren als Kinderfußballtrainer, sportlicher Leiter und Koordinator der „3 gegen 3-Liga“ in Köln. Er ist Autor des Fachbuchs „Der neue Kinderfußball“ und unterstützt als Referent des Fußballverbands Mittelrhein die Reform im Kinder- und Jugendtraining.

privat

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