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Die Kunst der Satire

von Karl-Markus Gauß | 
 |  Lesezeit: 4 Minuten

Im Karikaturenmuseum Krems wird die gezeichnete Bosheit zur Kunstform erhoben: Von Deix bis Haderer versammelt sich hier Österreichs Lust an Satire, Überzeichnung und Selbstverspottung

Die niederösterreichische Stadt Krems erhebt sich von der Donau auf anmutige Hügel und Terrassen, auf denen hier, am Beginn der Wachau, 70 Kilometer westlich von Wien, seit je Wein angebaut wird. Im Ortsteil Stein, der bis 1938 eine eigene Stadt bildete, stehen drei markante Gebäude auf engem Raum beisammen. Eine Strafanstalt, in der 800 männliche Häftlinge einsitzen, darunter etwa 100, die als die gefährlichsten Ge- walttäter Österreichs gelten. Das Gefängnis war bis 1850 ein Nonnenkloster der Redemptoristinnen, weswegen der ungewöhnliche Fall eingetreten ist, dass ein Gefängnis in seinem Kernbereich unter Denkmalschutz steht. Als Österreich zur Ostmark wurde, haben die Nationalsozialisten die Anstalt als Zuchthaus genutzt, in dem zahlreiche Häftlinge zu Tode kamen, insbesondere beim sogenannten „Massaker von Stein“, als in den allerletzten Kriegstagen Einheiten von SS, SA und versprengte Wehrmachtssoldaten unter reger Beteiligung einheimischer Nationalsozialisten mindestens 386 Häftlinge ermordeten.

Dem Gefängnis gegenüber ist in einer aufgelassenen Tabaktrafik das Unabhängige Literaturhaus NÖ untergebracht. Es ist für seine grenzüberschreitenden Veranstaltungen berühmt und präsentiert regelmäßig Autoren aus dem mittel- und osteuropäischen Raum, von denen etliche, mit einem Stipendium versehen, gleich für einige Monate in Krems bleiben und, wie man hört, in den nahen Buschenschanken verschiedener Winzer zu geübten Weintrinkern werden. Und wieder ein paar Schritte weiter findet sich ein auffallendes modernes Gebäude, dessen Dach elf verschieden große Zacken wie eine überdimensionale Narrenkappe zieren, die weithin verkünden, dass es in diesem Haus um Witz, Satire, Karikaturen geht.

Es handelt sich um das einzige österreichische Museum, das der Karikatur, dem Comic, Cartoons und bildnerischen Satiren vorbehalten ist. Der Bau ist ein Werk des 2019 in hohem Alter verstorbenen Architekten Gustav Peichl, der über Jahrzehnte unter dem Namen Ironimus österreichische Zeitungen mit Tausenden Karikaturen belieferte, die sich meist auf die österreichische Innenpolitik und deren Protagonisten bezogen.

Ewiger österreichischer Staatsbarock

Peichl war der Architekt des Karikaturenmuseums, sein Anlass, wenn man es so nennen darf, war ein ungleich bedeutenderer Karikaturist, nämlich der im ganzen deutschen Sprachraum für seine meisterlich bösen Werke berühmte Manfred Deix. Der gebürtige Niederösterreicher hatte in zahllosen Porträts seine österreichischen Charaktere weniger erfunden als die im Alltag gesehenen Gesichter und Körper vielmehr kraftvoll deformiert, zu aggressiven Spießern, bedrohlichen Biedermännern. Die Karikaturen von Deix zeigen seine Landsleute als abgrundtief hässliche, fett aufgequollene Figuren, was niemanden so sehr begeisterte wie die Österreicher selbst. Als Deix verlauten ließ, dass in der Steiermark ein Museum seinem Werk gewidmet werden sollte, sah sich der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll genötigt, dem vorzubeugen und Deix ein eigenes Museum in Krems hinstellen zu lassen, das 2001 tatsächlich eröffnet wurde. Der konservative „Landesvater“ Pröll hatte das Faible und auch die nötige Macht dazu, etliche österreichische Künstler sämtlicher Sparten, die als politisch oppositionell oder zumindest als aufmüpfig galten, mit Museen, Festivals und allerlei Dotationen auszustatten: Ob freie Gesinnung oder kluge Berechnung – nirgendwo ist jedenfalls so viel Geld in eine spezifisch repräsentative Fest- und Festivalkultur geflossen wie in Niederösterreich: ewiger österreichischer Staatsbarock!

Deix hatte und hat auch in Deutschland viele Fans und veröffentlichte regelmäßig etwa im Spiegel und Stern oder in der Zeit. Sein Werk ist zweifellos der größte Schatz des Karikaturenmuseums, das konsequent an der archivalischen Erfassung und auch ein wenig an der musealen Heiligsprechung des ungebärdigen Genies arbeitet. 

Die Karikaturen von Deix zeigen seine Landsleute als abgrundtief hässliche, fett aufgequollene Figuren

Karl-Markus Gauß

Das Museum hat über die Jahre freilich noch viel mehr zu bieten gehabt. Personale waren etwa Janosch, Achdé (dem Zeichner von Lucky Luke), Luis Murschetz, Mordillo gewidmet, ab Sommer 2026 wird ein Jahr lang das Werk Gerhard Haderers präsentiert werden. Wechselnde Ausstellungen gelten heuer auch dem Karikaturisten Oliver Schöpf, der vornehmlich für die Zeitung Standard das Zeitgeschehen ins kritische Bild fasst; und Ulli Lust, einer der originellsten feministischen Comiczeichnerinnen, deren Projekt Die Frau als Mensch eigentlich ein gezeichneter Roman-Essay in Fortsetzungen ist.

Das Karikaturenmuseum in Krems legt sein eigenes Konzept durchaus großzügig aus. Zum seinem 100. Geburtstag war Paul Flora, dem genialen Zeichner und heiteren Philosophen aus Südtirol, mit 170 Werken eine beachtliche Ausstellung gewidmet, zu der ich, der ich mich rühmen kann, vom alten Flora zum Freund erkoren worden zu sein, die einführenden Worte verfassen durfte. Flora hat sich freilich oft und vehement dagegen gewehrt, als „Karikaturist“ charakterisiert zu werden, sondern immer und bisweilen geradezu grimmig darauf beharrt, ein „Zeichner“ zu sein. Er schätzte Karikaturen und Karikaturisten nicht gering, aber die unmittelbare, direkte, angriffige, oft auf eine bildnerische Pointe zugeschärfte Form der Karikatur war nicht sein Metier. Darum hat er, nachdem er als vermeintlicher Karikaturist der Zeit in Deutschland enorm bekannt geworden war, seine gut bezahlte Tätigkeit 1971 eingestellt und sich auch von den, wie er es mir gegenüber einmal bezeichnete, „schnarrenden Bitten der Generalin von Dönhoff“ nicht umstimmen lassen.

Karl-Markus Gauß

ist Schriftsteller in Salzburg. Seine Reiseerzählungen wurden in viele Sprachen übersetzt und mit namhaften Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung

Foto: Kurt Kaindl

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