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Messi oder Ronaldo? Lamine Yamal!

von Eckhard Jesse | 
 |  Lesezeit: 4 Minuten

Vor 20 Jahren, beim deutschen „Sommermärchen“, nahmen die beiden Kicker das erste Mal an einer Fußballweltmeisterschaft teil. Bei dieser WM sind sie immer noch dabei – zum letzten Mal

Die einen schwärmen für Goethe, die anderen für Schiller; die einen schwören auf Sartre, die anderen auf Camus. Und derartige Bekenntnisse gelten auch für die „schönste Nebensache der Welt“, den Fußball, obwohl ein Mannschaftssport. Die eine Fangemeinde sieht in Lionel Messi (LM10) den GOAT, den „Greatest of All Time“, die andere in Cristiano Ronaldo (CR7). Dieser strich sich bei der Fußballweltmeisterschaft 2018 nach dem Elfmetertor im Spiel gegen Spanien über den imaginären Ziegenbart, offenkundig deshalb, um den Anspruch auf den GOAT zu bekunden.

Außenstehenden gelingt nur schwer ein Einblick in deren Persönlichkeiten. Beide sollen gläubige Katholiken sein. Meidet Ronaldo als regelmäßiger Blutspender Tattoos, so trägt Messi solche mit christlichen Symbolen wie dem Konterfei Jesu. Ihm wurde die Spielkunst in die Wiege gelegt, Ronaldo Trainingsbesessenheit und unglaubliche Disziplin. Triumphiert der Argentinier nach Toren eher bescheiden, stolziert der extrovertierte Portugiese dann wie ein Pfau umher. Das nach außen hin von professionellem Respekt geprägte Verhältnis der Konkurrenten mag nicht leicht zu entschlüsseln sein. Offenkundig dominiert weder Freundschaft noch Feindschaft.

Es existieren Fotos, die den 20-jährigen Messi zeigen, wie er den sechs Monate jungen Yamal badet. Wenn dem keine Symbolkraft innewohnt!

 

Für mich rangiert Magier Messi an Nummer eins – und zwar nicht in erster Linie wegen der nackten Zahlen, wie sie das Statistikportal Sofascore akribisch auflistet: Messi, geboren am 24. Juni 1987, erzielte in 1152 Spielen 907 Tore und gab 410 Torvorlagen. Ronaldo, geboren am 5. Februar 1985, nahm an 1320 Spielen teil. Die Ausbeute: 971 Tore und 261 Torvorlagen (Stand: jeweils 10. Mai 2026). Messi, seit 2023 bei Inter Miami (USA), avancierte achtmal zum „Fifa-Weltfußballer des Jahres“, Ronaldo fünfmal. Gewiss, dieser, seit 2023 bei Al-Nassr (Saudi-Arabien), ist – fast 20 Zentimeter größer als sein Kontrahent – der Kopfballstärkere und der sicherere Elfmeterschütze. Aber Messi, Spielmacher und Torjäger zugleich, wartet mit größerer Spielintelligenz auf. Der überragende Freistoßspezialist agiert mannschaftsdienlicher – belegt nicht nur durch die Vielzahl der Torvorlagen –, und dank intuitiver Antizipation reißen seine Pässe Lücken in die gegnerische Abwehr. Deshalb verwundert nicht das Diktum des Hoffenheimer Bundesligaspielers Grischa Prömel auf die Gretchenfrage „Messi oder Ronaldo?“: „Messi, ganz klar. Die Frage darf es meiner Meinung nach in diesem Fragenkatalog gar nicht geben.“

20 Jahre auf allerhöchstem Niveau

Wer erlebt hat, wie Messi am 23. April 2017 im Ma­dri­der Bernabéu-Stadion beim Clásico wenige Sekunden vor Ende der Nachspielzeit über das Fußballfeld angerauscht kommt, den Ball aus 15 Metern zum 3:2 für Barcelona unhaltbar ins Tor schlenzt und dann das ausgezo-gene Trikot vor den perplexen Madrider Fans hochhält, kann das ikonenartige Bild nicht vergessen. Ronaldo schüttelt so fassungslos wie entgeistert den Kopf.

Ihre jahrzehntelange Rivalität hat sie zu Höchstleistungen angespornt. Das gilt zumal für die Spielzeiten 2009/2010 bis 2017/18, als sie, auf dem Höhepunkt ihres Könnens, in der spanischen Liga „gezaubert“ haben. Messi für den FC Barcelona, Ronaldo für Real Madrid. Messi erzielte in 309 Spielen 329 Tore und gab 122 Torvorlagen, Ronaldos Werte: 292, 311, 87. Unentschieden! Keine rhetorische Frage: Was soll man mehr bewundern: die Vereinstreue Messis, der 2021 wegen finanzieller Schwierigkeiten „seines“ Vereins zu Paris Saint-Germain wechselte – oder Ronaldos mutige Suche nach neuen Stationen: Manchester United, Real Madrid, Juventus Turin und wieder Manchester United?

Die Fußballweltmeisterschaft findet 2026 gleich in drei Ländern statt: USA, Kanada, Mexiko. Beide Spieler, die bei diesem Turnier der Turniere noch nie aufeinandergetroffen sind, werden nun das sechste Mal dabei sein. Allein dadurch gewinnt das Spek-takel größere Attraktivität. Diese Präsenz über zwei Jahrzehnte auf hohem Niveau in einer von starker Konkurrenz geprägten Sportart ist Wahnsinn – das schaffte zuvor niemand. Ihre Leistungen fielen hier, anders als in den Vereinen, oft eher medioker aus. Immerhin: Als Einzigem gelang Ronaldo bei fünf Weltmeisterschaften mindestens ein Tor, Messi als Einzigem mindestens eine Torvorlage (siehe Tabelle). Wenn Messi drei Tore erzielt (die drei im Elfmeterschießen zählen nicht), ist er neben Miroslav Klose der Spieler mit den meisten WM-Toren, und wenn Ronaldo dreimal zum Einsatz kommt, nimmt er neben Lothar Matthäus den zweiten Platz in der Kategorie mit den meisten WM-Spielen ein.

Ronaldo überzeugte 2006, im deutschen „Sommermärchen“, als Portugal erst im Halbfinale gegen Frankreich ausschied, und 2018, als ihm ein Hattrick gegen Spanien gelang. Messi, der sich im Kreis der Nationalmannschaft lange schwertat, begeisterte 2014 und – unvergessen – 2022 beim siegreichen Finale gegen Frankreich. Die Wahl zum besten Spieler des Turniers fiel jeweils auf ihn.

Was melancholisch stimmt: Nicht nur der 41-jährige Ronaldo muss dem Alter Tribut zollen. Auch Messi hat mit dem Nachlassen der Spritzigkeit und der unnachahmlichen Dribbelkunst den Zenit überschritten, wiewohl der inspirierende Spielwitz weiterhin fasziniert. Deswegen könnten nach der Weltmeisterschaft die Goalgetter Erling Haaland und Kylian Mbappé im Mittelpunkt stehen. Oder, wahrscheinlicher, das „Wunderkind“ Lamine Yamal, beim FC Barcelona ebenso mit der Trikotnummer 10 auflaufend, stellt alle in den Schatten. Es existieren Fotos, die den 20-jährigen Messi zeigen, wie er den sechs Monate jungen Yamal badet. Wenn dem keine Symbolkraft innewohnt!

ECKHARD JESSE

lehrte von 1993bis 2014 Politikwissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz. Sein großes Hobby ist der Sport, vor allem Fußball, bei dem er – wann immer es geht – aktiv zuschaut.

Foto: Privat

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