Sind wir relevant für die nächste Generation?

Standpunkt: Oder nur sehr von uns selbst überzeugt? Bei Rotary sprechen wir von Zukunft, Verantwortung und Wirkung. Aber erreichen wir überhaupt noch diejenigen, die diese Zukunft gestalten sollen?
In den vergangenen Jahren habe ich viele junge Führungskräfte kennengelernt. Unternehmer, Ärzte und Ingenieure zwischen 30 und 40 Jahren, die Verantwortung nicht nur diskutieren, sondern bewusst übernehmen wollen. Einige von ihnen habe ich als Gäste in verschiedene Clubs mitgenommen. Dort zeigte sich, was Rotary auszeichnet: Gespräche mit Substanz, eine Dichte an Erfahrung und eine Form persönlicher Begegnung, die im beruflichen Alltag selten geworden ist. Die Reaktionen waren positiv, teilweise waren die Gäste beeindruckt. Und dennoch blieb am Ende eine spürbare Distanz.
Daraus entstand eine Erkenntnis, die sich in vielen Gesprächen wiederholt hat: Eine Einladung allein genügt nicht, um eine neue Generation nachhaltig zu erreichen. Dafür braucht es mehr als Offenheit. Entscheidend ist erlebbare Relevanz. Diese Generation sucht keine Einladung zum Zuhören, sondern Räume, in denen sie gestalten kann und ernst genommen wird.
Es ist zwingend notwendig, für die kommenden Generationen relevant zu werden. Nur wer dies erkennt, bleibt zukunftsfähig und bedeutend
Dabei verfügt Rotary über einen kaum zu überschätzenden Vorteil. Keine Organisation vereint ein so dichtes internationales Netzwerk mit so viel unternehmerischer, gesellschaftlicher und persönlicher Erfahrung. In meinem Rotary Club begegnen sich gleich drei Generationen auf Augenhöhe. Und der Gedanke reicht weiter: In unseren KidsCamps begleiten wir bereits Kinder von sechs bis 14 Jahren. Damit entsteht, zumindest im Ansatz, eine Verbindung über vier Generationen hinweg, eine Konstellation, die kaum eine andere Organisation bietet. Gerade deshalb fällt die Diskrepanz zur Außenwahrnehmung ins Gewicht. Rotary erscheint vielen als traditionsreich, mitunter auch als elitär, zugleich aber als fern ihrer eigenen Lebensrealität. Diese Wahrnehmung ist kein Missverständnis, sondern Ausdruck struktureller Entwicklungen. Eine Organisation, die auch für 40-Jährige attraktiv sein will, muss diese Generation in ihren Führungsstrukturen sichtbar machen. Wer heute die internationalen Gremien betrachtet, erkennt eine beeindruckende Fülle an Erfahrung, aber nur eine begrenzte Durchmischung der Altersgruppen.
Erfahrung allein reicht nicht
Zukunft entsteht dort, wo sie auf neue Perspektiven trifft und unterschiedliche Lebensrealitäten zusammengeführt werden. Rotary steht deshalb vor der Aufgabe, nicht nur neue Mitglieder zu gewinnen, sondern bewusst jüngere Führungspersönlichkeiten einzubinden und sichtbar zu machen. Die daraus entstehenden Fragen sind einfach formuliert, in ihrer Tragweite jedoch erheblich: Wann sehen wir einen RI-Präsidenten unter 50 Jahren? Wann eine RI-Direktorin in den 30ern? Entscheidend ist, dass Führungsfunktionen nicht nur verwaltet, sondern immer wieder neu gedacht werden.
Rotary verfügt über alle Voraussetzungen, um auch in Zukunft eine prägende Rolle zu spielen: ein weltweites Netzwerk, klare Werte und die Fähigkeit, konkrete Wirkung zu entfalten. Offen bleibt, ob es uns allen gelingt, diese Stärke für kommende Generationen nicht nur zu bewahren, sondern für sie neu erfahrbar zu machen. Die nächste Generation steht nicht vor der Tür. Sie ist längst Teil unserer Realität. Die eigentliche Frage ist nicht, ob sie ihren Weg zu Rotary findet, sondern ob Rotary bereit ist, sie als gleichwertigen Teil seiner Zukunft zu verstehen.
Zur Person: Daniel Marbot
Rotary Club Zürich-Flughafen / Der Past-Governor des Distrikts 2000 im Jahr 2022/23 ist Unternehmer und Gastro-Experte























