Geld: Looman!Forum
von Volker Looman |
| Lesezeit: 5 Minuten

Die Angst vor Verlusten zehrt an den Nerven

Geld: Looman! Volker Looman macht keine halben Sachen. Der langjährige FAZ-Autor spricht Missstände klar an und rechnet vor, wie es besser geht – in der einzigen Finanzkolumne für Best Ager. Nur hier im Rotary Magazin

Knicken! Lochen! Abheften! Ich habe kei­ne Ahnung, wie viele Anleger sich jedes Jahr über den schweißtreibenden Drei­kampf von Beamten und Bürokraten är­gern. Be­­merkenswert(er) finde ich nur die Tat­sa­che, dass sich viele Menschen bei der Ver­­waltung ih­res Vermögens nicht anders verhalten. In den letzten Wochen ha­ben zum Beispiel auch Rotarier die Be­richte ihrer Ver­walter erhalten, wie sich 2025 die An­leihen und Aktien entwickelt haben. Ich wette mit Ihnen um zehn Fla­schen besten Rotweins, dass die Be­richte in 90 Prozent aller Fälle weder gelesen noch verstanden, son­­dern geknickt, gelocht und abgeheftet in dunklen Schränken verschwunden sind.

Ich war vor Tagen bei einem Anwalt und einer Ärztin zu Gast. Er ist 65 Jahre alt, sie ist 63 Lenze jung, und die Eheleute schimpften wie die Rohr­spat­zen über ihren Vermögens­verwalter. Das ge­­hört in vielen Häusern zum guten Ton, doch in Wahrheit ging es um etwas ganz anderes. Die beiden Anleger sind mit der Leistung des Ver­walters, der sich seit Jahren um deren 1,5 Millionen Euro kümmert, gar nicht so unzufrieden, sondern sie haben Angst, ihr Ver­mö­gen zu verlieren. Das Ehepaar steht aber unter Druck, kein Geld ver­lieren zu dürfen, und dieser „innere Imperativ“ sorgt für höchsten Stress.

Der Begriff stammt aus der Psychologie. Mit ihm wird umschrie­ben, dass Men­schen durch Erziehung und Erfah­rung bestimmte Ver­­­haltens­weisen entwickelt haben, die zu ge­waltiger Anspannung führen. Wer zum Beispiel er­zo­gen wor­den ist, ein Indi­a­ner – vulgo: Mann – kenne keinen Schmerz, gerät in Stress, wenn’s zum Zahnarzt geht und der Meister den Bohrer anwirft. Ge­nau­so gerät unter Druck, wer der Über­zeugung ist, er dür­fe kein Geld verlieren. Dann geraten Körper, Seele und Geist in Wallung, wenn die Kurse der Aktien ohne Ankündigung um zehn Prozent absacken, auch wenn sie zuvor um 20 Prozent gestiegen waren.

Gegen diesen Imperativ hat der Verstand keine Chance. Folg­lich ist es kein Wunder, dass sich Anleger wie Beamte verhalten. Sie wollen ihre Ruhe ha­ben. Bei den Beam­ten ist die Aus­sicht, das Ziel zu errei­chen, relativ hoch, doch bei Anle­gern ist diese Perspektive rela­tiv gering. Was lehrt uns das? In meinen Augen gibt’s nur drei Möglichkeiten, um im Umgang mit Geld zu Ge­­las­senheit und Ruhe zu fin­den. Die Struktur des Depots muss zum Wesen des Anlegers passen. Die Kosten der Ver­mögensver­wal­­tung sollten so niedrig wie möglich sein. Und die Im­­perative können mithilfe von Mentaltraining vermindert werden. Das sind harmlo­se Maßnahmen, die nicht viel Geld ko­sten, aber hohen Gewinn ver­sprechen.

Dann geraten Körper, Seele und Geist in Wallung, wenn die Kurse der Aktien ohne Ankündigung um zehn Prozent absacken

 

Schauen wir uns die Struktur des Depots an. Wer wie das Ehepaar anderthalb „Einheiten“ investieren möchte, wie Anleger ihre Millionen liebevoll umschreiben, muss das Geld auf Anleihen und Aktien verteilen. Die Aufteilung hängt von dem Betrag ab, wie viel Geld – in Euro und Cent – das Paar zu verlieren bereit ist. Wenn die Antwort bei null Euro liegt, dann haben die Herrschaften an der Börse nichts verloren. Basta! Dürfen es zum Beispiel aber 200.000 Euro sein, dann können 500.000 Euro in Aktien und müssen 1.000.000 Euro in Anleihen angelegt werden. Dahinter steckt die Annahme, dass die Kurse der Aktien um bis zu 40 Prozent einbrechen können, und wenn Sie die 500.000 Euro mit diesem Satz multiplizieren, dann kommen Sie auf die „zulässigen“ 200.000 Euro.

Das Ehepaar bezahlt für die Verwaltung des Vermö­gens jährlich 1,2 Prozent plus die Mehr­wert­steuer von 19 Prozent. Das sind 21.420 – in Worten: einundzwanzigtausendvierhundertzwanzig – Euro pro Jahr. Ich will Sie, sollten Sie sich in ähnlichen Lebens­lagen befinden, nicht davon ab­hal­ten, jemanden zu beschäfti­gen, der Sie durch die Untiefen der Ver­mö­gens­­ver­waltung be­gleitet, doch ich bitte Sie, mal eben schnell zu multiplizieren, wie viel dieser „Lotse“ im näch­sten Jahr­zehnt kosten wird. Das müssten 214.200 – in Worten zwei-eins-vier-zwei-null-null – Euro sein! Und dafür bekommen Sie einen nagel­neuen Porsche vom Allerfeinsten, werte Rotarier, sodass ich Sie nur er­mutigen kann, bei Gelegenheit in einem Besinnungsauf­satz die Frage zu klären, was Ihnen lie­ber ist – der Verwalter oder der Porsche.

Sie mögen ja die Hoffnung haben, meine Damen, ein Mann sei attraktiver als ein 911 Turbo. Da bin ich anderer Mei­nung! Ich vertrete die Auffas­sung, dass der hässlichste Porsche mehr Ausstrah­lung als der schönste Vermögens­verwal­ter besitzt, und ich bin der Über­zeu­gung, meine Herren, dass Sie es schaffen, sich allei­ne um Ihr gutes Geld zu kümmern. Verkau­fen Sie alle Werte, die in dem Depot liegen, und stellen Sie sich mithilfe weniger Indexfonds eine breite Mi­schung zusammen, die zu Ihnen passt. Fertig ist die Laube!

Wenn Ihnen das konveniert, gilt: keine Kündigung vor der Umschichtung! Sonst sind Sie bei einer Transaktion von anderthalb Millionen Euro um 30.000 Euro ärmer, weil der „normale“ Verkauf der Papiere und der „normale“ Kauf der Index­fonds jeweils ein Pro­zent des Anlagebetrages kosten, und das muss nun wirklich nicht sein – oder doch? Vorteilhafter sind die Kündigung der Verwaltung, die Übertragung des bestehenden Depots auf eine Di­rekt­­bank und die Um­schichtung bei diesem Institut. Für die Übertragung dürfen die „abgebenden“ Banken keine Gebühr erheben. Eine Bank darf auch keine Gebühr verlangen, wenn der Kunde nur Teile des Depots überträgt.

Die kostenlose Übertragung von Wertpapieren auf eine Direktbank hat den riesengroßen Vorteil, dass beim anschließenden Verkauf der Papiere höchstens 70 Euro pro Titel anfallen. Werden zum Beispiel insgesamt 50 Aktien à 30.000 Euro veräußert, sind maximal 3500 Euro zu bezahlen. Das ist ein gutes Fünftel der 15.000 Euro, die bei der Hausbank anfallen. Noch günstiger ist der Erwerb der Indexfonds. Der Kauf von fünf Indexfonds kostet 350 Euro; bei der Hausbank würden weitere 15.000 Euro anfallen. Einsparungen von 26.150 Euro bei der Umschich­­tung des Depots und Kostenvorteile von schätzungsweise 169.575 Euro bei der Verwaltung des Depots sind in meinen Augen alle Mühen wert. Oder wollen Sie doch keinen Porsche, in dem (fast) alle Ängste und Sorgen über schwankende Börsen wie von selbst verfliegen?

Zur Person: Volker Looman

Jahrgang 1955, ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Berlin. Er hat 35 Jahre für die FAZ gearbeitet. Nun schildert er im Rotary Magazin jeden Monat, wie der (Un-)Ruhestand vermögender Pensionäre und Rentner in finanzieller Hinsicht einfach, rentabel und sicher gestaltet werden kann.

volkerlooman.de
Volker Looman

Aus dem Magazin

Im Namen des Volkes
03 / 2026
Die da oben
02 / 2026
Geduld
01 / 2026
Die Kraft des Singens
12 / 2025
Unter die Haut: Tattoos
11 / 2025
Die Rente ist sicher
10 / 2025
Als Gott auszog – Gedanken zur Umwidmung von Kirchen
09 / 2025
Österreich - Erinnerungen an die Zukunft
08 / 2025
Comeback des Sportvereins
07 / 2025
Man muss Menschen mögen
06 / 2025
Alles auf Anfang
05 / 2025
Cool Japan
04 / 2025
Mut zum Bruch: Deutschland nach der Wahl
03 / 2025
Gehasst oder geliebt?
02 / 2025
Wettrüsten im All: Wie Europa abghängt wird
01 / 2025