Die Angst vor Verlusten zehrt an den Nerven

Geld: Looman! Volker Looman macht keine halben Sachen. Der langjährige FAZ-Autor spricht Missstände klar an und rechnet vor, wie es besser geht – in der einzigen Finanzkolumne für Best Ager. Nur hier im Rotary Magazin
Knicken! Lochen! Abheften! Ich habe keine Ahnung, wie viele Anleger sich jedes Jahr über den schweißtreibenden Dreikampf von Beamten und Bürokraten ärgern. Bemerkenswert(er) finde ich nur die Tatsache, dass sich viele Menschen bei der Verwaltung ihres Vermögens nicht anders verhalten. In den letzten Wochen haben zum Beispiel auch Rotarier die Berichte ihrer Verwalter erhalten, wie sich 2025 die Anleihen und Aktien entwickelt haben. Ich wette mit Ihnen um zehn Flaschen besten Rotweins, dass die Berichte in 90 Prozent aller Fälle weder gelesen noch verstanden, sondern geknickt, gelocht und abgeheftet in dunklen Schränken verschwunden sind.
Ich war vor Tagen bei einem Anwalt und einer Ärztin zu Gast. Er ist 65 Jahre alt, sie ist 63 Lenze jung, und die Eheleute schimpften wie die Rohrspatzen über ihren Vermögensverwalter. Das gehört in vielen Häusern zum guten Ton, doch in Wahrheit ging es um etwas ganz anderes. Die beiden Anleger sind mit der Leistung des Verwalters, der sich seit Jahren um deren 1,5 Millionen Euro kümmert, gar nicht so unzufrieden, sondern sie haben Angst, ihr Vermögen zu verlieren. Das Ehepaar steht aber unter Druck, kein Geld verlieren zu dürfen, und dieser „innere Imperativ“ sorgt für höchsten Stress.
Der Begriff stammt aus der Psychologie. Mit ihm wird umschrieben, dass Menschen durch Erziehung und Erfahrung bestimmte Verhaltensweisen entwickelt haben, die zu gewaltiger Anspannung führen. Wer zum Beispiel erzogen worden ist, ein Indianer – vulgo: Mann – kenne keinen Schmerz, gerät in Stress, wenn’s zum Zahnarzt geht und der Meister den Bohrer anwirft. Genauso gerät unter Druck, wer der Überzeugung ist, er dürfe kein Geld verlieren. Dann geraten Körper, Seele und Geist in Wallung, wenn die Kurse der Aktien ohne Ankündigung um zehn Prozent absacken, auch wenn sie zuvor um 20 Prozent gestiegen waren.
Gegen diesen Imperativ hat der Verstand keine Chance. Folglich ist es kein Wunder, dass sich Anleger wie Beamte verhalten. Sie wollen ihre Ruhe haben. Bei den Beamten ist die Aussicht, das Ziel zu erreichen, relativ hoch, doch bei Anlegern ist diese Perspektive relativ gering. Was lehrt uns das? In meinen Augen gibt’s nur drei Möglichkeiten, um im Umgang mit Geld zu Gelassenheit und Ruhe zu finden. Die Struktur des Depots muss zum Wesen des Anlegers passen. Die Kosten der Vermögensverwaltung sollten so niedrig wie möglich sein. Und die Imperative können mithilfe von Mentaltraining vermindert werden. Das sind harmlose Maßnahmen, die nicht viel Geld kosten, aber hohen Gewinn versprechen.
Dann geraten Körper, Seele und Geist in Wallung, wenn die Kurse der Aktien ohne Ankündigung um zehn Prozent absacken
Schauen wir uns die Struktur des Depots an. Wer wie das Ehepaar anderthalb „Einheiten“ investieren möchte, wie Anleger ihre Millionen liebevoll umschreiben, muss das Geld auf Anleihen und Aktien verteilen. Die Aufteilung hängt von dem Betrag ab, wie viel Geld – in Euro und Cent – das Paar zu verlieren bereit ist. Wenn die Antwort bei null Euro liegt, dann haben die Herrschaften an der Börse nichts verloren. Basta! Dürfen es zum Beispiel aber 200.000 Euro sein, dann können 500.000 Euro in Aktien und müssen 1.000.000 Euro in Anleihen angelegt werden. Dahinter steckt die Annahme, dass die Kurse der Aktien um bis zu 40 Prozent einbrechen können, und wenn Sie die 500.000 Euro mit diesem Satz multiplizieren, dann kommen Sie auf die „zulässigen“ 200.000 Euro.
Das Ehepaar bezahlt für die Verwaltung des Vermögens jährlich 1,2 Prozent plus die Mehrwertsteuer von 19 Prozent. Das sind 21.420 – in Worten: einundzwanzigtausendvierhundertzwanzig – Euro pro Jahr. Ich will Sie, sollten Sie sich in ähnlichen Lebenslagen befinden, nicht davon abhalten, jemanden zu beschäftigen, der Sie durch die Untiefen der Vermögensverwaltung begleitet, doch ich bitte Sie, mal eben schnell zu multiplizieren, wie viel dieser „Lotse“ im nächsten Jahrzehnt kosten wird. Das müssten 214.200 – in Worten zwei-eins-vier-zwei-null-null – Euro sein! Und dafür bekommen Sie einen nagelneuen Porsche vom Allerfeinsten, werte Rotarier, sodass ich Sie nur ermutigen kann, bei Gelegenheit in einem Besinnungsaufsatz die Frage zu klären, was Ihnen lieber ist – der Verwalter oder der Porsche.
Sie mögen ja die Hoffnung haben, meine Damen, ein Mann sei attraktiver als ein 911 Turbo. Da bin ich anderer Meinung! Ich vertrete die Auffassung, dass der hässlichste Porsche mehr Ausstrahlung als der schönste Vermögensverwalter besitzt, und ich bin der Überzeugung, meine Herren, dass Sie es schaffen, sich alleine um Ihr gutes Geld zu kümmern. Verkaufen Sie alle Werte, die in dem Depot liegen, und stellen Sie sich mithilfe weniger Indexfonds eine breite Mischung zusammen, die zu Ihnen passt. Fertig ist die Laube!
Wenn Ihnen das konveniert, gilt: keine Kündigung vor der Umschichtung! Sonst sind Sie bei einer Transaktion von anderthalb Millionen Euro um 30.000 Euro ärmer, weil der „normale“ Verkauf der Papiere und der „normale“ Kauf der Indexfonds jeweils ein Prozent des Anlagebetrages kosten, und das muss nun wirklich nicht sein – oder doch? Vorteilhafter sind die Kündigung der Verwaltung, die Übertragung des bestehenden Depots auf eine Direktbank und die Umschichtung bei diesem Institut. Für die Übertragung dürfen die „abgebenden“ Banken keine Gebühr erheben. Eine Bank darf auch keine Gebühr verlangen, wenn der Kunde nur Teile des Depots überträgt.
Die kostenlose Übertragung von Wertpapieren auf eine Direktbank hat den riesengroßen Vorteil, dass beim anschließenden Verkauf der Papiere höchstens 70 Euro pro Titel anfallen. Werden zum Beispiel insgesamt 50 Aktien à 30.000 Euro veräußert, sind maximal 3500 Euro zu bezahlen. Das ist ein gutes Fünftel der 15.000 Euro, die bei der Hausbank anfallen. Noch günstiger ist der Erwerb der Indexfonds. Der Kauf von fünf Indexfonds kostet 350 Euro; bei der Hausbank würden weitere 15.000 Euro anfallen. Einsparungen von 26.150 Euro bei der Umschichtung des Depots und Kostenvorteile von schätzungsweise 169.575 Euro bei der Verwaltung des Depots sind in meinen Augen alle Mühen wert. Oder wollen Sie doch keinen Porsche, in dem (fast) alle Ängste und Sorgen über schwankende Börsen wie von selbst verfliegen?
Zur Person: Volker Looman
Jahrgang 1955, ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Berlin. Er hat 35 Jahre für die FAZ gearbeitet. Nun schildert er im Rotary Magazin jeden Monat, wie der (Un-)Ruhestand vermögender Pensionäre und Rentner in finanzieller Hinsicht einfach, rentabel und sicher gestaltet werden kann.
volkerlooman.de



















