Magazin, Magazin-AUNewsRotary Aktuell

Das 100. Jubiläum des Hausarzt-Avatars Dr. Schnuhlmann

von Marion Uhlmann und Andrea Schneider | 
 |  Lesezeit: 5 Minuten

Wohin geht die Entwicklung im Gesundheitssystem? Werden wir künftig alle per KI und von Avataren behandelt? Ein Blick in die Zukunft von schmunzelnden Fachleuten

»Wir kommen nun zu einem erfreulichen Beitrag unserer Auslandskorrespondentin Phillippa Saltwater, die das Glück hatte, die legendären Erfinderinnen unseres beliebten Hausarzt-Avatars Dr. Schnuhlmann anlässlich seines 100. Jubiläums zu interviewen. Wir wechseln zu unserer Liveschaltung in die Seniorenresidenz Rental Boomers auf Mauritius.«

Phillippa: »Hallo, Jennifer vom Mittagsmagazin, hier sind wir an einem der schönsten Strände auf Mauritius, ein blendend weißer Strand aus Korallensand, glasklares Wasser.«

Die Videokamera schwenkt über einen palmenbewachsenen Strand zu einem reetgedeckten Pavillon, in dem die Journalistin zwei hochbetagten zierlichen Damen mit langem, schlohweißem Haar gegenübersitzt.

»Sie sehen hier die Erfinderinnen des beliebtesten Avatars des deutschen Gesundheitssystems. Frau Dr. Uhlmann, möchten Sie uns erzählen, wie es vor hundert Jahren zu dieser Idee kam?«

»Oh, ich bin Dr. Schneider, wir wurden auch damals immer verwechselt, als wir noch eine Gemeinschaftspraxis hatten.« Die beiden Ärztinnen lachen herzhaft, »das hat uns auch auf die Idee gebracht, den Avatar Dr. Schnuhlmann zu nennen. Damals, 2033, war das Gesundheitssystem grauenhaft organisiert. Patiententermine gab es erst nach langen Wartezeiten, Facharzttermine bekam man nach durchschnittlich achtzehn Monaten, und Krankenhäuser wurden geschlossen. Wenn die Patienten endlich einen Termin hatten, mussten sie am Terminal einchecken und alle Beschwerden nennen. Sie schafften es nicht einmal, einen Satz zu Ende zu sprechen, da knallte schon eine Diagnose auf den Tisch, Krankmeldung, Verschreibung von Tabletten und schon war man wieder ausgecheckt.«

»Zum Zuhören war keine Zeit.« Dr. Uhlmann nippt an einem bauchigen Cocktailglas, an dessen Rand eine Orangenscheibe steckt. »Schauderhaft war das. Es gab damals die Leitlinienmedizin der Pharmakommissionen, die uns vorschrieben, welche Krankheit wie zu behandeln sei.«

»Weißt du noch, wie uns schon 2019 auffiel, dass die Chatbots unglaublich professionelle Gespräche führten, einem das Gefühl gaben, zuzuhören, immer freundlich ermunternd antworteten, und auch auf ärgerliche Kommentare super reagierten?«

Dr. Schneider nickt zustimmend, schwenkt ihr Glas, lässt die Eiswürfel leise im zitronengelben Getränk klirren. »Wir führten die Videosprechstunde ein, das war ein praktischer Service für unsere Patienten, die hatten ja auch wenig Zeit. Als dann die digitalen Gesundheitsanwendungen für Depressionen, Diabetes und andere Erkrankungen eingeführt wurden, war die Zeit reif für unseren Avatar.«

Philippa: »Frau Dr. Uhlmann, waren die Patienten denn zufrieden, keinen richtigen Arzt mehr zu konsultieren?«

»Es gab praktisch keine Hausärzte mehr. Es war also alternativlos und eine Lösung musste her. Das Schöne an der Idee war, dass die Patienten endlich so oft und so lange mir ihrem Arzt-Avatar sprechen konnten, wie sie wollten, komplett barrierefrei. Wir ermöglichten sogar eine personalisierte Anpassung je nach Vorliebe der Patienten. Der Avatar konnte männlich oder weiblich sein, mit Bart, Brille oder im Bikini erscheinen.«

Dr. Schneider grinst. »Das haben wir ein wenig eingrenzen müssen, es ist ja eine seriöse Anwendung. Außerdem neigen die Chatbots zu blumigen Übertreibungen. Ausdrücke wie ›galaktische Heilung‹ oder ›teuflische Erkrankung‹ mussten wir herausfiltern. Und an das Ende eines Arztbriefes gehört auch nicht: ›und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute‹. Aber das waren Kinderkrankheiten des Avatars.«

Dr. Uhlmann zieht nachdenklich die Stirne in Falten. »Das klingt jetzt alles sehr gut, aber es gab auch Entwicklungen, die wir nicht beabsichtigt hatten.«

»Ich finde, wir sollten es erzählen«, wirft Dr. Schneider ein. »Nachdem uns das Patent abgekauft wurde, hatten wir keinen Einfluss mehr auf den Avatar und es war für uns schrecklich, erleben zu müssen, was das Gesundheitssystem daraus gemacht hat. Es gab einen brisanten Algorithmus, der die voraussichtliche Lebenserwartung in die Therapieplanung mit einbezog und eine gesellschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellte, die umstrittene EEF, die Evidenz-Effectivity-Formel wurde sie genannt. Wer dem Bruttoinlandsprodukt mehr kostete als einbrachte, bekam ab da eine schlechtere Therapie.«

Dr. Uhlmann zupft an der Orangenscheibe ihres Cocktails. »Tja, da gab es erstaunlich wenig Proteste, obwohl wir diese Zweckentfremdung unserer Idee öffentlich angeprangert haben.«

Philippa: »Wie ging es dann weiter?«

»Unsere Internet-Auftritte gegen Altersdiskriminierung und Triage waren zunehmend unbequem und man legte uns aus dem Ministerium nahe, uns zurückzuhalten, sonst würde eine juristische Spitzfindigkeit gefunden werden, die sehr unbequem für uns wäre.« Dr. Schneider lächelt entspannt. »Wir haben dann die großzügige Abfindung akzeptiert, und beschlossen, auszuwandern.«

Die Kamera schwenkt über Le Mourne Beach, Surfer tanzen über das türkise Wasser.

Phillippa: »Es ist wirklich paradiesisch hier. Eine letzte Frage noch, ich hoffe, Sie halten mich nicht für indiskret. Unseren Zuschauerinnen und Zuschauern müsste klar sein, dass Sie beide ein ungewöhnlich hohes Alter erreicht haben und immer noch blendend aussehen. Was ist Ihr Geheimnis?«

Dr. Uhlmann lächelt mit strahlend weißen Zähnen und einzig ein paar Lachfalten umspielen ihre blitzenden Augen. »Wir hatten auch einige andere geniale Ideen, aber die wollte uns damals niemand im Kassensystem abkaufen.«

Philippa: »Das war zum 100. Jubiläum des beliebten Gesundheits-Avatars Dr. Schnuhlmann live aus Mauritius: Phillippa Saltwater. Ich gebe zurück an das Münchner Hauptstadt-Studio.«

Andrea Schneider und Marion Uhlmann (links, RC Büdingen) arbeiten als niedergelassene Ärztinnen in einer Gemeinschaftspraxis. Da viele Patienten sie immer wieder verwechselten, kamen sie auf die Idee des ärztlichen Avatars Dr. Schnuhlmann.

Foto: privat

Zum Magazin

Taiwan: Das andere China
06 / 2026
Die grosse Versuchung
05 / 2026
Fäden ziehen
04 / 2026
Im Namen des Volkes
03 / 2026
Die da oben
02 / 2026
Geduld
01 / 2026
Die Kraft des Singens
12 / 2025
Unter die Haut: Tattoos
11 / 2025
Die Rente ist sicher
10 / 2025
Als Gott auszog – Gedanken zur Umwidmung von Kirchen
09 / 2025
Österreich - Erinnerungen an die Zukunft
08 / 2025
Comeback des Sportvereins
07 / 2025
Man muss Menschen mögen
06 / 2025
Alles auf Anfang
05 / 2025
Cool Japan
04 / 2025
Mut zum Bruch: Deutschland nach der Wahl
03 / 2025
Gehasst oder geliebt?
02 / 2025
Wettrüsten im All: Wie Europa abghängt wird
01 / 2025