Die zunehmende Beliebtheit der Talare an deutschen Universitäten - „Wilhelm, Alexander und ich“

Bei den Abschlussveranstaltungen der Universität Bonn gehören Talare mittlerweile wieder fest dazu. © Ulrich Baumgarten / Getty Images

14.05.2013

Die zunehmende Beliebtheit der Talare an deutschen Universitäten

„Wilhelm, Alexander und ich“

Malte Herwig

Sie ist nicht leicht, die Last der Tradition. Gewirkt in Samt und Seide und mit goldenem Brokat besetzt, kommt der Talar des Rector Magnificus der Universität Münster gut und gerne auf das Gewicht eines Bierkastens, und zwar eines gefüllten. Rund 100 der prächtigen Kleidungsstücke verwahrt Universitätsarchivarin Sabine Happ in ihrem Fundus: prächtige Gewänder für Dekane, Rektor und Pedell in strahlendem lila, purpur oder blau. Einfache Professoren müssen sich mit der Grundausstattung in Martin-Luther-Schwarz und dezenten, fachlich abgestimmten Farbapplikationen begnügen. Noch vor einiger Zeit habe kaum jemand von dem traditionsreichen Kostümfundus gewusst, erklärte Sabine Happ vor kurzem den „Westfälischen Nachrichten“. Doch nun bekommt die Universitätsarchivarin öfter Besuch von Professoren, die sich – etwa für akademische Festakte an ausländischen Universitäten – traditionell gewanden wollen und einen Talar mitsamt Barrett ausleihen. Tatsächlich herrscht an ausländischen Hochschulen, etwa in Großbritannien, Südeuropa oder den USA, eine ungebrochene Tradition akademischer Kostümierung: in Oxford, Harvard oder Coimbra sind die geschichtsträchtigen Roben bei Abschlussfeiern und Universitätsfesten Pflicht. An deutschen Hochschulen hingegen war die farbenprächtige Ordinarien-Herrlichkeit jahrzehntelang aus der Mode – aus politischen Gründen. Als protestierende Studenten 1967 gegen elitäre Hierarchien und die mangelnde Aufarbeitung der NS-Zeit rebellierten, witterten sie „unter den Talaren“ den „Muff von 1000 Jahren“. Bald wurden Hermelin und Seide, Samt und Goldbrokat von der universitären Bühne verbannt. Die prunkvollen Gewänder verschwanden in der Mottenkiste, und aus akademischen Meilensteinen wie dem Studienabschluss wurde eine nüchterne Angelegenheit. Für die meisten Studenten endete die Hochschulausbildung fortan mit der wenig feierlichen Zustellung des Diploms auf dem Postwege.

Renaissance von Talar und Doktorhut

Zur gleichen Zeit wurde auch in der DDR das Tragen der Talare abgeschafft, allerdings nicht aufgrund von Studentenprotesten, sondern regierungsamtlich von oben verordnet. Ein letztes Mal trugen DDR-Professoren noch zum 450. Reformationsjubiläum im Jahre 1967 ihre Roben. Dann schaffte das sozialistische Hochschulrahmengesetz die Ordinarienuniversität in Ostdeutschland ab und ersetzte die Lehrstuhlinhaber durch „Wissenschaftsbereichsleiter“ – ein Begriff, der fast schon nach der schönen neuen Welt des Wissenschaftsmanagements im 21. Jahrhundert klingt. Nach 1989 waren es vorwiegend ostdeutsche Universitäten wie Rostock, Greifswald und Halle, die sich auf die verlorenen Traditionen besannen. Sie holten Ketten und Kutten wieder aus dem Fundus und versuchten durchaus erfolgreich, über die DDR-Jahre hinweg eine Brücke in die länger zurückliegende glorreiche Vergangenheit zu schlagen. Die Martin-Luther-Universität Halle hat heute sogar einen eigenen Zeremonienmeister. Die Renaissance von Talar und Doktorhut in Westdeutschland dagegen ist ausgerechnet der Klientel zu verdanken, die einst vehement ihre Abschaffung forderten: den Studierenden selbst. Dabei wurden an deutschen Universitäten zwar jahrhundertelang Talare als Amtskleidung getragen, allerdings nur von den Professoren und universitären Würdenträgern wie Dekanen und Rektoren. Als Pionier des Studententalars im 21. Jahrhundert darf deshalb der Bochumer Student Christoph Schick gelten. Er orderte 2001 für die Abschlussfeier seines Studienjahrgangs eine Talar-Lieferung aus den USA und kleidete seine Mitabsolventen an der Ruhr-Universität ein. Der findige Studiosus Schick verband dabei Pomp und Pragmatismus: „Trägt man an der Uni nur einmal“, erklärte er dem „Spiegel“, „ist aber auch im Karneval schick“. Auch an der Philipps-Universität Marburg waren die Talare 1968 eingelagert worden. Vierzig Jahre später fingen die Absolventen der Rechtswissenschaften und Medizin wieder an, Talar und Doktorhut zu tragen, die mit farbigen Bändern geschmückt sind: Rot für die Juristen, scharlachrot für die Mediziner, lila für die Theologen und blau für die Philosophen. Dem guten Beispiel folgend, trug im Semester darauf auch der Dekan des Fachbereichs Rechtswissenschaften anlässlich einer Promotionsfeier erstmals wieder seine Robe. Die Absolventen des Anglistik-Studiums an der Universität Freiburg feiern seit sechs Jahren ihren Studienabschluss nach amerikanischem Muster auf einer eigenen „Graduation Party“. Das Englische Seminar hält dafür zehn Leih-Roben bereit, mit denen sich die Absolventen für die Zeremonie einkleiden können. „Die stilvolle schwarze Staffage ist ein wichtiger Teil der Inszenierung. Wenn die Absolventen ihre Hüte in die Luft schleudern und der Fotograf auf den Auslöser drückt, tobt der bis zum Rand gefüllte Hörsaal“, begründete die Amerikanistik-Professorin Sieglinde Lemke im Freiburger Uni-Magazin die neue Tradition.

Frischer Wind statt Muff

Doch die Wiedereinführung von Talaren stößt auch auf Kritik ­– nicht nur von Seiten akademischer Altachtundsechziger, sondern auch heutiger Studenten. Der ehemalige Freiburger AStA-Vorstand Clemens Weingart antwortete Lemke in der Unizeitung: „Was wir brauchen, sind mehr Räume im Studium, wo die ‚universitas’ der Lehrenden und Lernenden erfahrbar wird und wo die Lernenden sich als Bereicherung verstehen können. Ohne das bleibt jede Abschlussfeier im Talar Inszenierung – eine Show ohne Inhalt! Darauf kann ich verzichten.“ Dem Enthusiasmus von Amerikanistik-Professorin Sieglinde Lemke können solche Vorbehalte keinen Abbruch tun. Sie gab in Freiburg auch gleich eine neue Losung aus: „Für die nächsten hundert Jahre, frischen Wind unter die Talare“. Für den soll Martin Augsdörfer sorgen. Gemeinsam mit seinem Bruder Peter betreibt er die Firma „Robe Academicus“. Die Brüder beliefern rund 250 Hochschulen mit akademischen Gewändern, vom einzelnen Doktorhut bis hin zur ganz großen Garderobe für Großveranstaltungen wie die Abschlussfeier an der Universität Bonn. Dabei besteht selbstverständlich „Talar- und Barrettpflicht“, wie die Universität auf ihrer Website mahnt. Beim Universitätsfest ziehen rund 1000 Teilnehmer in vollem Ornat im Sternmarsch zur Hofgartenwiese und werfen auf dem Höhepunkt der Veranstaltung ihre Doktorhüte nach amerikanischem Muster in die Luft. Für den Talarlieferanten Augsdörfer ein gutes Geschäft. Er hat Verständnis dafür, dass die Studenten nach jahrelanger harter Arbeit ihre Leistung angemessen feiern wollen: „Ich bin da Hedonist“. Tatsächlich seien es meist Professoren, die die neue Talar-Mode ablehnen. Ein Missverständnis, findet Augsdörfer. Früher seien Talar und Doktorhut Symbole des universitären Establishments gewesen, glaubt Augsdörfer, heute seien sie vor allem ein „Fun-Faktor“. Er sieht in der neuen alten Tradition ein Globalisierungsphänomen: „Das hat nichts mit den alten Talaren zu tun, das ist was ganz Neues, Modernes“. Zudem verschaffen bunte akademische Rituale den Hochschulen Aufmerksamkeit: „Mit den Roben kommt man in die Zeitung“.

Profil statt Gleichmacherei

Tatsächlich scheint es nur auf den ersten Blick überraschend, wenn sich moderne Universitäten im Zeitalter von Bologna-Prozess, Hochschulstrukturreform und von Unternehmensberatern gesteuerten Imagekampagnen auf alte Rituale zurückbesinnen. Im Wettbewerb um Exzellenzstatus, Fördergelder, die besten Studenten und die spendabelsten Alumni folgen viele Hochschulen dem Motto „Zurück in die Zukunft“.

Wie nahtlos Tradition und Moderne ineinander übergehen, zeigte jüngst eine Ausstellung der Universität Würzburg, die den vielsagenden Titel „Von Siegel, Szepter und Talar zur Corporate Identity“ trug. Irgendwo dort zwischen mittelalterlichen Formeln und dem Consulting-Neusprech der Unternehmensberater liegt auch die Lebenswelt heutiger Studenten. Deutsche Studenten mögen die Talare und Doktorhüte zwar nur zur Abschlussfeier tragen und nicht, wie die Mitglieder der Universität Oxford, jeden Abend zum gemeinsamen Essen. Doch auch ihre Alltagskleidung können sie sich inzwischen mit universitärem „Branding“ besorgen. In vielen Uni-Shops werden heute Pullis, T-Shirts und Kaffeetassen mit dem Logo der jeweiligen Alma Mater verkauft. Der HumboldtStore an der Berliner Humboldt-Universität bietet seit geraumer Zeit „Deutschlands erste Uni-eigene Kollektion“ von Kapuzenjacken feil. Es ist eine Art moderner Straßentalar für den Berliner Boulevard, und er soll wie einst die akademischen Roben den Träger als Spross einer großen Tradition herausstellen. Die Aufschrift lautet: „Wilhelm & Alexander & Ich“.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2013

Malte Herwig
Dr. Malte Herwig ist Reporter und Autor. Zuletzt erschien „Die Frau, die Nein sagt. Rebellin, Muse, Malerin - Françoise Gilot über ihr Leben mit und ohne Picasso “ (Ankerherz Verlag 2015). Für das Rotary Magazin befragt er regelmäßig Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft.  www.malteherwig.com

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