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Buch des Monats

Unerfüllbare Sehnsucht?

Buch des Monats  - Unerfüllbare Sehnsucht?

Der Traum vom ewigen Frieden ist so alt wie die Menschheit. In seinem neuen Buch denkt der Historiker Michael Wolffsohn (RC München-Schwabing) darüber nach, wie wir diesem Ziel näherkommen könnten

Malte Herwig01.08.2015

Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg. Jeder sitzt unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum und niemand schreckt ihn auf.“

Es ist eine herrliche Utopie, die der Prophet Micha des Alten Testaments hier beschreibt. Michael Wolffsohn teilt die Vision seines biblischen Namensvetters nicht: „Das Zeitalter der biblischen Propheten ist vorbei“, verkündet der Historiker und Politikwissenschaftler gleich zu Beginn seiner lebhaften Polemik über den Weltfrieden.

Statt hoffnungsvoller Utopien bietet Wolffsohn eine scharf gewürzte Portion Realismus. Als besonderes Hindernis auf dem Weg zum Weltfrieden gelten ihm die Nationalstaaten, die sich in der Neuzeit aus dem Drang der Bürger nach Selbstbestimmung entwickelten. Erst im Rückblick stellte sich heraus, dass die Bewohner jener Nationalstaaten bedauerlicherweise nur mühsam davon abzubringen sind, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Bosnien-Herzegowina, Syrien, Libyen, Irak – wohin der Autor blickt, sieht er einstürzende Neubauten, eine „UNordnung“ zerbröselnder Staatsgebilde, die er nicht müde wird als unrealistische „Kunstprodukte und damit Totgeburten“ zu kritisieren.

Wolffsohn geht davon aus, dass dieser chaotische Zustand sich verschlimmern wird und in Zukunft noch mehr Staaten zerfallen werden. Zu Recht entlarvt er die heutzutage als Allheilmittel propagierten „humanitären Interventionen“ als willkürlich (warum interveniert man in Mali, aber nicht in Ruanda?). Oft versteckten sich hinter solchen militärischen Engagements handfeste wirtschaftliche Interessen. Ohnehin bleiben solche Interventionen, die kriegerischen Einsätzen einen moralischen Mantel umhängen, meist langfristig erfolglos, weil mit ihnen lediglich an politischen Symptomen herumgedoktert wird, anstatt die tiefergehenden Ursachen der Konflikte anzugehen.

Umformung der Staatsgebilde

Als Gegenmittel gegen die drohende geopolitische Entropie empfiehlt Wolffsohn eine wissenschaftliche Methode, die er als „historisch-bevölkerungspolitisches Röntgen“ bezeichnet. Mithilfe dieser Methode möchte er „Kriterien für eine politische Lenkung finden, durch die nicht die Auflösung von Staaten befördert, sondern ihre (über)lebensfähige Umformung ermöglicht wird“.

Wolffsohns Zauberwort heißt: Föderalismus. Eine räumlich-territoriale oder gruppenbezogene Selbstbestimmung und Machtteilung innerhalb oder zwischen Staaten sieht er als das wirkungsvollste Mittel gegen die heute immer wieder aufbrechenden Konflikte.

Dass mancher sein polemisch zugespitztes Plädoyer für föderale Vielfalt unrealistisch finden mag, spricht nicht gegen Wolffsohns Thesen. Schon Immanuel Kant verfocht in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ die These, dass jener Friede trotz aller Rückschläge das Endziel der Geschichte sei. Den Titel seines Werks, bemerkte der Königsberger Philosoph, habe er einem holländischen Wirtshausschild entlehnt, auf dem ein Friedhof abgebildet war.