Rotary-Entscheider - » Kein Mensch kann Multitasking «

WOLFGANG GRENKE: Wurde am 3. Februar 1951 in Baden-Baden geboren. Er ist Vorstandsvorsitzender der Grenkeleasing AG, die auf das Leasing kleiner IT-Anschaffungen spezialisiert ist. Im Jahre 2009 stiftete er das Kulturhaus LA 8 „Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts“. Seit dem Jahre 2000 ist er Mitglied im Rotary Club Baden-Baden-Merkur. © Bild: Martin Wagenhan

01.07.2015

Rotary-Entscheider

» Kein Mensch kann Multitasking «

Im Gespräch mit Malte Herwig

Im Gespräch mit dem Unternehmer Wolfgang Grenke, der in seiner Heimatstadt Baden-Baden ein Museum des 19. Jahrhunderts stiftete und den örtlichen Schachclub sponsert.

Die hübsche Provinzstadt Baden-Baden erlebte ihren Aufstieg zur europäischen Sommermetropole im 19. Jahrhundert, als dort der deutsche Kaiser kurte und Dichter wie Dostojewski und Turgenew ihre Tantiemen verzockten. Neben dem Casino hat die Stadt das zweitgrößte Festspielhaus Europas, eine Galopprennbahn und jede Menge Konsumangebote für reiche Russen, die ihr gerade wieder zu einer zweiten Blütezeit verhelfen.

Der Unternehmer und Mäzen Wolfgang Grenke dagegen hat nichts Mondänes an sich, er strahlt vielmehr die Tugenden des deutschen Mittelstands aus: Fleiß, Sorgfalt und Unaufdringlichkeit. Er empfängt in der Zentrale der Grenkeleasing AG am Stadtrand, einem modernen Bürokomplex aus Glas und Stahl direkt neben Eisenbahngleisen. An Orten wie diesem wird das Geld erwirtschaftet, das das alte Baden-Baden in neuem Glanz erstrahlen lässt. Grenke engagiert sich über seine Stiftung in vielen kulturellen und sozialen Projekten. Er hat mit dem Kulturhaus LA8 ein Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts gegründet und behauptet von sich, als Mäzen und Unternehmer mit geradezu mathematischer Logik zu handeln.  

Rotary Magazin: Herr Grenke, Sie gelten als kühl kalkulierender Stratege. Ihr Leitsatz lautet: „Was man nicht messen kann, das kann man auch nicht managen.“ Ihre Firmenzentrale aber befindet sich ausgerechnet in der Spielerstadt Baden-Baden.
Wo ist der Widerspruch? Glücksspiel ist doch ein statistischer Ansatz.

Wann haben Sie denn das letzte Mal am Roulette-Tisch gesessen?
Dazu müssen Sie wissen, dass allen Einwohnern von Baden-Baden das Betreten des Casinos bis vor zwanzig Jahren offiziell verboten war. Die Stadt wollte verhindern, dass die Spielsüchtigen der Sozialhilfe anheimfallen. Ich hatte zwar eine Sondergenehmigung, um das Spielcasino mit Gästen zu besuchen. Aber ich habe nie gespielt. Ich kann mir ja ausrechnen, wie hoch die Chancen sind. Warum soll ich zehn Euro hinlegen und acht Euro zurückbekommen? Daran habe ich keinen Spaß.

Bertolt Brecht hat einmal gesagt: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Sie müssen es wissen, schließlich haben Sie 2009 die Grenke Bank AG gegründet. Hat Brecht recht?
Die Banken haben im Moment keinen besonders guten Ruf, da klingt der Satz von Brecht natürlich wieder einmal aktuell. Aber sachlich trifft er nicht zu. Das Problem besteht darin, dass Geld ein sehr homogenes Gut ist. Ein 50-Euro-Schein ist genau so viel wert wie der andere. Sie können in dem Bereich keine Qualität erzeugen. Trotzdem gibt es ein paar Möglichkeiten. Wir finanzieren mit unserer Bank Leasingverträge, weil man beim Leasing mehr als beim Kredit zusätzliche Leistungen anbieten kann, die uns von Mitbewerbern unterscheiden.

Einspruch: Nicht alles Geld ist gleich. Es kommt auch darauf an, aus welchen Quellen es strömt. Oder halten Sie es mit dem römischen Kaiser Vespasian, der sagte: Geld stinkt nicht?
Geld war anfangs einfach nur ein Hilfsmittel, um zwischen Bedürfnissen einen Ausgleich zu schaffen. Dann verselbständigte sich das und die Leute dachten: Ich kann das Geld ja auch behalten und es anlegen, damit ich immer mehr Geld habe. Irgendwann ist es eine Frage der Qualität einer Person, zu welchem inneren Preis sie bereit ist, viel Geld für Dinge zu nehmen, die andere eher ablehnen würden.

Gibt es Geschäfte, die Sie abgelehnt haben?
Ja, wir hatten während des Balkankriegs Mitte der Neunziger Jahre Anfragen von serbischen Firmen. Wir hätten aber auch mit der Gegenseite nicht zusammengearbeitet. Es schien uns zu naheliegend, dass das für kriegerische Zwecke eingesetzt wird. Heute ist das anders. In Kroatien haben wir letztes Jahr eine neue Niederlassung gegründet.

Und in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Haben die Scheichs nicht genug Geld? Ein Leasingunternehmen in Dubai zu gründen, ist doch, als wollten Sie Eiswürfel an Eskimos verkaufen.
Leasing hat eine ganz andere Funktion als die reine Finanzierung. Unsere Kunden wollen eine gleichmäßige Belastung in ihrer Ergebnisrechnung und das mit einem Investitionsobjekt verbinden, dass sie am Ende durch eine neue Investition ersetzen können. Die Planbarkeit spielt eine große Rolle. Wir arbeiten auch in Dubai mit normalen Handwerks- und Handelsbetrieben zusammen, also mit Kleinunternehmern wie in Deutschland.

Als Sie 1978 während des Studiums Ihre Firma gründeten, war Leasing in Deutschland noch etwas ganz Neues. Wie kamen Sie auf die Idee?
Ich habe Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe studiert und mein Studium mit Taxifahren finanziert. Damals wollten die ersten Leasingfirmen aus Kostengründen möglichst keine Verträge unter 50.000 Euro abschließen, weil ihnen das zu viel Aufwand war. Da hatte ich die Idee, Leasingverträge für niedrige Beträge zu machen. Ich konnte schon recht gut programmieren, habe die Software für die Verwaltung einfach selbst geschrieben und meine Firma mit 1800 Mark Startkapital gegründet, die ich durch das Taxifahren verdient hatte. Nach anderthalb Jahren war das Geschäft so stark gewachsen, dass ich Urlaubssemester nehmen musste, und dann habe ich irgendwann entschieden, dass ich mein Studium vielleicht fertig mache, wenn ich einmal pensioniert bin.

Seitdem ist Ihr Unternehmen rasant gewachsen und inzwischen auch an der Börse notiert. Sie sind weltweit in 29 Ländern vertreten und wollen kräftig weiter expandieren. Wann stehen Sie morgens auf?
Heute um 6.15 Uhr, viel früher als sonst. Ich bin aus Zürich gekommen, dort bin ich Präsident des Verwaltungsrats einer Niederlassung und habe auch eine Wohnung.

Von wichtigen Entscheidern hat man ja meist das Bild, dass die sich für ihr Lebenswerk aufreiben, immer auf Abruf sind und kaum schlafen. Margaret Thatcher soll mit vier Stunden ausgekommen sein.
Das mag sein, andererseits schläft der amtierende Schachweltmeister Magnus Carlsen neun Stunden. Ich brauche sieben Stunden, wenn ich mich wohlfühlen soll, und die bekomme ich meistens auch. Ich habe schon immer gern und lang und gut geschlafen.

Viele Manager klagen heute über Burnout. Ist das eine Modeerscheinung und die junge Generation einfach nur verweichlicht?
Nein, die Menschen ändern sich nicht so schnell. Aber die Umstände. Heute haben Sie Smartphone, Tablet, Computer ständig um sich. Wenn die Leute jetzt anfangen, dauernd damit herumzuspielen und alles parallel zu machen, kriegen sie ein Problem. Wir Menschen können nichts richtig parallel machen. Kein Mensch kann Multitasking. Außer Frauen, die Autofahren und im Schaufenster nach Schuhen gucken.

Sie haben selbst ein Tablet mitgebracht. Diktiert man als Vorstandsvorsitzender eines Unternehmens mit 1000 Mitarbeitern heute keine Briefe mehr?
Ich habe noch nie in meinem Leben einen Brief diktiert. Als ich zwölf Jahre alt war, hat mir mein Vater einen Schreibmaschinenkurs finanziert, deshalb kann ich zehn Finger blind schreiben und auch sehr schnell programmieren. Wir haben zwei Sekretärinnen für den gesamten Vorstand und den Aufsichtsrat. Wir schreiben unsere E-Mails selber und drucken sie möglichst nicht aus, sondern verarbeiten sie gleich in der Cloud weiter. Ich bin gut vernetzt und kann von überall auf meine Daten zugreifen.

Haben Sie Vorbilder?
Willy Brandt hat mich mit seiner Friedenspolitik geprägt. Aber generell mache ich das weniger an Personen als an Zielen fest. Ich frage mich: Was hat mir die Gesellschaft gegeben, wie kann ich da etwas zurückgeben? Deswegen bin ich auch Rotarier.

Was schätzen Sie an Rotary?
Die Internationalität natürlich. Die Freundschaft von Berufstätigen untereinander, die viele Impulse gibt. Das Ziel, nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu sein.

Finden Sie überhaupt die Zeit, Präsenz zu machen?
Durch meine zusätzliche Tätigkeit als IHK-Präsident ist das etwas schwieriger geworden, aber ich gebe mir jede Mühe! Ich bin außerdem noch Sekretär in unserem Club und veranstalte auch jedes Jahr eine einwöchige Reise für unseren Club.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Museum zu gründen? Sind Sie Sammler?
Nein, außer Musik sammele ich nichts. Aber mir kam vor ein paar Jahren die Idee, dass viele Kunstwerke einen technischen Ursprung, eine Inspiration durch Innovation hatten. Die erste Blütezeit Baden-Badens war die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit sind tolle technische Errungenschaften entstanden, die auch Kultur und Kunst maßgeblich beeinflusst haben.

Sie sind leidenschaftlicher Schachspieler und fördern als Mäzen auch die Ooser Schachgesellschaft Baden-Baden. Durch Ihre finanzielle Unterstützung wurde aus dem kleinen lokalen Schachverein einer der wichtigsten Clubs Deutschlands. Was bedeutet Ihnen das ehrenamtliche Engagement?
Ich glaube, wir sind der stärkste Verein der Welt. Neben Carlson sind auch Viswanathan Anand, Peter Swidler, Michael Adams und Lewon Aronjan Mitglieder bei uns – einige der besten Spieler der Welt.

Wenn Ihre Angestellten mit Ihnen Schach spielen, müssen die Sie dann gewinnen lassen?
Ich habe noch nie gegen meine Vorstandskollegen gespielt. Aber mein Fahrer ist ungefähr auf meinem Level im Schach, und in der Buchhaltung haben wir zwei Mitarbeiter, die besser als ich spielen.

Was kann man vom Schachspiel als Entscheider lernen? Was ist der wichtigste Zug?
Schachmatt setzen natürlich! Aber sie dürfen nicht vergessen: Ein Schachspiel ist kurz, das Leben lang. Da reichen nicht ein paar geniale Züge. Die guten Züge sind immer die, die man sich erarbeiten muss – beim Schach genauso wie im Beruf. Natürlich gibt es Genies. Aber wenn man ein ganz normaler Mensch ist wie Sie und ich, dann stellt man fest, dass man an seinen besten Zügen ziemlich lang arbeiten muss.

Viele talentierte junge Menschen wollen heute nicht Ärzte, Lehrer oder Wissenschaftler werden, sondern als Juristen in Großkanzleien oder in die Finanzwelt gehen. Was würden Sie denen sagen, ist das Tolle an Ihrem Job als Unternehmer?
Der Begriff Entscheider sagt es ja schon. Natürlich kann man auch als Unternehmer nicht alle Entscheidungen allein treffen. Aber man kann weit mehr Entscheidungen beeinflussen und am Ende treffen, wenn man eine selbständige Tätigkeit ausübt. Und das ist ungeheuer befriedigend. Man hat die Macht, die Dinge für sich selber so zu ordnen, wie man sie haben möchte. Das ist Freiheit. 

Erschienen in Rotary Magazin 7/2015

Malte Herwig
Dr. Malte Herwig ist Reporter und Autor. Zuletzt erschien „Die Frau, die Nein sagt. Rebellin, Muse, Malerin - Françoise Gilot über ihr Leben mit und ohne Picasso “ (Ankerherz Verlag 2015). Für das Rotary Magazin befragt er regelmäßig Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft.  www.malteherwig.com

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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